Konzert

Justin Bieber begeistert seltsam hölzern die Fans in Berlin

Justin Bieber braucht nichts zu tun, damit seine Fans kreischen. Dennoch lieferte der Pop-Sänger in Berlin natürlich die erwartete Show ab. So rund wie bei den Großen seiner Zunft lief es nicht.

Wie schwierig die Kommunikation mit einem Publikum ist, dass bei jedem Wort aus Justin Biebers Mund nur Kreischen kann, wird kurz vor Ende des Konzerts in der fast ausverkauften Berliner O2 World deutlich.

„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht, welche wollt ihr zuerst?“, fragt Bieber. Die Antwort ist das große Kreischen. „Gut, dann zuerst die schlechte.“ Noch einmal Kreischen.

Justin Bieber sagt dann weiter, er spiele jetzt nur noch ein Lied, und die gute Nachricht sei, dass er dieses Lied all seinen Fans widme, damit sie ihre Träume erfüllen, egal ob sie Tänzer, Ärzte oder Polizisten werden wollen. Man müsse eben nur daran glauben – auf Englisch: „Believe“. Dann werde alles gut.

Das war dann auch die eine große Botschaft des Abends an die rund 17.000 Fans beim Berliner Konzert am Sonntagabend. Die andere war sein Motto, an das Bieber sich immer gehalten habe: „Sag niemals nie.“ Denn mit diesen beiden Lebenseinstellungen habe es der heute 19-Jährige in vier Jahren vom YouTube-Star auf die großen Bühnen der Welt geschafft. Und das – wie er selbst von sich sagt – ohne besonders gut singen zu können.

Eine gewisse Rolle wird auch sein Aussehen und die Fähigkeit zu tanzen gespielt haben. Denn schließlich muss es einen Grund geben, warum tausende Berliner und Berlin-Besucher bereits um 16 Uhr im Schnee vor der Halle stehen und darauf warten, dass das Konzert Stunden später beginnt.

Das erste Konzert in einem jungen Leben

Eine von ihnen ist die sechsjährige Merle. Ihr Vater Maik K. ist mit ihr extra aus Chemnitz angereist, sie übernachten bei Freunden in Berlin. „Sie wird bald sieben“, sagt er stolz. Es soll ihr erstes Konzert im Leben sein.

Und ausgerechnet an diesem so wichtigen Tag hat er den Pin-Code für sein Telefon vergessen, sodass er das erste Pop-Konzert mit seiner Tochter nicht fotografieren kann. Wer sie einmal zu „Boyfriend“ von Justin Bieber hat tanzen sehen, der würde ihr auch ein 80 Euro teures Ticket kaufen, um sie im 2. Rang strahlen zu sehen.

Vor der Halle passieren am Ostersonntag viele solcher rührenden Geschichten. Eltern, die ihren Kindern eine Freude machen wollen, damit sie für ein paar Minuten die „gleiche Luft atmen“ können, wie ihr großes Musik-Idol aus dem fernen Kanada.

Aber vor der Halle steht auch Linda aus Charlottenburg, die ihre Tickets zum Verkauf anbietet. „Meine Mutter dachte, sie macht mir mit dem Weihnachtsgeschenk eine Freude“, sagt sie, „aber Justin Bieber – das war einmal.“ Sie bietet sie erst einzeln für 120 Euro, dann für 80 Euro an – und schließlich sagt sie „120 für beide“. Verkauft.

Als der Einlass dann beginnt und sich die Fans zumindest schon einmal aufwärmen können, werden mehrere Pannen verkündet. Nachdem zuerst Sängerin Carly Rae Jepsen („Call me maybe“) abgesagt hatte, haben nun auch die deutschen Bandmitglieder von „Neon Dogs“ Transportprobleme. Das sagt zumindest die Dame am Presseschalter. Es könnte auch sein, dass es einfach zu spät wird, denn viele der minderjährigen Fans müssen schließlich noch einen manchmal weiten Heimweg antreten.

Konzert beginnt mit Verspätung

Und so beginnt mit fast eineinhalbstündiger Verspätung gegen 20.45 Uhr der zehnminütige Countdown für die große Bieber-Show. Große Ziffern zählen rückwärts, große Augen starren auf die Bühne – bis ein Engel mit sehr großen Flügeln genau dort landet. Er sagt „Let's go“ und legt los mit seinem ersten Hit: „All around the world“.

Schon da könnte man anmerken, dass es wie Playback wirkt, dass er sich seltsam hölzern bewegt – und das nicht nur, weil er einen Roboter imitieren will. Und schließlich, dass die Kostüme und das Bühnenbild bei Lady Gaga um Klassen aufwendiger waren (bei gleichem Eintrittspreis).

