An Aldens „Aida“-Inszenierung, die in ein düsteres Sektenmilieu entführte, werden sich manche noch erinnern. Buhstürme setzte es am Ende in der Deutsche Oper. Am Freitag nun hat Alden mit Benjamin Brittens Oper „Peter Grimes“ Premiere. Aber man darf sich vom Namen nicht irritieren lassen. Christopher Alden, der „Aida“-Regisseur, ist der sechs Minuten ältere Zwillingsbruder von David Alden, der am Freitag in Charlottenburg sein Debüt hat.
Es ist schon ein seltsamer Zufall, dass zwei Brüder als Opernregisseure und sogar mit einem ähnlichen Repertoire unterwegs sind. „Auf einer Seite ist unser Operngeschmack sehr ähnlich, aber gerade in den letzten zehn Jahren sind wir in verschiedene Richtungen gegangen. Sein Stil ist völlig anders geworden“, sagt David Alden und fügt über die „Aida“ hinzu: „So würde ich das nie machen.“ Der Ältere lebt übrigens in New York, der Jüngere in London. „Wir arbeiten beide überall in der Welt, unterwegs treffen wir uns manchmal. Wir sind im Grunde sehr amerikanisch geblieben. Es geht um die Sicht auf die Welt.“
Ein bisschen Galgenhumor
David Alden wirkt ebenso konzentriert wie fahrig in unserem Gespräch. Irgendwie taucht das Gefühl, eher einem todernsten Zwillingsbruder von Woody Allen gegenüber zu sitzen. Aber auf die Düsternis seiner Inszenierungen, wie sie auch in Händels „Tamerlano“ an der Komischen Oper zu erleben war, will sich Alden keinesfalls festlegen lassen. „Nein, ich bin auch ein lustiger Inszenator des Komischen. Ich mag Operetten, Musicals, Komödien. In meinem Innersten habe ich eine humoristische Sicht über das Leben. Dazu gehört auch ein bisschen Galgenhumor. An der Staatsoper habe ich einmal Rossinis ,Turco in Italia’ gemacht, das war so halbkomisch.“ Nein, wischt Alden den Einwand von zu viel Ernsthaftigkeit beiseite, er wirke zwar ernst, sehe aber alles mit viel Ironie.
Die Alden-Brüder wurden 1949 in New York City geboren. Sie sind wirklich Kinder des Showbiz. Ihre Mutter, die Tänzerin Barbara Gaye, war in den ersten Produktionen von „On the Town“ und „Annie get your Gun“ zu erleben. „Als Kind war ich viel im Theater und in Konzerten, meine Eltern waren schließlich Theaterleute. Mein Vater war zuerst Schauspieler und später Schriftsteller. Meine Mutter war Tänzerin am Broadway und später Tanzlehrerin“, sagt David Alden: „Am Mittagstisch haben wir viel über Kunst, Film, Theater, Fernsehen gesprochen. Meine Eltern hatten viele Freunde im Showbusiness, die uns besuchten. Mein Bruder und ich wussten bereits mit 15 Jahren, dass die Oper einmal unser Ziel sein würde. In dem Alter kannte ich bereits an die Hundert Opern.“
Alden ist ein Künstlername
Der Name Alden ist übrigens ein Künstlername, den sich sein Vater Jerome aus dem Telefonbuch raussuchte, als er Schauspieler wurde. Die Familie war nach Judenprogromen in Russland nach Amerika gegangen. „Er hieß eigentlich Lakefish, das war der Einwandername“, sagt Alden, „an den russischen erinnere ich mich nicht mehr.“ Er studierte an der University of Pennsylvania und begann seinen Weg als Regisseur – wie sein Bruder – an der Opera Omaha. 1976 reiste er nach Europa. Es sollte ein einschneidendes Erlebnis werden.
„Ich musste aus Amerika wegziehen“, sagt Alden: „Ende der Siebziger war ich schon überall durch Europa gereist und wusste, dass ich hier hergehöre. Hier wird das Theater, die Kunst einfach viel ernster genommen. Die Opernrevolution des 20. Jahrhunderts, die das ganze Regiebewusstsein umgekrempelt hat, fand hier in Deutschland statt. Das waren Regisseure wie Wieland Wagner, Walter Felsenstein oder Harry Kupfer. In Amerika gab es nie eine wirkliche Kommunikation zwischen Oper, Theater und der Moderne. Die Oper ist bis heute konservativ geblieben, sie hat zu viel mit dem Geschmack reicher Leute zu tun. Die Oper hat eine andere soziale Funktion.“ Alden, der gern ein Provokateur ist und ein grausiges Kettensägen-Massaker inszeniert, hat auch ein Herz für Zombies und andere verhaltensauffällige Opernfiguren.
Wagner, Verdi und Britten
Aber in diesem Jubiläumsjahr muss sich jeder Opernmacher auf Giuseppe Verdi oder Richard Wagner einstellen. Und jeder Regisseur fühlt sich zu einem näher hingezogen? „Ich bin für beide, warum soll ich mich entscheiden. Außerdem ist es das Jubiläumsjahr von Wagner, Verdi und Britten. Ich inszeniere alle drei Komponisten in diesem Jahr.“ Alden ist buchstäblich ein Akkordarbeiter, der fünf bis sechs Neuinszenierungen pro Jahr macht. „Mein Leben ist sehr kompliziert. Ich weiß genau, was ich in den nächsten fünf bis sechs Jahren mache, ich bin gut organisiert. Ich habe drei, vier Inszenierungsteam, zwischen denen ich wechsle“, sagt er. Das letzte Jahr wäre schon hart gewesen, habe er nach den Proben dann zuhause vier Stunden lang bereits das nächste Stück studiert.
Theater gibt mehr Anregungen
„Ich kann mein Leben nicht als glücklich bezeichnen, aber als spannend“, sagt er. „Es ist ok. Ich habe es gewählt. Ich muss noch viele Stücke machen, bevor ich verschwinde. Mir bleibt immer weniger Zeit dafür, spüre ich. Außerdem brauche ich die Energie der Proben. Ich bin immer nur so sechs Wochen vor Ort. Ich brauche nicht so lange wie deutsche Regisseure. Ich habe es in Amerika gelernt, immer gut vorbereitet und konsequent zu arbeiten. Ich weiß, dass ich ein Getriebener bin.“ Und ein kritischer Kollege. Wenn er in Berlin inszeniere, dann gehe er „weniger in die Oper, überall sieht man bei hundert Inszenierungen mal eine, die gelungen ist. Im Theater findet man deutlich mehr Anregungen.“
Genau genommen hat er sich längst durchs Opern-Repertoire durchinszeniert. Aber es gibt auch einige Opern, die er gar nicht machen möchte. Die von Ermanno Wolf-Ferrari oder Ottorino Respighi berühren ihn überhaupt nicht. Brittens „Peter Grimes“ hält er für einen Klassiker. „Es ist eine Tragödie, aber nicht, weil Peter Grimes sterben muss, sondern weil andere zulassen, dass er sich zerstört.“, sagt Alden und glaubt, dass das Stück „lange unter dem lokalbritischen Klischee von Meer, Küste, Fischernetzen litt“. Ihm ist die Metapher des Meers wichtig: „In diesem existentialistischen Stück soll man das Meer nicht sehen, es geht um den bewegenden Sturm der Liebe und des Hasses.“
Die Inszenierung ist eine Übernahme der English National Opera in London von 2009. Die Berliner Premiere an der Deutschen Oper wird von Donald Runnicles geleitet. Termine: 25. Januar (Premiere), 5., 9., 13., 15. Februar. Tel. 34384343 In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln.




