Sie lebt in New York, sie ist attraktiv, dunkel, jung und ihre Kunst ist ein Hingucker, kurzum: in den USA ist Wangechi Mutu ziemlich angesagt. Ihre Vita weist Ausstellungen in den großen amerikanischen Museen auf, San Francisco und Los Angeles, auch im New Yorker Guggenheim und Museum of Modern Art hat sie ausgestellt.
In Europa gilt sie als Neuentdeckung – jetzt stellt sich die Afrikanerin Wangechi Mutu mit einer Soloschau im Guggenheim erstmals in Deutschland vor. Unter den Linden fliegt man sie hoch ein. Mutu, Jahrgang 1972, wurde zur „Künstlerin des Jahres 2010“ auserkoren. Die prominente Jury, darunter der Berliner Museumschef Udo Kittelmann, war fasziniert von ihrer „eigenwilligen Verbindung von Schrecken und Schönheit, surrealer Poesie und Gesellschaftskritik“. So ist es tatsächlich, Mutu entwirft mit der Schau „My Dirty Little Heaven“ ein reichlich hybrides Universum, in der sich alles zu mischen scheint, eine Herausforderung für den europäischen Blick, der bei Mutus „Multikulti“-Formensprache reichlich fremdelt.
Brauner Filz kleidet die Ausstellungshalle aus, von der Decke baumeln kopfüber Flaschen an Fäden, aus denen undefinierbare Flüssigkeit in billige Blechschüsseln tropft. Die wiederum stehen auf einer armseligen Pritsche aus Holz. An den beige eingefärbten Wänden des Guggenheim – assoziieren wir eine Lehmhütte? – hängen farbpralle Collagen mit amorph verwachsenen Frauenkörpern und -köpfen, Papageien, Totenschädel, Schlangen, Früchten, versetzt mit allerlei Glitter, Goldstaub, Blüten, Pigmenten und Perlen. Doch die exotische Pracht schlägt schnell um in Schauder, hinter dem Glitzern der Oberfläche sieht man die Deformation. Mutus collagierte Figurationen wuchern quasi aus dem Bildgrund, ein Tiermaul spuckt rot, eine Frau „wächst“ von innen heraus. Aus einem Gesicht quellen ein Arm und eine Brust aus den Augenhöhlen.
Genau jene Ambivalenz, dieses Unbestimmbare macht den Reiz ihrer Arbeiten aus. Mutu, wenn man so will, ist die Recycling-Lady des globalen Kunstbetriebes: lustvoll, ja, völlig ungezwungen mischt sie ihr afrikanisches Erbe mit westlichen Einflüssen, egal ob Pop, Porno, Medien, Lifestyle oder Mode-Phänomene. Dafür plündert sie sämtliche Zeitschriften und Hochglanzmagazine. Man mag es kaum glauben, wenn Mutu darüber berichtet, dass einige ihrer Inspirationen auf ihre Berlin-Zeit zurückgehen, wo sie nach der Wende als Austauschschülerin bei einer Familie in Ost-Berlin unterkam.
„Sie waren relativ arm und bescheiden und sie hatten diese Bilder von Luxusartikeln und Dingen, die sie haben wollten, aus Magazinen geschnitten und an die Wand geheftet“, erinnert sie sich. Dabei hat ihr moderner Zugriff auf die Collagetechnik Wurzeln in den Fotomontagen der zwanziger und dreißiger Jahre. Hannah Höch, die Berliner Dada-Pionierin, lässt grüßen.
Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15 in Berlin-Mitte. Tel.: (030) 2020930. Tägl. 10-20 Uhr. Bis 13. Juni 2010.





