Ausstellung

Berliner DHM lädt zur Reise ins Mittelalter

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Eckhard Fuhr

Foto: dpa

Das Deutsche Historische Museum Unter den Linden folgt einem Mittelalter-Boom in verschiedenen Museen und zeigt eine Ausstellung über "Burg und Herrschaft" – die größte, die es wohl je in Europa gab.

Für viele Menschen in Europa bilden Ritter und Burgen den Inbegriff von „Geschichte“. Sie stehen für das Exotische einer fernen Vergangenheit – ähnlich wie Dinosaurier – und erfreuen sich gerade deshalb einer stetigen popkulturellen Beliebtheit in Kinos, Kinderzimmern und Buchläden. Auf dieses breite Interesse am Mittelalter setzt das Deutsche Historische Museum (DHM), wenn es nun dem Themenkreis „Burg und Herrschaft“ eine große, zwei Etagen des Pei-Baues einnehmende Ausstellung widmet, für die es tief in den eigenen Depots gegraben und Objekte zutage befördert hat, die schon lange nicht mehr oder noch nie gezeigt wurden. Zeigen, was man hat und woher man kommt – das DHM, zu dessen Kernbeständen die Waffensammlung des Zeughauses gehört, hat die Gelegenheit dazu beherzt genutzt und einen Ausstellungsparcours durch tausend Jahre mittelalterlicher europäischer Geschichte vom sechsten bis zum sechzehnten Jahrhundert geschaffen, der beweist, dass auch diese anscheinend so ferne Epoche mit musealen Mitteln und ohne multimedialen Schnickschnack anschaulich vergegenwärtigt werden kann.

Zwei Drittel der mehr als 600 Objekte kommen aus Eigenbeständen. Hinzu treten teils spektakuläre Leihgaben wie etwa die Krone der Maria von Luxemburg aus Zadar in Kroatien.

Mittelalter-Boom in Museen

Es ist mehr oder weniger Zufall, aber es gibt doch Anlass zu Spekulationen über den Zeitgeist, dass die Berliner Burgenausstellung in diesem Jahr sich als Teil eines regelrechten Mittelalter-Booms in deutschen Museen darstellt. Eine Parallelausstellung über den „Mythos Burg“ wird übernächste Woche im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg eröffnet. Beide Häuser arbeiteten in der Vorbereitung eng zusammen und veranstalteten auf der Wartburg einen wissenschaftlichen Kongress zum neuesten Stand der Burgenforschung. Völlig unabhängig davon zeigt das Museum für Archäologie in Herne im Rahmen des europäischen Kulturhauptstadtjahres Ruhr 2010 eine große Mittelalterschau. Und das Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museum wird sich von September an dem Adelsgeschlecht der Staufer widmen und damit an die inzwischen legendäre Stuttgarter Staufer-Ausstellung von 1977 anknüpfen, die als Prototyp jener großen Geschichtsschauen gilt, die seither immer wieder ein Massenpublikum anziehen. Mittelalter satt also wird geboten. Die Faszination, die von dieser Epoche ausgeht, ist ungebrochen, was wohl daran liegt, dass sie mehr und mehr als ferner Spiegel und nicht als finsteres Gegenbild der Moderne erscheint, die ja in ihre Selbstgewissheit ohnehin angeknackst ist.

Die Berliner Ausstellung versagt sich jeden aufklärerischen Hochmut gegenüber dem angeblich finsteren Mittelalter. Im Gegenteil: Sie räumt mit aufklärerischen Vorurteilen auf. Dass es in Burgen kalt und schmutzig gewesen sei, ist ein solches Vorurteil. Doch es gab ausgeklügelte Heizungssysteme und geflieste Fußböden. Dass die Ritterrüstungen schwer gewesen seien und ihre Träger unbeweglich gemacht hätten, ist ein anderes. Dagegen sprechen schon die Harnische, die in der Ausstellung wie in Bewegung – etwa bei einem gerichtlichen Zweikampf – inszeniert sind. Sie wirken ungemein behende und gelenkig. Solche Rüstungen waren Hightech-Produkte der damaligen Zeit.

Gepanzerte Reiter bildeten den schlagkräftigen Kern europäischer Heere, die sich gegen Normannen, Sarazenen und Ungarn warfen. Letztlich war der Panzerreiter ein militärisches Erfolgsmodell und keine bizarre Fehlentwicklung. Der Adel, der aus diesen Berufskriegern hervorging, bleibt ein Jahrtausend lang die ausschlaggebende Gesellschaftsschicht. Der zentrale Ort seiner Herrschaft war die Burg, das möglichst auf erhöhtem Ort errichtete befestigte Haus. In der Burg und durch die Burg wurde Adelsherrschaft sichtbar. Hier wurden die Rechtsakte zwischen Grundherren und Hintersassen vollzogen, hier lebte und repräsentierte die adelige Familie, hier hatte sie in der Fehde ihre militärische Basis. Der wichtigste Raum der Burg war die Hofstube, eine Art Macht- und Herrschaftskontor, aber auch „privater“ Wohnraum, wo gegessen und gefeiert wurde. Die Inszenierung einer solchen Hofstube ist einer der Höhepunkte der Ausstellung.

Krieg, Jagd und höfisches Leben, die Burg als Wirtschaftsort, der Ritter als christlicher Krieger, die Rüstkammer, Belagerungsgerät, das Turnier, die „Frauenzimmer“, die Rechtsbeziehungen in der Feudalgesellschaft, – das DHM fächert das Thema breit auf, ohne den Besucher mit Texten zu überschütten. Keine Rede auch von drangvoller Enge zwischen den Vitrinen, wie man sie manchmal hier schon erleben konnte. Der Platz ist großzügig bemessen. Die Schaustücke stehen sich nicht gegenseitig im Weg.

Burg-Ruinen stehen für Sehnsucht

Was ist von den Burgen geblieben? Vielerorts bestimmen sie heute noch die Landschaft, geben ihr Namen und historische Identität. Ihre militärische Funktion verloren sie mit dem Aufkommen der modernen Artillerie im 16. Jahrhundert. Die sich ausdehnenden modernen Territorialstaaten räucherten widerständige „Raubritter“ in ihren Burgennestern aus. Die Sieger der Geschichte bauten ihre Burgen zu fürstlichen Residenzen aus. Aus Burgen entwickelten sich aber auch Städte, in denen als Figur der Zukunft der Bürger hauste. Und die Ruinen, die regten die Sehnsucht, die Fantasie und den Tourismus an. Das ist die Geschichte, die demnächst in Nürnberg erzählt wird.

DHM, Pei-Bau, Unter den Linden 2. Tgl. 10-18 Uhr. Tel.: (030) 20304 444. Bis 24. Oktober 2010. Katalog, 320 Seiten, 390 farbige Abbildungen, 20 Euro. Eintritt: 5 Euro, Jugendliche bis 18 Jahre sind frei.