Jüdische Comics

Supermans Herkunft aufgedeckt (Hulks auch)

Die Schau "Helden, Freaks und Superrabbis" im Jüdischen Museum in Berlin zeigt die einflussreichen Werke jüdischer Comicautoren.

Außenseiter stehen gern im Regen, man wird zwar nass, ist aber zumindest alleine. 1966 galt dies auch für ein berühmtes Comicbild der „Fantastischen Vier“. Jack Kirby zeichnete „Das Ding“ alleine im Regen stehend, über dem steinernen Koloss prangt die Zeile „This Man, this Monster“. Der Blick des Superhelden ist trotz des Muskelpanzers melancholisch, wir haben Mitleid mit ihm.

Das „Ding“ aus den „Fantastischen Vier“ heißt eigentlich Ben Grimm, sein Erfinder Jack Kirby identifizierte sich mit der Figur. Erst in den 80er-Jahren wurde sein voller Name genannt, Benjamin Jacob Grimm. Das Ding ist jüdischer Herkunft. Einmal kurz geblättert, finden sich viele Comichelden im Regen stehend. Batman und Peter Parker alias Spider-Man werden gerne so gezeigt, und der Hulk natürlich, das zweite große Mitleidsmonster des Marvel-Verlags.

Will Eisner ließ seine Figur The Spirit in den 40er-Jahren derart oft im Regen stehen, dass zahlreiche Parodien davon gezeichnet wurden. Und alle diese Figuren wurden von jüdischen Autoren und Zeichnern erfunden. Schöpfer und Geschöpfe sind Außenseiter, die nicht zur etablierten Gesellschaft gehören können oder wollen. Das Medium Comics ist gleich gar etwas für Ausssätzige. Es regnet für sie. Überall.

Die Comicgeschichte ist zu einem großen Teil eine Erfolgsstory jüdischer Künstler. „Helden, Freaks und Superrabbis“ heißt eine Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin, die das auf wunderbare Weise zeigt. Ursprünglich in Paris und Amsterdam entwickelt, ist die Schau noch einmal deutlich erweitert und verändert worden. 217 Originale sind zu sehen: Studien und Entwürfe, Bleistift- und Tuschezeichnungen, historische Comichefte und Zeitungssseiten.

Ebenso viele Reproduktionen machen großen Eindruck: Es hilft, wenn die wirkungsmächtigen Figuren aus ihrem Rahmen des kleinen Heftes herausspringen. Vor dem Museum steht eine überlebensgroße Superman-Plastik. Der Held hat versucht, mit dem Kopf zuerst in den Boden zu rammen, ist aber gescheitert. Sein kryptonisches Blut spritzt auf den Asphalt. Titel: „Auch Helden habe schlechte Tage“. Auf wohltuende Weise hat die Ausstellung kein Problem mit Gewaltdarstellung. Gabummmmm!

Vom Anfang des 20. Jahrhunderts an prägten Juden die neu entstehenden Comics, zuerst in Strips, ab den späten 30er-Jahren mit Comicheften. Die Superhelden kamen im „Golden Age of Comics“ in Scharen, die meisten Serien erzählen von den andersartigen Außenseitern, die keine Heimat und keine Eltern haben, die helfen und sich wehren wollen; auch wenn jüdische Themen niemals oft zu Tage treten, sind sie doch fest in den Comic eingeschrieben. Superman, Batman, Captain America kämpften begeistert gegen die Nazis, was in herrlichen Titelbildern gezeigt wird. Solche Kinnhaken, wie sie Hitler und Goebbels verpasst bekommen, möchte man den Schurken heute noch (mindestens) austeilen.

Viele Autoren änderten ihre Namen, Batman-Erfinder Bob Kane hieß Robert Kahn, Jack Kirby, der „King of Comics“, Jacob Kurtzberg, Stanley Lieber kürzte seinen Namen zu Stan Lee. Sie arbeiteten weitgehend anonym, und kaum einer hatte die Rechte an seinen Erfindungen, was Leidensdramen bis heute auslöste.

Das Zentrum der Comics war von Anfang an New York, wo die Immigranten aus Osteuropa landeten. Die Eltern brachten von dort die bildmächtigen Legenden und phantastischen Geschichten mit und gaben sie an ihre Kinder weiter, die Comics machten. So wurde etwa aus dem Golem deutlich sichtbar Das Ding und Hulk. (Übrigens speist sich heute die US-Comicindustrie wieder mit vielen Talenten aus Osteuropa.)

Ein Fundstück ist die französische Erzählung „Die Bestie ist tot“ von 1944. Mit Tieren wird der Weltkrieg gezeigt, Nazis sind Wölfe, die jüdischen Opfer verängstigte Hasen. Die Fabel als Darstellung des Grauens kehrt später in „Maus“ wieder. Hübsch ist die Wirkung des „Shmoo“ in Deutschland. Al Capp erfand 1948 für den Strip „Li’l Abner“ ein Wesen, das sich in jede Nahrung verwandelt. Während der Berlin-Blockade warfen die Piloten auch tausende Luftballons des Shmoo für die Kinder ab. In etlichen davon waren Gutscheine für zehn Pfund Schmalz versteckt. Darin steckt viel bittere Ironie.

In den 50er-Jahren entstand mit dem „Mad“-Magazin eine neue Form von Satire, in den späten 60ern brachten Underground-Comix zum ersten Mal eine jüdische Selbstthematisierung. Art Spiegelman schrieb mit „Maus“ das große Comic-Epos, beinahe zeitgleich erfand Will Eisner, der 1978 seit 40 Jahren Comics zeichnete, die Graphic-Novel, den Comic-Roman. Von Spiegelman ist eine herrliche Zeichnung von dem Moment zu sehen, in dem er stieläugig sein erstes „Mad“-Heft im Supermarkt entdeckt. Hinter dem Sabbern und Lechzen steckt ehrliche Verehrung, Hingabe und künstlicherischer Tribut.

Die Emanzipation der Comics befördert ihre geheime Entstehungsgeschichte ans Licht, das macht den Gang durch die Ausstellung zu einem feinen Erlebnis. So viel Staunen! Dabei ist die klug und bunt aufgebaute Schau ganz unaufdringlich und didaktisch zurückhaltend. Mit dem schlichten Pathos der Comics gesagt: Wow! Zatosch!

Jüdisches Museum, Berlin. 30. April bis 8. August. Katalog: 19,80 Euro.