Schwer senken sich die mächtigen Scheinwerfer nieder auf die fünf Menschen darunter. Das Licht kreiselt ihnen hinterher, zeichnet gleißende Kegel und scharfe Schatten um sie herum. Irgendwann sind sie so nah, dass nur, wer sitzt oder sich gekrümmt bewegt, sicher sein kann, nicht anzustoßen an die Beleuchtungs- und Bewachungsmaschinerie. Mit allerlei Leibesertüchtigungen wurden diese Menschen mental ruhig gestellt, jetzt sind sie fertig und gut ausgeleuchtet für die große Operation im hohlen, weißen, leeren Bühnenhalbrund. Es wird das menschliche Gemüt seziert, vielleicht wird man gar zu Mitteln der Autopsie greifen müssen, mindestens innerlich scheint mancher von denen schon tot zu sein. Wer hier krank und wer normal ist, falls diese Begriffe überhaupt zulässig sind, das wird später noch zu hinterfragen sein, so hat Anton Tschechow es in seiner Erzählung „Krankenzimmer Nr. 6“ vorgesehen und wenigstens daran hält sich Regisseur Dimiter Gotscheff in seiner Inszenierung fürs Deutsche Theater auch.
Ansonsten geht der Theater-Chirurg Gotscheff beim Dichter-Arzt Tschechow ziemlich großzügig mit dem Skalpell zu Werke. Was bleibt, ist nur der ganz grobe Plot: Nervenarzt resigniert vor der Realität und endet als Insasse der ehemals von ihm geführten Heilanstalt. Alle weiteren Diskurse, die der Arzt im Original über den Zustand der russischen Gesellschaft führt, zusätzliche Figuren wie ein Freund, Ärzte oder Heilgehilfen: geschenkt. Gotscheff reduziert die Figuren auf sich selbst und inszeniert jeden in seinem eigenen Kosmos. Aber, und das ist die große charmante Idee des Abends, zu dem Iwan Panteleev die Spielfassung beisteuerte, hier wird nicht nur amputiert, nein, man versteht sich vor allem auf die Transplantation und Gotscheff und Panteleev vernähen die Stiche gekonnt: Das Patientenpersonal des Krankenzimmers Nr. 6 trägt zwar noch Züge der ursprünglichen Besatzung, ist aber vor allem ein munter zusammengewürfeltes Personenverzeichnis des Tschechowschen Gesamtwerkes.
Tschechow mal komödiantisch verstanden
Katrin Wichmanns Sehnsuchtsseele im Tüllkleid mit Schleier (Bühne und Kostüme: Katrin Brack) scheint halb der „Möwe“, halb dem „Onkel Wanja“ entsprungen, die „Drei Schwestern“ werden im Wortsinn durchbuchstabiert, irgendjemand ruft, wie in der „Möwe“ nach „neuen Formen“ und wer war das nochmal gleich, die in Paris Krokodile aß? Ach, die Ljubow Andrejewna Ranewskaja aus dem „Kirschgarten“ war’s, hier plötzlich in Gestalt von Almut Zilcher. Zwischendurch spielt jemand Tuba. Auch Harald Baumgartner im zerknautschten Frack und Andres Döhler in kurzen Hosen und T-Shirt tragen so ihre Zitate und Biografien mit sich herum und bescheren dem Zuschauer reihenweise intellektuelles Ratevergnügen im Tschechow-Kosmos der Comédie humaine“. Dem Gewinner im Tschechow-Quiz winkt immerhin: Erkenntnis, vielleicht.
Damit die Geschichte dennoch ihren Fortgang nimmt, springt Margit Bendokat in Personalunion von Aufsichtspersonal und Haushälterin immer wieder schnarrend als Erzählerin ein. Außerdem bleibt als einziger Wolfram Koch relativ nahe an der in der Erzählung angelegten Figur des Patienten Ivan Dimitriè (wenngleich in der Inszenierung keiner konkrete Namen trägt), der den Stoizismus und Fatalismus des Arztes nicht akzeptiert und ihm knallhart sagt, dass er sich und seine Mitpatienten aufgrund der offenbar mangelnden Lebensschmerzerfahrung des Arztes, für „höherstehend und in jeder Beziehung kompetenter“ hält als den Arzt. Kochs Sparringspartner, den Arzt, spielt in gewohnter Gotscheff-Besetzung natürlich Samuel Finzi und zwar als verkniffenen Mediziner, dem die Resignation aus allen Poren des hängeschultigen, schlurfenden Körpers strömt. Er ist der eine, die Nervenkranken sind die anderen, er ist der einzelne, sie die Gruppe. Wer hier normal ist, spielt gar keine Rolle mehr. In dieser Konstellation ist der Doktor der Exot, und großartig zeichnet Finzi die wachsende Nähe seiner Figur zu den anderen nach. Auch der Rest des Ensembles spielt ausnahmslos exzellent.
Zwar hat dieser Abend auch seine Längen, mal sitzt der Witz nicht, den Gotscheff großzügig einstreut, er will Tschechow durchaus komödiantisch verstanden wissen, ab und an verliert sich der Faden, mal scheint der Ausgangstext doch allzu arg beschnitten. Aber dennoch: Die Idee ist hübsch, die Darsteller sind stark, es ist halt ein Tschechow, der nicht in die Tiefe, sondern einer, der luftig und spielerisch in die Breite geht, und als Hommage zum 150. Geburtstag ist er absolut tauglich.
Wieder am 5. März. Deutsches Theater, Schumannstraße 13a, Kartentel.: (030) 284 41 225





