Staatsoper-Intendant

Jürgen Flimm zwischen Skandal und Triumph

Staatsoper-Intendant Jürgen Flimm schreibt auf Morgenpost Online über falsch verstandene Werktreue, Opernskandale und das gern brüllende bürgerliche Publikum.

Foto: Reto Klar

Ja, was war denn da los, meine Damen und Herren! Wohlerzogene Mitglieder der allgemeinen bürgerlichen Gesellschaft verwandelten sich in schreiende Furien, Damen in langen dunklen Roben schüttelten die Fäuste wie die Megären, die Dinnerjacketts, Smokings wurden zu Kampfanzügen. Lautes Blöcken und Brüllen erfüllten den Raum, schwarze Wolkenklänge, bestürmten empfindsame Nerven.

Ja, was war denn da los? Die Rede ist von Chéreaus und Boulez' „Ring“ in Bayreuth, Neuenfels „Aida“ in Frankfurt, Flimms „Hoffmann“ in Hamburg und von vielen anderen mehr, die sich an, ja an was eigentlich, vergangen hatten? Am Werk, am Geist, an der Musik, am Anstand, Moral, an der gesamten bürgerlichen Welt, des Wohllauten und Feinblicks des Abendlandes! Solche Skandale gab es immer schon, seit ich denken kann und in die Theater gehe. Woher kommt diese mimosenhafte Empfindlichkeit?

Die meisten besitzen ein mobiles Telefon, bei uns idiotischer Weise Händie genannt. Ich hatte früher auch mal so ein dickes Brikett, das musste man klappen, konnte es kaum mit zwei Händen halten, so schwer, das Aufbewahren eine Tortur, keine Anzugtasche war groß genug und beulte sehr unelegant! Und doch war es schön. Warum sind wir eigentlich in diesen Dingen keine Gestrigen? Aber kaum läuft auf unseren Bühnen etwas aus dem Ruder, wird sich empört. Die Neugier wird zu Hause gelassen, der Status quo ist ein sicherer Begleiter, wie ein treuer Hütehund.

Der Regisseur sitzt und grübelt

Hamlet sei wie ein Schwamm hat einmal Jan Kott, der große polnische Theatermann gemeint, er sauge Gegenwart in sich auf. Ja, der Klassiker bleibt uns erhalten, wenn er klassisch wird, wenn er seine Zeiten überdauert und sich also auch in unserer Gegenwart regen und bewegen kann, seinen Kern, das was ihn im Innersten zusammenhält, wieder offenbart. Eben, Hamlet. Welchem Kern sollten wir da treu bleiben? Wenn Kotts Satz stimmt, spiegelt Hamlet immer Neues wider: ein verbindliches Stück gibt es also nicht. Schon Shakespeare hat gelogen, gepfuscht, ja geklaut, abgekupfert. War er überhaupt der Autor? Das ist ja wirklich eine zweifelhafte Basis für Werktreuedebatten!

Was soll also der Regisseur dieses Werkes und anderer Werke tun? Da sitzt er und grübelt und liest was war, in meterlanger Sekundärliteratur und schließlich findet er einen Weg, den er nun mit seinen Schauspielerinnen und Schauspielern bearbeiten will (ähnlich ist es auch mit der Oper, aber doch ganz anders!).

Und wenn sie nach wochenlangen Proben, Reden, Diskussionen endlich irgendwie angekommen sind, öffnet sich der Vorhang und wir schauen uns das an: Begeisterung, Schock, Unmut, Bravos, Buhs ist die Reaktion.

Schauen wir doch noch einmal auf Chéreaus Bayreuther „Ring“; ich wette, Sie finden den Skandal nicht mehr! Die Kostüme? Altmodischer Plunder? Die Erzählweise? Ein Skandal ist nicht aufzufinden. Der findet sich bei all den Stücken und Opern nicht, die ich anfangs erwähnt habe.

Was heißt uns das? Es gibt keine endgültige Perspektive auf Stücke, die für alle Ewigkeit den Grundton einer Interpretation anhält – auch und vor allem keine Form: die Moden wechseln schneller als Sonne und Mond. An dem berühmten „Cosi fan tutte“ vom Maestro Mozart könnten wir dies belegen: Eine Zeit lang führte dieses Meisterwerk ein verkümmertes Dasein, dann kam eine neckische deutsche Fassung: So sind sie, die Frauen und ja, ja, die Männer! Die Männer! In diesem Stück besonders doof, bis auf Alfonso, der alle bösartig reinlegt. Ist das ein Stück über süße Flatterhaftigkeit? Oder geht es um ein grauenhaftes Experiment Mariveauscher Art, eine kalte Operation am offenen Herzen?

