„Game of Thrones”

Tom Wlaschiha und die großen Rollen

Lange spielte er nur Nebenrollen. Jetzt ist der Schauspieler Tom Wlaschiha gleich in drei großen Rollen zu sehen.

Foto: rtn - radio tele nord

Das Angebot kam an einem Wochenende. Er hatte gerade Besuch in Berlin, eine Freundin, mit der er eigentlich gerade spazieren gehen wollte. Da klingelte sein iPhone. Er sollte ein E-Casting machen. Also für eine Rolle vorsprechen. Aber nicht an einem bestimmten Ort, wofür man oft ewig braucht, bis man dort ist, und dann ewig wartet, bis man dran ist. Einen kleinen Film sollte er machen und den zumailen. So läuft das heutzutage immer öfter. Also hat Tom Wlaschiha schnell den Text vorbereitet – und die Freundin hat ihn auf seinem iPhone gefilmt. Der Titel des Projekts hat ihm nichts gesagt, der Text klang merkwürdig verschwurbelt. Gefilmt, geschickt, vergessen.

Erst später wurde ihm klar, wofür er da im Rennen war. „Game of Thrones“ basiert auf den Fantasy-Erfolgsbüchern „Das Lied von Feuer und Eis“ von George R.R. Martin. Die erste Staffel der amerikanischen Fernsehserie, von HBO mit Stars wie Sean Bean und Peter Dinklage verfilmt, lief gerade höchst erfolgreich im Fernsehen. Hätte er das gewusst, hätte er natürlich mehr Zeit verwendet. Zu spät. HBO wollte ihn trotzdem. Und so spielt er nun in der zweiten Staffel, die gerade beim Digitalsender Sky Atlantic ausgestrahlt wird, den geheimnisvollen Auftragskiller Jaqen H’ghar. Auch Sebastian Koch und Sibel Kekilli hatten schon Kurzauftritte in der Serie, aber Wlaschiha ist der einzige Deutsche, der eine ganze Staffel hindurch mitspielt. Und vermutlich auch in der vierten wiederkehren wird.

Zwei Filme in gerade einmal sechs Tagen

Es liegt vor uns, dieses iPhone. Wir treffen uns an der Spree, mit Blick auf den Lustgarten und den Berliner Dom. Den Apparat hat er leise gestellt, aber griffbereit. Auf diesem Gerät also ist der Bewerbungsfilm gespeichert. Und darauf könnte, wer weiß, ja gleich wieder eine Offerte eintrudeln. Gut möglich, dass „Game of Thrones“ zum Wendepunkt für den 39-Jährigen wird. Seit 1995 hat er schon in zahllosen Klein- und Kleinstrollen gespielt, war so ziemlich in jeder deutschen Serie zu Gast, hatte auch schon einige Hauptrollen. Aber noch immer kann er unerkannt über den Kudamm bummeln (was er gar nicht mal so schlecht findet), noch immer sagt sein Name den meisten nichts (was ihn weniger freuen dürfte). Jetzt aber stehen gerade so eine Art Wlaschiha-Festspiele an. Nicht nur, dass „Game of Thrones“ zur wahren Kultserie avancierte. Heute kommt die Beziehungskomödie „Frisch gepresst“ ins Kino, in der Diana Amft zwischen ihm und Alexander Beyer steht und nicht weiß, für wen sie sich entscheiden soll. Nächsten Dienstag ist er dann schon wieder der Romantic Lover, die Ausgangslage ist allerdings ein wenig komplizierter. Die Sat.1-Komödie „Mann kann, Frau erst recht“ ist nämlich ein umgekehrtes „Tootsie“, in der eine glücklose Journalistin endlich eine Anstellung bekommt, bei einem Männermagazin, aber nur, weil sie sich als Kerl ausgibt. Und sich natürlich in den Chefredakteur (Wlaschiha) verknallt.

