Sein Engagement ist beeindruckend: Karim Aga Khan fördert zahlreiche Entwicklungsprogramme in der Dritten Welt. Er kümmert sich um die Sauberkeit des Wassers und um ein hinreichendes Angebot von Nahrungsmitteln auf diesem Planeten. Allein für den Wiederaufbau Afghanistans hat das Aga Khan Development Network 80 Millionen Euro gestiftet.
Karim Aga Khan IV wurde 1936 geboren und ist das geistige Oberhaupt der Ismailiten. Er gilt zugleich als direkter Nachkomme des Propheten Mohammed.
Und da Aga Khan als Großaktionär bei Konzernen wie Fiat oder Lufthansa auch ziemlich wohlhabend ist, hat er eine der exquisitesten Sammlungen islamischer Kunst zusammengetragen. Bevor sie 2013 das Aga Khan Museum in Toronto bezieht, werden 200 ihrer Glanzstücke von Mittwoch an und erstmals in Deutschland im Martin-Gropius-Bau gezeigt. Bundespräsident Horst Köhler wird die Ausstellung eröffnen.
Es funkelt und schillert: Schmuck, Glas- und Elfenbeinarbeiten, Metallgefäße, aber auch Gemälde, Zeichnungen, Buchillustrationen und Manuskripte sind zu bestaunen. Sie dokumentieren nicht nur mehr als 1000 Jahre Kulturgeschichte, sondern auch eine Vielfalt an Stilen, Techniken und Materialien. Zu sehen ist auch das älteste bekannte Manuskript des „Kanons für Medizin“ von Ibn Sina. Er war Philosoph und Arzt, sein Hauptwerk diente in Europa rund 500 Jahre als anerkanntes Standardwerk. Ein Schwerpunkt der Schau liegt auf dem „Wort Gottes“, ein anderer illustriert die Vielfalt der islamischen Welt von Andalusien bis Indien, ein dritter widmet sich dem persischen Königsbuch des Dichters Firdausi.
Aga Khan will integrieren
Aga Khan geht es nicht um den eigenen Ruhm, sondern, wie dieser es formuliert, „um die Aufmerksamkeit auf die Fülle, Mannigfaltigkeit, geografische Vielfalt und die künstlerischen Errungenschaften der islamischen Kultur zu lenken“. Es gilt, so die Botschaft Aga Khans, einer weitverbreiteten Grundhaltung gegenüber muslimischen Gesellschaften entgegenzutreten: „dass wir es hier nicht mit einem ,Clash of Civilizations', sondern mit einem Kampf der Unwissenheit auf beiden Seiten zu tun haben.“
Um das Maß an Unwissenheit auszuloten, müsste der Aga Khan nur auf seine Familiengeschichte verweisen. Bekannt ist, dass er der 49. Imam der Ismailiten ist, die sich auf die direkte Abkunft vom Propheten Mohammed beziehen. Was das indes zu bedeuten hat, stellt auch die Ausstellung nicht klar, zu kompliziert, (buchstäblich) undurchsichtig, qualvoll und blutig ist diese Spur des muslimischen Glaubens. Denn der Aga Khan (was frei übersetzt „Vater der Familie“ bedeutet) ist ein direkter Nachkomme jener Assassinen, deren (Selbstmord-)Attentate die muslimischen Staaten des Mittelalters erschütterten und auf die sich nicht zuletzt die lebenden Bomben der Gegenwart beziehen. Die Wiederentdeckung der Ismailiten, genauer: Nizaris, beginnt mit einem Prozess: „The Aga Chan Case“. 1866 reichte eine Gruppe von Muslimen im damals britischen Bombay eine Klage ein, die es dem Aga Khan untersagen sollte, „sich in die Verwaltung des Vermögens und der Geschäfte“ ihrer Gemeinde einzumischen. Nach 25 Verhandlungstagen verkündete Sir Joseph Arnould sein Urteil: Besagte Gemeinde aus Bombay sei „eine Sekte von Menschen,… die zum Glauben der ,Shia Imamee Ismailis' konvertierten, diesem durchgängig treu blieben und bis heute durch Bande geistlicher Treuepflicht mit den erblichen Imamen der Ismailiten verbunden sind.“
Mit diesem Prozess konnte sich ein ehemaliger iranischer Provinzgouverneur, dem der Schah von Persien 1818 den Titel „Aga Khan“ verliehen hatte, bevor er nach einem missglückten Aufstandsversuch fliehen musste, als Oberhaupt seiner Gemeinde in Indien etablieren. Aga Khan III. stieg darüber hinaus zum Ritter des Indischen Kaiserreichs und Mitglied des britischen Kronrates auf, sein Enkel trägt den Titel His Highness Prince Karim Aga KhanIV. und lebt bei Genf in der Schweiz. Sein Vorgänger ist in einem eindrucksvollen Mausoleum begraben, das die Begum (Prinzessin), wie jede Frau eines Aga Khans angeredet wird, bei Assuan errichtet hat. Mit der Grablege 1957 kehrte der Führer des Ismailiten wieder nach Ägypten zurück, aus dem sie 1000 Jahre zuvor vertrieben worden waren.
Flucht, Unterdrückung und Märtyrertum gehören zur ismailitischen Existenz. Denn diese repräsentierte (fast) immer eine Minderheit. Nach dem Tod des Propheten Mohammed votierte die überwiegende Mehrheit seiner Gefolgsleute dafür, die Führung der Gemeinde in die Hände von „Kalifen“, Nachfolgern, zu legen. Jene, die ihnen bei der Eroberung ihres Weltreichs folgten, waren die Sunniten. Nur eine Minderheit sah einzig Ali, den Neffen und Schwiegersohn Mohammeds, als dessen legitimen Nachfolger an. Diese „Partei Alis“, die Schia, teilte sich in der Folge in zahlreiche Gemeinden auf. Eine davon, im Mittelalter wohl die radikalste, waren die Ismailiten.
Die islamische Welt ist groß
Die Geschichte, die Karim Aga Khan repräsentiert, kann durchaus für sich in Anspruch nehmen, die ganze Vielfalt der islamischen Welt zu spiegeln. Und sie setzt ein hoffnungsvolles Zeichen: Die rund 20 Millionen Menschen, die heute den Aga Khan als ihr religiöses Oberhaupt ansehen, haben mit ihrem Imam den Zielen und Mitteln ihrer Gründerjahre abgeschworen und leben als Bauern, Kaufleute, Intellektuelle in mehr als 25 Staaten der Erde. Auch der Islam kennt die Abkehr vom radikalen Fundamentalismus und die Verinnerlichung demokratischer Werte. Der Aga Khan kann uns Mut machen.
Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7. Kreuzberg. Tel.: (030) 254860. Mi-Mo 10-20 Uhr. Ab 30. April täglich geöffnet. Katalog 26 Euro; im Buchhandel (Nicolai-Verlag) 34,95 Euro.