Hält der Begriff Werktreue also das, was mancher Reaktionär, der die Zeiträder zurückdrehen möchte, sich verspricht? Und wie steht es mit dem anderen Schimpf, der mit der Werktreue geschwisterlich verbundene Begriff: der des „Regietheaters“. Wo der Unsinn wohl herkommt. Seit der Erfindung des Probenleiters, also der Interpretation gibt es ihn, den Meister aller Klassen, den Engel und Teufel, den Regisseur, der uns um das Wiedersehen mit guten Freunden und warmherzigen Freundinnen bringt! Aber wie wir festgestellt haben, wird der Bösmann Regisseur später oft genug zum Engel, wie der heilige Patrice Chéreau und der strahlende Hans Neuenfels, selbst mir widerfuhr solches schon.

Übersetzer in ein Bühnengeschehen

Was macht dieses Hassobjekt Regisseur eigentlich? Sagen wir mal ganz bescheiden, der ist eigentlich ein Übersetzer, wie aus einer zweidimensionalen Sprache ins dreidimensionale Bühnengeschehen, aus dem Büchlein direkt auf die Bretter, die die Welt bedeuten sollen, oder Spiegel oder Abbild der Welt! Sagt Hamlet, der ungewisse Bruder! Seine Sicht auf die Welt sollte der Regisseur uns aber möglichst mitteilen. Und hoffen, dass wir ihm folgen und seine Weise, die er quasi ja als allererster Zuschauer mit seinen Mitarbeitern vor, auf und hinter der Bühne für uns entwickelt. Schafft er es nicht, uns in den Dialog zu ziehen, uns mit auf eine Reise zu nehmen – dann hat er seine Sache verwirkt:

Nur mit Treue und sogenanntem „Regietheater“ hat das alles gar nichts zu tun. Theater ohne Regie gibt es nicht – das ist ganz einfach dann lediglich Literatur. Es gibt gut und schlecht, atemberaubend und totlangweilig. Genau so wenig gibt es „Personenregie“! Regie umfasst doch alles! Metteur en scène heißt das im Nachbarland, der auf die Bühne-Setzer also, der setzt alles in die Szene, deshalb in-szeniert er nicht nur die Personen, sondern auch das Bühnenbild, die Kostüme, das Licht, die Requisiten, die Masken und Perücken – alles mit seinen Mitarbeitern – und sonst noch feine Sachen: wie tödliche Duelle, Balkonbesteigungen, Morde jeglicher Art und süße Küsse. Ein anderer Übersetzer ist freilich auch der Dirigent.

Die Debatten sind interessanterweise nur bei uns, der Theaterkunst möglich, weil wir im utopischen Niemandsland der Gegenwart siedeln. Uns gibt's irgendwie gar nicht. Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild, das lässt sich nur mit Verletzungen verändern! Übermalungen zum Beispiel! Dann aber kann man nicht mehr sehen, nichts mehr erkennen. Sonst bleibt es, wie es war, immer und ewig! Bei den Büchern ist es nicht anders. Die stehen im Regal und bleiben da, ob sie gelesen werden oder nicht, sie existieren immer und ewig! Auch der Film, gedreht, geschnitten, gemischt, auf Zelluloid als Kino, DVD oder was noch kommen mag, auch ihn muss sich keiner ansehen, er bleibt für immer und ewig! Nur das Theater, die Oper, die Musik, zerstäubt im unwirklichen Augenblick und bleibt für immer und ewig: in unseren Köpfen, in der Erinnerung, der Rest ist Schweigen. Unsere Zeit ist unser, halten wir sie fest, sie verlässt uns schneller, als wir unsere Wimpern regieren können.

Der Autor Jürgen Flimm ist Regisseur und seit dieser Spielzeit Intendant der Staatsoper im Schiller-Theater. Der Text ist ein Ausschnitt aus seinem Vortrag "Der Irrtum Werktreue“ an der American Academy in Berlin.