Gewöhnlich läuft es ja so: Erst spielt man sich in heimischen Produktionen an die Spitze und dann entdeckt einen das Ausland. Bei Tom Wlaschiha ist das irgendwie andersrum. Er hat zuletzt Serien für die BBC gedreht, „The Deep“ und „The Sarah Jane Adventures“. Und er ist im vergangenen Jahr ganz nach London gezogen. Wegen der Castings. „Eine rein pragmatische Entscheidung“, sagt er. Wenn Amerikaner für ihre Filmprojekte casten, tun sie es immer auch in England. Also ist er in den vergangenen Jahren immer wieder da hin geflogen, und immer, das betont er, auf eigene Kosten. Nachdem er schon einen Agenten in London genommen hat, schien es nur logisch, ganz dorthin zu ziehen. Jetzt scheint es aber eher so, dass er dauernd von London herfliegen muss. Verkehrte Welt.

Wlaschiha konnte immer von seinem Beruf leben

Das iPhone hat allerdings auch oft geschwiegen. Wlaschiha will sich nicht beschweren, er konnte immer von seinem Beruf leben. Aber die Angebote waren durchaus nicht üppig. „Überlegt euch das gut“, hat man ihm gleich zu Beginn der Schauspielausbildung gesagt. „Natürlich“, räumt er ein, „will man so was nicht hören, wenn man anfängt.“ Heute sieht er es aber durchaus ähnlich: „In Deutschland werden einfach zu viele Schauspieler ausgebildet. Dafür gibt es gar keinen Markt.“

Wlaschiha wollte immer schon Schauspieler werden. Schon mit 16, damals noch in der DDR, bewarb sich der Schüler, der in Dohna bei Dresden aufwuchs, an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Und als die Mauer fiel, ging er, gerade mal 17 Jahre alt, für ein Austauschjahr nach New York, wo er Theater spielte und die Sprache lernte. „Überlegt euch das gut“: Die Warnung zu Beginn der Hochschule hat er ignoriert. Wie auch später den Rat, sich einen Künstlernamen zuzulegen. „Ich habe“, grinst er, „wie immer nicht darauf gehört.“ Tatsächlich geht einem der Name, der vor zwei Jahrhunderten aus dem Tschechischen kam, anfangs nicht leicht von den Lippen. Er ist dafür ziemlich einzigartig.

Winzige Auftritte mit Tom Cruise

Und Wlaschiha hat sich auch mit ihm einen Namen gemacht. Ganz allmählich. Er hat in Jean-Jacques Annauds Stalingrad-Drama „Duel – Enemy at the Gates“ mitgewirkt, in Steven Spielbergs „Munich“ und neben Tom Cruise in „Operation Walküre“. Aber da geniert er sich fast, das solle man bitte nicht zu hoch hängen. „Das waren nur winzige Auftritte, Tagesgagen.“ Und bei „Walküre“ wurde er am Ende wieder herausgeschnitten. Demnächst wird er mit Oscar-Preisträger Ron Howard „Rush“ drehen, das Biopic über Niki Lauda, den sein Kollege Daniel Brühl spielt. Wlaschiha wird den Rennfahrer Harald Ertl darstellen. „Aber wer weiß, ob ich nach dem Final Cut noch im Film bin.“ Dennoch machen sich solche Titel in der Filmographie natürlich nicht schlecht.

Er hat noch einen Koffer in Berlin

Die letzten zwei, drei Jahre hat er überwiegend außerhalb von Deutschland verbracht. Dennoch würde Wlaschiha seine Berliner Wohnung, ein Dachgeschoss im Kreuzberger Kiez, nie aufgeben („Bist du verrückt?“). Er hat sie jedoch erst mal untervermietet. Wenn er nach Berlin kommt, übernachtet er bei Freunden. Er kann sich durchaus vorstellen, auch wieder zurückzuziehen. Aber London, sagt er, „ist ja auch nicht viel weiter weg von Berlin als München.“ Das Hin und Her findet er auch ganz heilsam. So bekommt man Distanz zu den Dingen. Und hat ein zweites Standbein. Dass er für HBO einen düsteren Killer spielt, in Deutschland aber Beziehungskomödien dreht, verschafft ihm eine gewisse Bandbreite, zeigt aber auch, wie unterschiedlich die Verlockungen sind. Es bleibt abzuwarten, welche Offerten nun, nach „Game of Thrones“, auf seinem I-Phone landen. Am September stehen erst mal die Emmys an, die amerikanischen Fernseh-Oscars. Die zweite „Thrones“-Staffel ist dort der große Favorit.

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