Wäre es mit zwei Partnern nicht viel hübscher? Die (eher männliche?) Schwäche fürs erotische Intermezzo hat Rossinis komischer Oper "Der Türke in Italien" merkwürdigerweise wenig genützt. Sein Traktat über den Seitensprung wurde in Berlin seit Ewigkeiten nicht gespielt. Und das, obwohl das Ehe-Vorhängeschloss hinter der untreuen Gattin am Ende säuberlich wieder zuschnappt. Freilich: Man muss es leicht nehmen können. Und das ist heute, wo man eher Beziehungen beendet als die Geliebte wechselt, womöglich das Problem.

Ganz so stark wie Rossinis "Barbiere di Sevilla" oder die "Italiana in Algeri" ist diese Oper freilich nicht. Der stets eilige (und stets hungrige) Komponist vollendete das Werk 1814 nicht allein, sondern mit fremder Hilfe (bei den Rezitativen und beim Schluss). Für "Il Turco in Italia" braucht man ein weibliches Zugpferd, das nicht einmal die Hauptrolle singt. Zum Beispiel eine Maria Callas oder Cecilia Bartoli, die zu den wenigen großen Sängerinnen zählen, welche der Fiorilla Format gaben.

Wenn die letzte Staatsopern-Premiere dieser Saison dennoch erstaunlich duldsam aufgenommen wurde, so lag's nicht nur am Star Christine Schäfer. Sondern an viel Revuestrass, Kunst-Obst und langen Beinen, mit denen (statt Witz zu verbreiten) das Spektakel zugetanzt wurde. Ein Aufmarsch roter Playboy-Bunnys (mit Sekt), ein buntes Fifties-Ambiente und der erotische Ruck, der dank des Türken durchs Land geht, sorgen für viel Betriebsmunterkeit. Sie verraten aber insgeheim auch eine moralinsaure Gefühlsfeindlichkeit. In dieser hässlichen Kunst-Welt kann einem jede Lust an der Notlüge glatt vergehen.

Eine interessante Fehlbesetzung

Christine Schäfer ist fraglos eine der besten Sängerinnen der Gegenwart. Bei Rossini indes muss sie ausgiebig ihrer Liebe zu falschen Rollen frönen. Ihre Koloraturen bleiben hier und da hängen. Die weiße, eisige Pracht ihres Glöckchen-Soprans erkältet die Komödie. Da die Sopranistin ein Zwitschervögelchen mit erstaunlich dramatischen Möglichkeiten ist, eine Soubrette in der Identitätskrise sozusagen, bleibt sie eine höchst interessante Fehlbesetzung. Das steht ganz in der Tradition alter Zeiten. Christine Schäfer als verführerische Rossini-Roulade: Das ist ungefähr so, als wolle man Mirja Boes als Landesbischöfin besetzen oder Uta Ranke-Heinemann als Klytaimnestra. Warum nicht. Dass früher die blonde Inge Borck auch gern mal Carmen sang oder der stocksteife Hans Hopf den "Fra Diavolo", hat gute Tradition.

Auch Regisseur David Alden gilt gewiss nicht als geborener Komödienregisseur. Bloß, wiederum: Wer ist das heute schon?! Die Generation von Jean-Pierre Ponnelle oder Otto Schenk hat keinerlei Nachfolger gefunden. So werden wir hier eher mit den Resten der Britpop-Bewegung in der Oper konfrontiert. Alden galt als Haupt-Protagonist des offensiv grellen Schaufensterstils an der Bayerischen Staatsoper (solange dort Sir Peter Jonas das Sagen hatte). Auch in Berlin hat Alden bereits Erfolg gehabt - mit Händels "Alcina" und "Tamerlano" an der Komischen Oper.

Je hässlicher desto hübscher

Von Paul Steinberg hat sich Alden einen quietschgelben Tapetenwinkel bauen lassen nach dem bewährten Motto: Je hässlicher, desto hübscher. Erneut hat man von etlichen Möbelhäusern herabgesetzte Couch-Garnituren aufgekauft. Es gibt genug optische Knalleffekte - zum Beispiel das Kreuzfahrtschiff, mit dem Selim am Ende abdampft. Nur eine Geschichte wird nicht erzählt. So fehlt eigentlich das Herz der Aufführung.

Staatskapellen-Debütant Constantinos Carydis dirigiert einen streichzarten-breitpinseligen Rossini. Allerdings schon vor der Pause mit mindestens sechs Finali. Soll sagen: Das Leichte wird hier zu heiß verkocht. Die guten Sänger müssen fast grundsätzlich Fortissimo singen - auch Alexander Vinogradov in der Titelrolle und der farbsatt-brilliante Lawrence Brownlee (Narciso). Einen Charakter-Stänker erster Güte gibt Renato Girolami (Don Geronio). Alfredo Daza (als Poet) und Katharina Kammerloher (Zaida) singen die teuren Kostüme (Buki Shiff) und das Video-Gehexel von Robert Pflanzl souverän an die Wand.

Kritiker sind von Haus aus unzufriedene Leute. Für diesen unidiomatischen, revueartig aufgeplusterten Abend braucht sich die Staatsoper dennoch nicht zu schämen. Innerhalb der grämlichen, dürren Opernsaison, die in Berlin fast hinter uns liegt, gehört die Produktion immer noch fast zur Spitze. Dass sie nur vier Mal angesetzt wurde, spricht für Angst vor der eigenen Courage. Für die Furcht vorm Seitensprung? Rossinis Opern sind im Saal der Staatsoper genau richtig aufgehoben. Der "Türke in Italien", das wäre das Werk gewesen, das man sich eigentlich von René Jacobs gewünscht hätte.

Staatsoper, " Il Turco in Italia", Unter den Linden 7, Mitte. Tel. 20 35 44 38. Termine: 24., 27., 30.6., jeweils 19.30 Uhr.