Schiller-Theater

Berliner Staatsoper zieht in eine Industrieruine

Die Berliner Staatsoper packt schon wieder Umzugskisten – zumindest für das nächste Stück. Denn Daniel Barenboims Ensemble plant eine Premiere im Kraftwerk Mitte.

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Im Charlottenburger Schiller-Theater residiert das Ensemble der Staatsoper jetzt gerade mal eine Saison – und schon zieht es sie nach Mitte zurück. Eine der gestern angekündigten acht Premieren findet im Kraftwerk Mitte statt. Das ist ein Industriebau der frühen Sechzigerjahre, direkt am Spreeufer und gegenüber vom Radialsystem V gelegen, der sich zunehmend als Veranstaltungs- und Ausstellungsfläche zumal fürs Zeitgenössische etabliert. Die Nähe zur Clubszene ist beiläufig gegeben – in Berlin kann man wohl bald eine Tradition der „Industrieruinen-Oper“ festmachen. Im früheren Technoclub im E-Werk inszenierte in den Neunzigern schon Katharina Thalbach Mozarts „Don Giovanni“, im derzeit angesagten Technoclub Berghain, einem früheren Heizkraftwerk, war bereits Vladimir Malakhovs Staatsballett zugange, jetzt zeigt die Staatsoper im Kraftwerk Mitte Luigi Nonos Revolutionsoper „Al gran sole carico d’amore“.

Die Inszenierung stammt von Katie Mitchell, am Pult steht Ingo Metzmacher, die Premiere ist am 1. März. Den Opernleuten und uns Publikum bleibt zu wünschen, dass das Kraftwerk in Winter gut beheizbar ist. Für Intendant Jürgen Flimm ist das Kraftwerk keine Zweitspielstätte, sagt er, das sei das Schiller-Theater. Aber wenn es im Kraftwerk gut läuft, könne er sich dort weitere Projekte vorstellen.

Weitere Projekte sind möglich

Intendant Flimm und Generalmusikdirektor Daniel Barenboim haben zweifellos viel zu verkünden für ihre zweite Charlottenburger Saison. Zu den acht großen Premieren kommen sechs kleinere auf der Werkstattbühne, ein „Don Giovanni“-Gastspiel, zwei konzertante Opernaufführungen, über 80 Konzerte, die Festtage zu Ostern sowie ein neues Festival für zeitgenössischen Musiktheater mit dem unschönen Titel „Infektion!“ und so weiter und so fort. Angekündigt sind 370 Veranstaltungen – ein Gemischtwarenladen mit klangvollen Produkten aus heimischer Herstellung und Einkäufen von anderswo. Das Schiller-Theater ist vor allem auch ein Ort der Kooperationen und Nachbearbeitungen geworden. Genau genommen gibt es vier echte Neuproduktionen in der Saison.

Wer viel zu reden hat, hat immer auch viel zu verschweigen. Die Auslastungszahlen der ersten Charlottenburger Saison werden nur bei rund 81 Prozent liegen. Und das bei einem deutlich kleineren Haus? Da kann Flimm nur mit den Achseln zucken und über den Architekten Sir Norman Foster plaudern, der das Schiller-Theater besucht habe und ganz toll fand. Vor allem auch die Fensterfront im Foyer, Flimm erklärt das Raffinierte daran, was aber keiner richtig wissen will. Die eigentliche Frage kann oder will er nicht so recht beantworten, außer vielleicht, dass er lieber wieder 85 Prozent Auslastung gehabt hätte. Das Ost-Publikum sei nicht nach Charlottenburg mitgewechselt, wohingegen man neues Publikum im Westen hinzugewonnen habe, glaubt Flimm. Man werde das Schiller-Theater weiter ins Bewusstsein rücken müssen.

Zunächst aber kehrt das Staatsoper-Team Unter die Linden zurück: Auf dem Bebelplatz spielen am 26. Juni – vor der Kulisse des Sanierungsfalls Staatsoper – Daniel Barenboim und seine Staatskapelle ein Open-Air-Konzert. Am 30. Juni 2012 wird dann Mozarts „Don Giovanni“ mit Anna Netrebko live aus dem Schiller-Theater auf den Bebelplatz übertragen. Mit guten Namen kann Barenboims Haus natürlich wieder punkten: Anna Netrebko nebst Partner Erwin Schrott, Plácido Domingo, Rolando Villazón, Elina Garanca, Magdalena Kozena, Waltraud Meier, Jonas Kaufmann, Anne-Sophie Mutter. Die Liste ist lang. Die Eröffnung am 3. Oktober überlässt Barenboim dem Philharmonikerchef Sir Simon Rattle. Er könne das Tschechische zuhause besser üben, scherzt Barenboim und spielt damit auf Sir Simons Ehe mit der tschechischen Sängerin Magdalena Kozena an. Zur Premiere kommt Leos Janaceks „Aus einem Totenhaus“ in der beliebten Wander-Inszenierung von Patrice Chéreau.

Verzögerung der Opern-Sanierung

Barenboim selbst war in der ersten Saison am Schiller-Theater überpräsent, offenbar will er sich wieder etwas zurücknehmen. Zu den Festtagen 2012 dirigiert er die Premiere von Alban Bergs „Lulu“, die wiederum von Andrea Breth inszeniert wird. Und das „Don Giovanni“-Gastspiel mit Anna Netrebko am 24. Juni wird er leiten. Dazu kommt ein Liederabend mit René Pape und der Barenboim-Zyklus mit Christine Schäfer, Dorothea Röschmann und Thomas Quasthoff. Ein Klavierzyklus ist angekündigt.

Wagners „Ring des Nibelungen“ geht erst in der dritten Charlottenburger Spielzeit weiter, gleich zur Eröffnung hat „Siegfried“ seine Premiere. Im Herbst 2013 sollte eigentlich die Staatsoper Unter den Linden wiedereröffnet werden. Aber Flimm spricht bereits davon, „parallele Planungen“ zu machen. Jetzt im Mai gibt es eine Begehung. Dann kommen wohl auch die Verzögerungen – von bis zu zwei Jahren wird gemunkelt – zur Sprache. Es sei doch gut, wiegelt der Intendant mit Blick auf die Sanierung ab, „wenn es sorgfältig gemacht wird.“