Filmfest

Alexandra Maria Lara träumt von geregelten Arbeitszeiten

Alexandra Maria Lara spielt lieber international als daheim. In Locarno stellte sie ihren neuen Film „Nachtlärm“ vor.

Foto: DAPD

Schon am Nachmittag grollt und donnert es hinter den Bergen. Auf der Piazza Grande des Tessiner Städtchens am Lago Maggiore, einem der schönsten Altstadtplätze Europas, werden die großen Kino-Galapremieren unter freiem Himmel inszeniert. Der Titel des heutigen Films ist fast prophetisch: „Nachtlärm“. Mit ihm feiert die Berliner Schauspielerin Alexandra Maria Lara beim Filmfest in Locarno Weltpremiere. Und an heiteren Augustabenden ist die Atmosphäre auf dem mit 8000 Zuschauern gefüllten Platz auch unvergleichlich. Doch der Schweizer Himmel meint es nach zwei traumhaften Sonnentagen nicht gut mit Lara der schweizerisch-deutschen Produktion.

Gefönte Damenschuhe

Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn schüttet es sintflutartig, die Premiere droht buchstäblich ins Wasser zu fallen. Festivalleiter Olivier Père bietet Regisseur Christoph Schaub und seinen Stars an, den Auftritt in ein nahegelegenes Kino zu verlegen, doch die wollen ihr Werk unbedingt auf der Piazza vorstellen. Die Bühne zumindest ist überdacht, doch nach einer kurzen Ansprache setzen sie sich wie alle anderen Zuschauer in gelben Plastiküberhängen in den Regen. 20 Minuten halten sie durch, dann flüchtet Lara mit ihren Kollegen ins Trockene, die Projektion wird aber auch nach weiteren Schauern nicht abgebrochen.

„Auf der Premierenparty standen wir dann erst mal auf der Damentoilette und haben unsere Schuhe geföhnt“, lacht Alexandra Maria Lara am nächsten Morgen. Ein bisschen zerknirscht ist der 33-jährige Filmstar noch immer. „Ich bin heute Morgen aufgewacht und habe gedacht: Habe ich das alles nur geträumt? Leider nicht...“ Sie zeigt auf ihrem iPhone ein Foto von sich und ihrem Ehemann, dem britischen Schauspieler Sam Riley, in ihren gelben Umhängen, tapfer lächelnd und pitschnass. „Ich hätte gestern wirklich gerne weitergeguckt, auch weil Sam den Film noch nicht kannte.“

Alexandra Maria Lara ist zum ersten Mal in Locarno und da an diesem Morgen die Wolkendecke gerade etwas aufbricht, wagen wir einen kleinen Spaziergang durch die engen Gassen am Berghang: „Es ist wunderschön hier!“ Sie strahlt übers ganze Gesicht. „Aber so eine Premiere wie gestern habe ich noch nicht erlebt. Die Piazza ist atemberaubend und dass so viele da waren trotz des Wetters, hat mich echt umgehauen. Wer sich da hinsetzt, muss schon richtig gern Filme schauen! Als wir auf der Party waren, wollte ich dauernd wieder zurück auf die Piazza, weil ich dachte, der Regen muss doch mal aufhören! Aber es goss unaufhörlich weiter.“

Oberhalb, von der Kirche Madonna del Sasso, einem der Wahrzeichen der Stadt, kommen Messgänger entgegen, zu vertieft im sonntäglichen Austausch von Neuigkeiten, um den internationalen Filmstar zu erkennen. Eine ältere Dame hält an, fragt aber nur nach einer Zigarette. Dabei ist Lara häufiger in ausländischen Produktionen zu sehen als hiesigen. Sie stand für große Regisseure wie Francis Ford Coppola vor der Kamera, für James Ivory und Stephen Daldry. Und auf dem Filmfest in Toronto läuft nächsten Monat der polnische Film „Imagine“, in dem sie eine Blinde spielt. Und auch „Nachtlärm“ über ein Ehepaar, das eine Nacht lang in der Schweizer Einöde nach ihrem verschwundenen Baby sucht, hat zwar mit ihr und Sebastian Blomberg zwei deutsche Hauptdarsteller, ist aber von einem Schweizer inszeniert. Die Berliner X-Filme sind Koproduzenten, immerhin.

Neben Diane Kruger und Daniel Brühl dürfte es kaum einen deutschen Star geben, der international so gefragt ist. „Wenn ich mal wieder ständig unterwegs bin, wünschte ich mir manchmal, einem Job mit geregelten Arbeitszeiten nachzugehen. Von meinem Charakter her hätte ich schon gern ein bisschen mehr Ordnung.“, erklärt Lara.

Ein Kammerspiel auf Rädern

Sie findet es schade, dass die guten Angebote aus Deutschland wie zuletzt „Rubbeldiekatz“ eher rar sind. Die Rollen, die man ihr in ausländischen Produktionen anbietet, seien meist interessanter. Hierzulande sei sie zu festgelegt auf ein Image, glaubt die Schauspielerin, auch durch die Presse. „Im Ausland weiß niemand von den hier so gern und unermüdlich erwähnten Rehaugen oder meiner fast schon langweilig netten Art. Da stoße ich auf eine Offenheit und Unbefangenheit, ob bei Spike Lee oder Ron Howard, die mir natürlich gut tut.“ Für Howard spielte sie gerade neben Daniel Brühl als Niki Lauda dessen Ehefrau. Ganz ohne langes Casting. „Er rief mich per Skype an und die Sache war klar.“

Mit ihrem Mann versucht sie die Filmdrehs so zu planen, dass möglichst immer nur einer von beiden arbeitet. So konnte sie Sam auch mehrmals beim sechsmonatigen Dreh in Amerika zur Kerouac-Verfilmung „On the Road – Unterwegs“ besuchen, der Anfang Oktober startet. Ein Roadmovie wie auf eine Art auch ihr eigener Film „Nachtlärm“. Lara nennt ihn „eher ein Kammerspiel auf Rädern. Es spielt meistens im Auto und in der Dunkelheit und sie drehen sich mehr im Kreis als unterwegs zu sein.“

Anders als andere Schauspielerpaare würden Lara und Riley, die sich vor fünf Jahren bei den Dreharbeiten zu „Control“ kennengelernt haben, gerne öfter gemeinsam vor der Kamera stehen. „Wir wünschen uns nichts mehr, als wieder zusammenzuspielen, aber ein Liebespaar sollte es nicht sein, das wollen die Leute nicht sehen.“, glaubt sie.

Eher ein hitziges Ehedrama wie „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ schwebt ihr vor. „Aber wir müssen warten, bis der richtige Stoff kommt. Und wenn es erst in zehn Jahren ist. Gerade hatten wir wieder ein gemeinsames Angebot und waren total aufgeregt. Und dann war schon nach der Hälfte des Buchs klar, dass es nicht passt.“

So schön der Blick über die Stadt und den See ist, irgendwann müssen wir umdrehen. In ein paar Stunden geht der Flieger zurück nach Berlin und sie hat noch nicht gepackt. Gerade braut sich auch schon wieder ein Unwetter zusammen und wir erreichen gerade noch rechtzeitig das Hotel, bevor der nächste Platzregen Locarno heimsucht. Zwei Tage später soll es aber wieder sonnig werden. Da ist Deutschlands Weltstar schon längst wieder unterwegs. Aber sie will wiederkommen, irgendwann. Und ihren Film wird sie sich mit Ehemann Sam in einem Berliner Kino noch mal ganz anschauen, wenn er dann in gut zwei Wochen bei uns anläuft.