Aber die Frage ist wirklich: Wer will an einem solchen Abend Spielverderber sein? Die Fans haben riesigen Spaß, sie hören ihre Lieblingslieder („Be Alright“, „Out of town girl“, „Boyfriend“) im Beisein ihres Idols. Bieber ist sichtlich geschmeichelt und zeigt als Dank seine Oberarme, berührt mit seinen Goldhandschuhen die Hände einiger Fans und greift sich verunsichert in den Schritt. Erst mit einer Hand, später mit beiden, obwohl bei den tief hängenden Baggy-Jeans der Griff in Höhe der Kniekehlen landet und damit wiederum schon fast jugendfrei ist.

Überhaupt versucht Justin Bieber bei seinem Konzert alles so zu machen wie die Großen: Er begrüßt sein Publikum artig („Whats's up Berlin!“), bedankt sich für die vielen Jahre der Unterstützung („Ohne Euch wäre ich nicht hier“) und stellt irgendwann mittendrin seine Band vor („Das ist Jack an den Drums, ein Applaus für Jack“). So machen das George Michael, Maria Carey und letztlich auch Udo Lindenberg.

Justin Bieber wirkt abgekämpft

Aber schon bei diesem Konzert deutete sich auch an, warum die Gerüchte um seine baldige „Künstlerpause“ wahrscheinlich stimmen: Er wirkt immer wieder abgekämpft, fahrig, gerade bei den schnellen Nummern öffnet er nur zum Teil den Mund fürs Playback, obwohl jede seiner Gesichtsregungen auf der großen Leinwand übertragen wird. Selbst die Choreografie seiner Tänzer wirkt lustlos zusammengeschludert, ähnlich das dreistöckige Metall-Bühnenbild.

Aber noch einmal: Um all das geht es an diesem Abend nicht und das weiß er. Er hat den Bieber-Bonus, er hat nicht nur ein Einkommen von mehr als 50 Millionen US-Dollar im Jahr, sondern auch mehr als 50 Millionen Facebook-Fans und 36 Millionen „Follower“ auf Twitter. Die lesen dann zum Beispiel am Abend des Konzerts in Berlin, dass seine Mutter gern einen Brunnen in Äthiopien bauen will. Der soll 10.000 US-Dollar kosten. Er sucht noch Spender.

Man könnte sagen: Geht’s noch, Justin? Oder man findet es einfach „total süß“, wie er sich für Afrika einsetzt. Wahrscheinlich ist beides irgendwie richtig.

Zwischen seinen Hits wie „Beauty and the Beat“ oder dem grammatikalisch gefährlichen „She dont like the lights“ verlässt Bieber immer wieder die Bühne und zeigt Filme über seine kurze Karriere. Aufnahmen von sich als Kind vorm Spiegel, wie er in die Zahnbürste singt.

In einem dieser Filme wird er von einer Horde Paparazzi gejagt. Dass er gerade in der Nacht zuvor einem Wiener Kickboxer das iPhone zerstört hat, weil der ihn in einem Promi-Club fotografieren wollte, kann man sich dazu parallel auf dem Mobiltelefon durchlesen. Denn der Empfang ist in der O2 World natürlich trotz all der Gäste sehr gut.

Gute Botschaften für Teenager

In einem dieser Filme sagt er auch den bemerkenswerten Satz: „I just wanna be me.“ Jemand wie er wolle doch auch nur einfach er selbst sein. Zusammen mit „Glaub an dich und werde Tänzer/Arzt/Polizist“ und „Sag niemals nie“ sind das doch gute Botschaften, die Teenager bestens gebrauchen können in Zeiten der Euro-Krise und einem Atom-Nordkorea. Was war noch einmal die schlechte Nachricht?

Nach ziemlich exakten 90 Minuten Konzert – inklusive zweier Zugaben – verlässt Justin Bieber die Bühne. Sofort gehen die Lichter an, die Aufräumarbeiten beginnen.

Im 2. Rang muss sich die sechsjährige Merle keine Sogen machen. Bei so vielen Handy-Aufnahmen, kann sich ihr Papa die besten aus dem Internet herunterladen.

In Reihe 9, Block 207, sitzt wiederum ein achtjähriger Junge, der sich nach 90 Minuten müde die Hände von den Ohren nimmt. Seiner Vater fragt: „Wie war's?“ Der Kleine sagt: „Laut, aber lustig, danke Papa.“

Und so berichtete die Berliner Morgenpost per Twitter von dem Konzert: