Ausstellung

Miss Preußen hält in Charlottenburg Hof

Königin Luise ist wohl die populärste Frau der preußischen Geschichte. In diesem Jahr wird an ihren 200. Todestag erinnert, mit gleich drei Ausstellungen. Die erste Schau "Leben und Mythos der Königin" ist bereits eröffnet. Was die Besucher im Berliner Schloss Charlottenburg erwartet.

Entrückt lächelt sie den Besucher an. Ihre Hände sind wie im Schlaf unter der Brust gekreuzt, ihr Gewand verhüllt in scheinbar zufälligen Faltenwurf den schlanken Körper. Christian Daniel Rauchs Skulptur der ruhenden Königin Luise im Mausoleum des Schlossparks Charlottenburg gehört zu den schönsten Werken klassizistischer Bildhauerei. Zum 200. Todestag der Monarchin wurde jetzt der Carrara-Marmor frisch restauriert. Der milde Glanz des Materials lässt das Gesicht der jung verstorbenen Königin unwirklich natürlich scheinen.

Seit Sonnabend ist die erste von insgesamt drei Ausstellungen der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) im Luisen-Jahr 2010 zu sehen. Sie spürt dem Mythos nach, der schon zu ihren Lebzeiten anhob, sich nach ihrem Tod für rund ein Jahrhundert zum wahren "Luisenkult" steigerte und bis ins 21. Jahrhundert nachwirkt.

Zu Recht stellt SPSG-Generaldirektor Hartmut Dorgerloh fest, dass Luise heute die "populärste Frau der preußischen Geschichte und neben Friedrich dem Großen die herausragende Persönlichkeit der Hohenzollern-Dynastie" ist. Man kann auch sagen: Noch vor Marlene Dietrich ist Luise die bekannteste Berlinerin aller Zeiten.

Aber was genau macht ihren Mythos aus? Mit mehr als 350 Exponaten dokumentiert die Ausstellung im barocken Neuen Flügel des Schlosses Leben und Nachleben der Monarchin. Drei Elemente sind zu unterscheiden: der reale Alltag der Königin, ihr Einsatz für das darnieder liegende Preußen in der Zeit der napoleonischen Expansion und die Folgen ihres überraschenden Todes am 19. Juli 1810.

Jedem dieser Elemente widmet sich die Ausstellung. Im ersten Teil über das Leben stehen nicht posthum entstandene Darstellungen im Mittelpunkt, sondern das Bild, das sich aus ihren erhaltenen Briefen erschließen lässt. Es zeigt eine süddeutsch-pietistisch geprägte, gleichwohl lebensfrohe junge Frau, die stets unter Zahnweh litt.

In knapp 17 Ehejahren brachte sie zehn Kinder zur Welt, von denen sieben das Erwachsenenalter erreichten – für eine Königin ihrer Zeit hatte Luise die Pflicht mehr als erfüllt. Dass sie zudem eine liebevolle Ehefrau und fürsorgliche Mutter war, lässt sie bereits über andere Frauengestalten aus herrschenden Häusern des 18. und 19. Jahrhunderts herausragen.

Blick in die Luisenwohnung

Luises Alltag wird zudem durch die annähernd originale Wiederherstellung der Zimmerflucht repräsentiert, die sie bei ihren Aufenthalten im Schloss Charlottenburg bewohnte. Dank zweier kürzlich entdeckter Inventarlisten von 1800 und von 1810 konnte die "Luisenwohnung" weitgehend wiederhergestellt werden – zu fast 90 Prozent mit dem Originalmobiliar.

In zwei Räumen wurde sogar die aufwendige Wandbespannung aus handbemalten Seidentapeten rekonstruiert. Höhepunkt ist die erst im Todesjahr Luises von Schinkel neu gestaltete Schlafkammer der Königin, das durch klassizistische Schlichtheit überzeugt. Die 1943 bei Bombardements zerstörten und jetzt restaurierten Räume werden dem Publikum dauerhaft zur Verfügung stehen.

Schon in diesem Teil zeigt die Schau die Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Mythos. Besonders deutlich wird das an einer Wand, die bekannte Porträts mit einer wahrheitsgetreuen Zeichnung der Königin von Schadow konfrontiert, die sie nicht wie meist idealisiert oder wenigstens von ihrer "Schokoladenseite" zeigt. Mit wirrem Haar, stämmigem Hals und leichtem Doppelkinn entspricht sie nicht der Vorstellung einer atemberaubenden Schönheit.

Charisma muss Luise dennoch in ungewöhnlich hohem Maße gehabt haben. Das bewies sie, die keineswegs eine "Märtyrerin Preußens" war, als sie 1807 den verachteten Emporkömmling Napoleon in Tilsit traf. Der selbst ernannte französische Kaiser war von ihr beeindruckt: Er habe sich "tüchtig wehren müssen" in dem einstündigen Gespräch, schrieb er an seine Frau Josephine.

Sie war ihrer Zeit deutlich voraus

Politisch "gerettet" hat Luise Preußen allerdings nicht – auch wenn der Mythos das anders sieht. Der größere Teil der leider allzu engen Ausstellung im schmalen Neuen Flügel des Schlosses widmet sich dem Nachleben der Königin. Hier sticht das selten gezeigte, etwas überlebensgroße Gipsmodell einer nie verwirklichten Skulptur von Luise und Napoleon heraus. Der Künstler Gustav Eberlein ließ die Königin eine Stufe höher stehen als den kleinen, dicklichen Franzosen. Durch ihr vorgerecktes Kinn demonstriert sie ihren unbedingten Willen, den siegreichen Feldherren zu Zugeständnissen zu zwingen. Mit der Realität des brisanten Treffens hatte das wenig zu tun, wie die Ausstellung zeigt.

Auch ist wenig dran am Bild der engagierten Reformerin Luise, ohne die Preußens Modernisierungsschub ausgeblieben wäre. Im Gegenteil bestand gerade kein Einverständnis zwischen dem bockigen Freiherrn vom Stein und der Königin. Ihr wesentlicher Beitrag war, dass sie ihren zaudernden Ehemann Friedrich Wilhelm III. drängte, sich den dringend notwendigen Reformen wenigstens nicht zu verweigern.

Gemessen an ihrem tatsächlichen Leben war Luise eine gewiss wichtige Monarchin, die ihrer Zeit deutlich voraus war – aber doch nicht die Jahrhundertgestalt, als die sie mindestens bis 1918 wahrgenommen wurde. Dieser Überhöhung spürt die Ausstellung ebenfalls nach, orientiert an zentralen Exponaten wie dem großen Bild des deutschen Kaisers Wilhelm I. am Grabmahnmal seiner Mutter.

Ihren Ausgangspunkt nahm das Nachleben von der Erschütterung des ohnehin zerrütteten, von den Zeitläuften schwer getroffenen Königreichs Preußen durch den überraschenden Tod Luises. Sie hatte zwar stets gekränkelt, sich auf ihrer Flucht nach Ostpreußen 1806 auch mit Typhus infiziert. Dennoch kam die tödliche Lungenentzündung während einer Reise Richtung Ostsee überraschend. Ihr Witwer überhöhte den Schicksalsschlag aus ehrlicher Liebe und versuchte, ihn mit jahrzehntelang zur Schau gestellten Trauer zu verarbeiten.

Weil der Tod der beliebten Monarchin aus der Distanz von ein bis zwei Jahrzehnten jedoch beinahe zusammenfiel mit dem Beginn des Wiederaufstiegs Preußens, wurde er als ein Opfer für Preußen wahrgenommen, das letztlich zur Erlösung geführt habe. Sehr wahrscheinlich waren sich Friedrich Wilhelm III. und seine beiden ältesten Söhne, die nacheinander seine Nachfolger wurden, instinktiv dieser Deutung bewusst, als sie den Kult um Frau und Mutter vorantrieben. So wurde Luise zur Staatsheiligen Preußens. Von dieser Stilisierung befreit sie die Ausstellung der SPSG, ohne die Faszination ihrer Persönlichkeit zu untergraben. Viel mehr kann eine Ausstellung kaum leisten.

Luise. Leben und Mythos der Königin im Schloss Charlottenburg, Neuer Flügel. Bis 30. Mai 2010. Mo, Mi, Fr, Sa, So 10–18 Uhr, Di 12–18 Uhr, Do 10–21 Uhr, Mausoleum immer bis 18 Uhr. Eintritt: Neuer Flügel, Wohnräume und Mausoleum: 12 Euro, ermäßigt 10 Euro. Katalog: "Luise. Leben und Mythos der Königin", 140 Seiten mit zahlreichen Farbabbildungen, 9,95 Euro.

Luise. Die Inselwelt der Königin auf der Pfaueninsel. 1. Mai bis 31. Oktober. Schloss täglich außer Montag, 10 – 18 Uhr, Parkgebäude und Meierei: täglich 10-17 Uhr. Eintritt: Inselticket (Pfaueninsel, Parkgebäude, Meierei und Fähre) 5 Euro, erm. 4 Euro. Katalog: "Luise. Die Inselwelt der Königin", ca. 120 Seiten mit zahlreichen Farbabbildungen, 9,95 Euro.

Luise. Die Kleider der Königin in Paretz, Schloss und Schlossremise. 31. Juli bis 31. Oktober 2010 täglich außer Montag, 10-18 Uhr, 10-18 Uhr. Eintritt: Schloss und Schlossremise 7 Euro, ermäßigt 5 Euro. Ausstellungskatalog: "Luise. Die Kleider der Königin", ca. 224 Seiten mit ca. 150 Farbabbildungen, erschienen im Hirmer Verlag, 25 Euro in der Ausstellung, im Handel 34,90 Euro.

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