Interview

Warum Daniel Brühl in Spanien schnell die Geduld verliert

Der Schauspieler hat ein Buch geschrieben. Über seine zweite Heimat Barcelona. Die war ihm zugleich Zufluchtsort und Heilsversprechung.

Foto: Stephanie Pilick / dpa/Stephanie Pilick

Daniel Brühl ist so nervös wie selten. Er sitzt zwar in seiner eigenen Tapas-Bar in Kreuzberg, es ist also ein Heimspiel für ihn. Aber einmal muss er keinen Film promoten, sondern ein Buch, das er selbst geschrieben hat. Ein Reisebuch über seine zweite Heimat Barcelona. Der Schauspieler ist 1978 als Daniel César Martín Gonzàlez in Barcelona als Sohn einer Spanierin und eines Deutschen geboren. Das Buch ist noch mal ein ganz neues Debüt für ihn, und selten hat er so viel Persönliches von sich preisgegeben. Peter Zander hat mit dem Schauspieler gesprochen.

Morgenpost Online: Daniel Brühl dreht Filme, er betreibt eine Tapas-Bar. Muss er jetzt auch noch schreiben?

Daniel Brühl: Ja, dass dieser Eindruck entsteht, davor hatte ich auch ein bisschen Angst. Zu meiner Verteidigung darf ich sagen, dass ich von mir aus nie darauf gekommen wäre. Es haben mich aber gleich zwei Verlage angesprochen, und beide wollten, dass ich etwas über Barcelona schreibe. Ich dachte, das wäre ein Zeichen. Am Ende ist es der Verlag geworden, bei dem auch mein Freund und Kollege Ulrich Tukur ein wunderschönes Venedig-Buch veröffentlicht hat. Das war ein Anreiz für mich, es auf meine Art auch zu probieren. Ich habe ziemlich schnell zugesagt, habe dann zwei Wochen angegeben, ich schreibe jetzt, und fühlte mich ganz wichtig. Und irgendwann kam die bittere Erkenntnis: Was schreibe ich denn eigentlich? Glücklicherweise kam ich dann bald auf die Idee, es muss ein Spaziergang sein, ich laufe einen Tag lang an meine Lieblingsorte, wo ich Freunde treffe. So war klar, der Brühl wird jetzt hier nicht was schwer Literarisches von sich geben, aber doch etwas ganz Persönliches.

Morgenpost Online: In Ihrem Buch kommt der Parc Guell kaum, die Sagrada Familia oder die Ramblas gar nicht vor. Das ist wohl kein Zufall?

Brühl: Nein. Das ist ja alles so was von abgefrühstückt. Die Tourischaren ziehen alle brav erstmal dahin. Das ist auch völlig okay. Die Bauten sind ja auch ein Anziehungspunkt, auch wenn man sie nicht mögen muss. Aber darüber gibt es schon so viel zu lesen, da muss der Brühl nicht auch noch drüber schreiben. Ich hatte einen Leser im Kopf, der schon mal hier war, der die Stadt sehr mag und sie noch mal anders erleben, entdecken mag.

Morgenpost Online: Stimmt es eigentlich, dass Sie in Spanien geboren wurden, weil Ihre Mutter den deutschen Krankenhäusern nicht vertraut hat?

Brühl: Ja, sie hat bei der Geburt meines älteren Bruders nicht so gute Erfahrung in Köln gemacht und den deutschen Ärzten nicht vertraut. Deshalb ging es extra für die Geburt nach Barcelona. Hochschwanger. Ich hätte also auch unterwegs in Frankreich geboren werden können. Es ging auch gleich danach zurück. Andere wären wohl eher von Spanien nach Deutschland gereist dafür. Aber nicht meine Mutter.

Morgenpost Online: Sie erzählen von einer 34-jährigen Beziehung, die Sie mit Barcelona haben. Gab es in dieser Beziehung auch mal Krach, stand sie schon mal vor dem Bruch?

Brühl: O ja. Das war zu der Zeit, als ihr zu viele hinterher gerannt sind, der hübschen Frau Barcelona. Das war so in den Neunzigern, als es plötzlich so irre cool und hip war, da hinzufliegen. Da hat mich das genervt. Der Lack ist jetzt ein bisschen ab, auch der Olympia-Lack. Viel hat sich gehalten, einiges gammelt, wie das in Spanien auch üblich ist, etwas vor sich hin. Diese Olympiastadt am Meer etwa ist nicht wirklich geglückt. Aber die Entspanntheit ist zurückgekehrt. Okay, die Stadt ist noch immer rappelvoll, der totale Touri-Magnet. Aber es gibt Ecken, die sich gehalten haben, wie mein Lieblingsviertel Gracia, in dem ich lebe und auch geboren wurde. Das ist nach wie vor ein sehr authentisches Viertel, in dem ich sehr glücklich bin.

Morgenpost Online: Wie regelmäßig waren Sie in Ihrer zweiten Heimat?

