Das Berliner Staatsballett hat in der Staatsoper, dem Tonband abgelauscht, die 3. Sinfonie von Henryk Gorecki zur Aufführung gebracht, die mächtige „Sinfonie der Klagelieder“ („Symphony of Sorrowful Songs“): drei riesige, scheinbar auf der Stelle tretende Sätze, alle mit der Tempo-Bezeichnung „Lento“ gemaßregelt.

Ein herzzerreißendes Stück. Es überhaupt zu inszenieren und zu choreographieren, siebzig pausenlose Minuten lang, schien von vornherein geradezu eine selbstmörderische Absicht. Ein Irrtum!

Am Ende stand respektvoll anhaltender Beifall, ohne jeden Spritzer von Widerspruch. Sechs Tänzerinnen und sieben Tänzer, mehr nicht, werden aufgerufen. An ihrer Spitze zusätzlich Nadja Saidakova und Vladimir Malakhov. Eine Hauptrolle übernimmt außerdem das bewegungsfleißige Dekor: riesige graue, balkenähnliche Sichtblenden, die auf und nieder fahren und weiße Projektionsflächen in unterschiedlicher Größe sichtbar machen, auf die jedoch nicht das Geringste projiziert wird.

Die Männer tragen meist nur Slips

Numen nennt sich die Bühnenbildnervereinigung, die das mächtige Dekor produziert hat. Dagegen kommt Hanna Schygulla (auch sie vom Tonband) mit ihren beschwörend philosophischen Apercus nicht an. Es setzt eine Tanzreise durch Zeit und Ewigkeit an. Zeitweilig überraschenderweise auch aufs Eleganteste per Fahrrad vollzogen. Während die Damen in wechselnden Kostümen von Angelina Atlagic auftreten, ist die Vorzugsbekleidung der jungen Männer zumeist nichts als der Slip: Bademeister sozusagen sie alle am Swimmingpool des Geistes und der tiefsinnigsten Gedanken. Mit ihrer durchtrainierten Körperlichkeit sind sie eine Augenweide bis zum Schluss beim Verbeugen. Und dafür bekommen sie reichlich Gelegenheit.

Die Inszenierung führt die Mitwirkenden sachte herein. Am Anfang liegt ein Strampelpaket in durchsichtiger Folie auf der Bühne und kämpft sich allmählich frei. Es ist Meister Malakhov selbst, der sich gewissermaßen aus der Verpackung freischwimmt, um sofort gierig nach dem hohen Stiefelpaar zu greifen, das während des Aktes der Geburt hoffnungsvoll neben ihm steht. Am Ende der Vorstellung wird er in den Foliensack zurückkehren, von der Saidakova zu allem Überfluss auch noch mit Klebeband eingeschnürt. Man beginnt sogar ein bisschen, um sein Leben zu zittern. Er scheint von Ersticken bedroht.

Zwischendurch hat die Gedanken-Tragik, wie auch Goreckis Musik, zeitweilig Pause. Man geht ihr ganz ungeniert an den Kragen. Man lässt Geräuschwucherungen los, die sich durch die Lüfte schwingen: wie klingende Tänzerinnen und Tänzer sozusagen beim Akustiksport.

Dann tönt urplötzlich und völlig unerwartet ein spanischer Schlager von Nat King Cole auf, der natürlich die Tänzerinnen quasi automatisch in die Arme der Partner treibt. Es darf, wer hätte das noch gedacht, tatsächlich schwungvoll und rassig getanzt werden.

Nie weiß man genau, wo die Inszenierung endet und die Choreographie beginnt. Nie macht sich das eine auf Kosten des anderen selbstständig. Tomas Pandur, der slowenische Regisseur, und Ronald Savkovich, sein Choreograph, scheinen künstlerisch buchstäblich siamesische Zwillinge, die ohne jeden Anflug von Selbstsucht Hand in Hand zu arbeiten verstehen. Das gibt ihrer gemeinsamen Erfindungskraft den überzeugenden Schliff. Sie zeigen gemeinsam und mit ihren Bühnenbildnern aufs engste verschwistert, wie selbstverständlich ein überzeugend „Neues Tanz-Theater“ ohne jeden Anflug von Wichtigtuerei. Für choreographischen Auslauf ist überdies hinreichend gesorgt.

Teamarbeit ist hier alles

Elisa Carrillo Cabrera und Leonard Jakovina exekutieren glänzend ein gymnastisch wohlversorgtes Duo, Jakovina schließt sich überdies mit seinen beiden Partnern Michael Banzhaf und Arshak Ghalumyan aufs Eindrucksvollste zusammen. Was Teamwork heißt, lernt man hier in dieser dynamischen Inszenierung.

Staatsoper, Unter den Linden, Mitte, Nächste Aufführungen: 28., 30. April, 5.,11.,13., 21., 29. Mai., 20 Uhr. Tel: 030/20 60 926 30.