Richtfest

Jürgen Flimm küsst Schiller-Theater wach

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Volker Blech

Knapp 16 Jahre nach seiner Schließung kehrt die Kunst in das Berliner Schiller-Theater zurück. Mit rund 400 Gästen feierte der neue Intendant der Staatsoper Unter den Linden, Jürgen Flimm, Richtfest für die Bühne. Sie wird ab Sommer 2010 für das Opernensemble zur Ersatzspielstätte.

„Wir haben das Schiller-Theater wieder wachgeküsst“, sagt Jürgen Flimm und grinst schelmisch dabei. Die Wachküsserei ist, wenn man so will, seine erste öffentliche Amtshandlung als künftiger Intendant der Staatsoper Unter den Linden. Sein Opernensemble muss im Sommer 2010 in die Ausweichspielstätte umziehen, währenddessen das angestammte Opernhaus in Mitte grundsaniert wird. Im Schiller-Theater an der Bismarckstraße in Berlin-Charlottenburg fand am Freitag deshalb ein Richtfest statt. Es war eine liebevolle Hochstapelei, ebenso wie sich die Baumaterialien im früheren Sprechtheater noch gehörig aufstapeln.

Rund 400 Menschen wurden durch halbdunkle Gänge und zugige Hallen geführt. Das Baustellen-Labyrinth erinnerte an eine Frotzelei des Komponisten Hans Werner Henze, der sein Leben lang durch alle großen Opernhäuser und Konzertsäle geschleppt wurde. Irgendwann einmal sollte ihn eine junge Assistentin zum Applaus auf die große Bühne bringen, beide landeten auf dem Parkplatz.

Kurze Wege für die Bühnenbilder und für alle Beteiligten

Noch ist auch das Schiller-Theater undurchsichtig, obwohl Architekt Andreas Zerr nicht müde wird zu betonen, dass die Logistik in diesem künftigen Opernhaus einmalig sei. Man setze sogar Maßstäbe. Es gäbe kurze Wege für die Bühnenbilder und für alle Beteiligten – sofern sie sich nicht verlaufen, sei hinzugefügt.

Für das dreijährige „Gastspiel“ der Staatsoper wird gerade ein zweigeschossiger Neubau mit Montagehalle und Probebühne angebaut. Pro Jahr sollen im Schiller-Theater rund 120 Opern sowie rund 30 Ballettvorführungen gegeben werden. Das Publikum wird dabei nur die Veränderungen im Zuschauersaal bemerken. Die sind durchaus beachtlich. Bei der letzten Sanierung 1980 wurden die Innenwände schwarz gestrichen. Damals wollten alle eine Studiobühne sein, sagt Architekt Zerr und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Bekanntlich sind wir wieder im Zeitalter der neuen Behaglichkeit angekommen. Jetzt sind die Wände wieder abgebeizt und damit heller, freundlicher.

Darüber hinaus wurde der Orchestergraben für 120 Musiker deutlich vergrößert. Damit reduziert sich die Sitzzahl von zuvor 1203 Plätzen auf nunmehr 974. Ein Schelm, wer dabei denkt, die Staatsoper wolle dadurch künftig eine höhere Auslastung erreichen. Zum Vergleich: Unter den Linden verfügt das alte Haus über 1390 Plätze.

Für eine bessere Akustik wird unter anderem im Schiller-Theater eine moderne Anlage mit 86 Lautsprechern im Saal installiert. Die Renovierung kostet laut Planung 22 Millionen Euro, sagt Architekt Zerr und betont mehrfach, dass man nur das Nötigste mache und man auch von vornherein gesagt habe, eine solide Grundsanierung würde 60 Millionen Euro kosten. Später am Nachmittag wird Berlins Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) in ihrer Ansprache von 23 Millionen Euro sprechen. Mal sehen, was im kommenden Jahr als Endsumme verkündet wird.

Ost-Staatsoper belebt das West-Schiller-Theater

Die wohl überraschendste Zahl des Tages: Als 1993 das alte Schiller-Theater geschlossen wurde, gab es 430 Mitarbeiter. Jetzt zieht die Staatsoper mitsamt Daniel Barenboims Staatskapelle und Chor ein, und es sind insgesamt „nur“ 550 Mitarbeiter. Das alte Sprechtheater führte zeitweilig allein 170 Schauspieler, erzählt Flimm. Ein West-Berliner Schlaraffenland. Es sei schon merkwürdig, so Flimm, dass die Ost-Staatsoper das West-Schiller-Theater wieder belebt. Aber Barenboim sage, das sei auch ein Zeichen für die innere Einheit. Dennoch gab es anfänglich große Skepsis in der eigenen Belegschaft. „Deshalb haben wird erst einmal einen Kaffeeklatsch mit den Mitarbeitern im neuen Haus gemacht“, erzählt Flimm.

Dennoch ist der neue Intendant auffällig zurückhaltend mit künstlerischen Hochstapeleien. „Im ersten Spielplan gehen wir noch sehr vorsichtig mit dem Repertoire um.“ Es gibt eine Einlaufphase. Dafür soll es mehr Kinderopern, Kammeropern und Konzerte geben. Daniel Barenboim wird, so der Intendant, im ersten Jahr fast durchweg im Haus sein „und mit dem Klavier unterm Arm auftreten“. Die Open-Air-Aufführungen sollen allerdings auf dem Bebelplatz in Mitte bleiben. Die Eröffnung findet am 3. Oktober 2010 mit einer Premiere im Schiller-Theater statt.

Ziemlich deutlich grenzt sich Flimm von der Deutschen Oper ab. Von Zusammenarbeit kein Wort. Eher scherzt er über Umleitungsschilder, damit das Publikum ins Schiller-Theater geht.

Eine Empfehlung an die Konkurrenz

Aber nein, Flimm hat keine Probleme damit, sich in die inneren Angelegenheiten der Deutschen Oper einzumischen. Während Donald Runnicles, der neue Generalmusikdirektor der Deutschen Oper, ein Auge auf den Intendanten Roland Geyer vom Theater an der Wien geworfen hat, empfiehlt Flimm besser den Amsterdamer Opernchef Pierre Audi. „Mit dem könnte ich auch gut“, sagt der Staatsopernchef.

Flimm saß seinerzeit auch mit Claus Peymann auf dem Podium, um gegen die Schließung des Schiller-Theater zu protestieren. Jetzt diskutierten die beiden Senioren über Schiller und das Theater. Peymann übt sich als kleiner Flammenwerfer, wettert über die „Pflicht der Politik“, spricht vom Aufbau West, damit auch der Westen wieder ein großes Schauspielhaus hat. Schließlich empfiehlt Peymann für die Zeit nach der Opernnutzung eine Übergabe an das Ballett. Flimm dagegen würde das Schiller-Theater lieber der Universität der Künste überlassen.