Ausstellung

In Berlin stehen die Künstler noch selbst Schlange

In der Kunsthalle der Deutschen Bank in Berlin-Mitte darf man eigene Werke zeigen. Der Ansturm ist gewaltig. Vom Kunststudenten bis zum Hobbymaler reihen sich alle ein und warten für die große Chance.

Foto: FABRIZIO BENSCH / REUTERS

„Damit habe ich ja gar nicht gerechnet!“ Kopfschüttelnd steht eine ältere Frau auf dem Bebelplatz in Berlin-Mitte. „Ich bin erst seit fünfzehn Minuten hier, ich dachte, ich könnte mir Zeit lassen.“ Doch da hat sie sich geirrt: Vor ihr ist eine etwa 700 Meter lange Menschenschlange. Und alle wollen nur eins: Das Bild, das sie unter dem Arm haben, hängen sehen.

„Macht Kunst: Ihr Meisterwerk in der neuen KunstHalle. Am 8. April. Für 24 Stunden.“ – Damit wirbt die Deutsche Bank an der Charlottenstraße seit ein paar Tagen. Denn die neue KunstHalle, die am 18. April 2013 eröffnet wird, soll Gegenwartskunst beherbergen. Die Aktion „Macht Kunst“ ist das Vorprogramm.

Und es kommen Massen, um kleine und große Oeuvre beizusteuern. Gehängt wird, bis die Halle voll ist. Gute Chancen also für Julie Böhm. Seit mehr als drei Stunden steht die Wienerin an – versorgt mit heißem Kaffee, der an die Wartenden ausgeteilt wird. Nach ihrem Malereistudium in Wien ist sie nun in Berlin für Digital Design immatrikuliert. Sie hat ein Bild von einem Löwenkopf mitgebracht, der seinen Betrachter selbst durch die Plastikverpackung des Gemäldes anzufauchen scheint.

Warum sie sich die Anstehen antut? „Um das Ganze für meine Homepage dann fotografieren zu können. Solche Veranstaltungen sind ja immer gute Werbung.“ Auf dem iPad zeigt sie noch mehr von ihrer Arbeit: Bodypainting, Street Art, gegenständliche Malerei – alles ist dabei. Und sie will an die Öffentlichkeit damit.

„Ich muss nicht davon leben, zum Glück“

Anders denkt ein Mann 20 Meter hinter ihr. Er kommt aus Berlin-Tegel und malt vor allem zum Spaß. Mit Acrylfarben bringt er abstrakte Formen auf die Leinwand. „Das riecht weniger als Ölfarben und trocknet vor allem schneller.“ Er ist Hobbymaler, hat er aber auch schon ausgestellt. In der Stadtbibliothek in Tegel kann man ein paar seiner Bilder bewundern. „Aber ich muss nicht davon leben, zum Glück.“ Denn in Berlin ist es schwierig, Ausstellungsmöglichkeiten zu finden, „außer man möchte in Zahnarztpraxen hängen.“

Drei Kunststudenten haben es bereits bis zur Ecke Unter den Linden/Charlottenstraße geschafft. Sie haben schon oft versucht, ihre Werke auszustellen. „Das Berliner Publikum ist nicht das Spendabelste. Da soll Kunst für ein, zwei Euro zu haben sein. Davon kann man nicht leben und es wird dem Aufwand und der Sache nicht gerecht.“ Aber das verdirbt ihnen nicht die Laune, sie sehen es mit Humor: „Das hier ist eher ein Event. Ob man dann da hängt oder nicht, ist nicht so wichtig. Die Stimmung ist gut und man lernt ein paar Leute kennen.“

„Dann kommen wir eben morgen wieder“

Stillleben, Porträts, Aktmalerei – alles ist dabei an diesem Freitag. Und Kunst kennt keine Konvention: Neben vielen jungen Arbeiten findet man auch den ein oder anderen „Altmeister“. Je länger die Schlange wird, desto besser die Stimmung. „Wir bleiben hier weiter stehen und wenn wir heute nicht rankommen, kommen wir eben morgen wieder“ beschließt ein junges Pärchen ganz am Ende der Schlange. Denn das Warten kann sich lohnen: Jedes gehängte Bild nimmt am Wettbewerb der Deutschen Bank teil. Vergeben werden ein Publikumspreis, dotiert mit 500 Euro und einem einjährigen Atelierstipendium, und ein Jurypreis.

Vor allem Letzterer ist interessant für eine Kunststudentin aus München: „Es kann passieren, dass man dann im kommenden November eine zweiwöchige Einzelausstellung gewinnt. Und man hat gleichzeitig eine Fachjury von sich überzeugen können.“ Auch sie wird weiter warten – und vielleicht sehen wir bald mehr von ihr.

Kunsthalle der Deutschen Bank in Berlin. Kunstwerke können bis 7. April 2013, jeweils von 10-19 Uhr in der Charlottenstraße 37/38 abgegeben werden.