Brühl: Als Kind zwei bis drei Mal im Jahr, in den Oster-, Sommer- und manchmal auch den Winterferien. Da hatte ich natürlich einen ganz verklärten Blick. Absolute Vorfreude und tränenreichste Abschiede, wenn es wieder zurück in die Schule ging. Richtig kennengelernt habe ich die Stadt aber erst, als ich dort einen spanischen Film dort drehte, „Salvador“. Da habe ich erstmals dort gewohnt, abseits von der Familie, und meine ersten Kontakte außerhalb geknüpft. Ich wollte damals meinen Platz finden im spanischen Kino. Aber auch als Barcelonese. Seit ich vor zwei Jahren dort eine Wohnung gefunden habe, laufe ich noch immer, was ein bisschen albern ist, stolz mit dem Haustürschlüssel herum, um aller Welt zu zeigen – und mir auch – dass jetzt nicht mehr nur Besucher, sondern wirklich heimisch bin.

Morgenpost Online: War Barcelona in letzter Zeit auch ein Rückzugsort, wenn es in Deutschland mal zu anstrengend war?

Brühl: Absolut. Ich konnte da früher tun und lassen, was ich wollte. Aber das hat sich in den letzten Jahren, seit ich auch in spanischen Filmen mitwirke, verändert. Die Spanier sind ja auch durchaus impulsiv in ihrer Herzlichkeit, da wirst du manchmal ganz schön überrumpelt, wenn dir gleich einer einen Schmatzer auf die Backe drückt. Das ist komisch, zum einen ärgert es dich, dass so ein Fluchtpunkt weg ist, auf der anderen Seite schmeichelt das aber der Eitelkeit, wenn du auch dort erkannt wirst. Das war ja auch ein Ziel.

Morgenpost Online: Jetzt haben Sie sich das aber selber verbockt. Sie verraten Ihre Lieblingsplätze, da werden Ihnen demnächst überall Fans auflauern.

Brühl: Ja, manche meiner Freunde, die ich beschreibe, haben auch schon gesagt: Was hast du gemacht, du Idiot? Es gibt auch einige wie der Koch Chabi, der sagte, ich dürfte ihn schon erwähnen, aber auf keinen Fall sein Restaurant nennen. Daran habe ich mich auch gehalten. Aber ich denke mal, ich spreche eher eine bestimmte Leserschaft an. Da werden jetzt nicht Neckermann-Busse scharenweise in diese Orte einfallen. Das wäre ein Horrorszenario, wird aber wohl nicht eintreffen.

Morgenpost Online: Haben Sie denn zur Reserve den einen oder anderen Lieblingsplatz verheimlicht, damit Sie weiter dahin können?

Brühl: Ja, es gibt schon so zwei, drei Ecken, die ich für mich behalten habe. Ich wollte ja nicht alles preisgeben.

Morgenpost Online: Wie spanisch, wie deutsch sind Sie eigentlich?

Brühl: Mein spanischer Teil ist ja unterteilt in katalanisch und andalusisch. Und von den Katalanen sagt man in Spanien, sie seien wie Deutsche. Die Südspanier unterstellen ihnen, sie sind dröge Geschäftsleute und haben keine Salsa, keine Fiesta im Blut. Da bleibt nur ein Viertel Andalusier übrig. Was mich an den Spaniern nervt, ist ein gewisser Hang zur Redundanz. Die lieben es, in drei Minuten fünf Mal dasselbe zu sagen. Meine Mutter schafft das auch. Bei spanischen Regisseuren werde ich da manchmal wahnsinnig, da möchte ich immer schreien: Alter, ich hab’s echt begriffen. Da kommt meine deutsche Ader durch: effizient die Zeit nutzen! Oder Schlange stehen: Die Spanier lieben das, die stehen da und plaudern, während ich da ganz schnell die Geduld verliere. Diese Lockerheit und Entspanntheit, das geht mir manchmal ab. Da bin ich schon sehr deutsch. Ich bin dafür aber auch ganz zuverlässig. Wer je über deutsche Handwerker schimpft, der weiß nicht, was man mit spanischen erlebt. Das ist dort reine Lotterie.

Morgenpost Online: Sind Sie momentan eigentlich auch so was wie der Böse aus dem Merkel-Land, der ständig die deutsche Politik verteidigen muss?

Brühl: Ja. Ich tue das aber auch. Die arme Frau Merkel muss einem ja echt leid tun. Man muss doch sagen, dass die Krise in Spanien absolut hausgemacht ist. Mit langem Vorlauf konnte man voraussehen, dass die Immobilienblase platzen muss, aber alle haben einfach immer weitergemacht. Man kann das förmlich sehen, leerstehende Flughäfen, unbewohnte Städte, all diese Sünden müsste man mal in einer Fotoreportage festhalten. Jetzt haben sie den Salat, da ist es sehr einfach, den Sündenbock in Deutschland zu suchen.

Morgenpost Online: Gerade haben in Barcelona 1,5 Millionen Katalanen gegen die Madrider Europolitik demonstriert und politische Unabhängigkeit gefordert. Ist das absurd?

Brühl: Man muss das verstehen. Unter Franco wurde die katalanische Kultur und Sprache unterdrückt, das sitzt noch ganz tief. Und das äußert sich dann in solchen Abspaltungsphantasien. Ich finde das nachvollziehbar, aber sich in einer globalisierten Zeit wie der unseren weiter aufzusplittern, ist ein vollkommen falscher, gänzlich anachronistischer Weg. Da streite ich mich aber durchaus mit manchen meiner Freunde.

Das Buch: Daniel Brühl: Ein Tag in Barcelona. Ullstein, 192 Seiten, 18 Euro