Corinna Kirchhoff

Leben zwischen Schaubühne und Berliner Ensemble

Die Schaupielerin Corinna Kirchhoff hat neuerdings einen kurzen Arbeitsweg: Sie setzt sich aufs Fahrrad und fährt einfach los - mal nach Osten, ins BE, mal nach Westen, zur Schaubühne.

Foto: M. Lengemann

Normalerweise nimmt sie das Flugzeug, um zur Arbeit zu kommen. Jetzt hat sie das Verkehrsmittel gewechselt - und ist darüber sehr froh. Corinna Kirchhoff braucht momentan lediglich aufs Fahrrad zu steigen - und in fünf bis zehn Minuten ist sie da.

Die Zeitangaben schwanken etwas. Das liegt weniger an Baustellen und dem Verkehrsaufkommen, sondern hängt davon ab, zu welchem der beiden Auftrittsorte Corinna Kirchhoff jeweils radelt. Ihre Wohnung liegt idealerweise zwischen der Schaubühne und dem Berliner Ensemble. An beiden Häusern feiert sie demnächst Premiere. Zwischen beiden Ereignissen liegen gerade mal zehn Tage. "Der Menschenfeind" kommt an diesem Sonntag an der Schaubühne heraus, "Freedom and Democracy: I hate you" unter der Regie von Claus Peymann hat am 29. September Premiere. Das klingt nach einem straffen Terminplan - und ziemlich viel Stress.

Corinna Kirchhoff sitzt am Holztisch im Wohnzimmer ihrer Wohnung, gießt sich eine Tasse Tee ein. Und wehrt ab: Nein, das seien nur kleine Aufgaben. Auch der Auftritt am Berliner Ensemble "ist nur ein Monolog, sonst hätte ich das nicht parallel machen können". Und die "Menschenfeind"-Produktion sei bereits abgeschlossen, die Proben fanden überwiegend vor der Sommerpause statt.

"Ich lebe in Berlin und deshalb ist es eine große Freude, wenn ich hier spielen kann", sagt Corinna Kirchhoff, deren künstlerische Heimat mittlerweile in Wien liegt, wo sie Ensemblemitglied des Burgtheaters ist. Trotzdem würde sie gern auch wieder größere Aufgaben in Berlin übernehmen.

Debüt im Theaterolymp

Eigentlich hat sie die ja schon. Zumindest zum Teil. Denn in der gleichermaßen intelligenten wie garstigen Komödie "Der Gott des Gemetzels" von Yasmina Reza gibt es keine Neben-, sondern nur vier Hauptrollen. Allerdings kam die Inszenierung von Jürgen Gosch, umjubelter Höhepunkt des Theatertreffens 2007, nicht in Berlin, sondern am Züricher Schauspielhaus heraus, wo Corinna Kirchhoff seinerzeit engagiert war. Claus Peymann, der Direktor des Berliner Ensembles, war schlau genug, diese Erfolgsproduktion in sein Repertoire zu übernehmen, nachdem sie in der Schweiz abgespielt war. Und bescherte der Berliner Schauspielerin damit ein kleines Comeback.

Ihr viel beachtetes Debüt fand 1983 an der Schaubühne statt. In der legendären Tschechow-Inszenierung der "Drei Schwestern" spielte sie die Irina. Sie besuchte in Berlin die Schauspielschule, gründete eine freie Gruppe und hätte sich nie getraut, sich bei der Schaubühne zu bewerben. Die war damals der Theaterolymp. Aber dann lud Peter Stein sie zum Vorsprechen ein. Der Beginn einer Freundschaft, einer, wie sie sagt, "Verbindung, die dauert für dieses Leben".

Peter Stein gehört zu ihren prägenden Regisseuren. Dazu zählt sie auch Jürgen Gosch, der im vergangenen Sommer verstarb, und Andrea Breth, mit der Corinna Kirchhoff regelmäßig meistens in Wien zusammenarbeitet. Bei Peter Stein klappt das seltener, in seinem "Wallenstein"-Marathon sollte sie mitspielen, aber die Termine passten nicht. "Ich habe ihm unendlich viel zu verdanken", sagt die Schauspielerin über den Regisseur, dessen Inszenierungen mittlerweile von der Theaterkritik eher verrissen denn bejubelt werden. Corinna Kirchhoff: "Es gibt eine Tendenz in Deutschland und insbesondere in Berlin, alles, was nicht mehr ganz neu ist, zu verwerfen. Es gibt eine gewisse Hysterie, die Nase ganz vorn zu haben." Peter Stein sei mittlerweile ein alter Mann, der seine Blütezeit gehabt habe, jetzt seien seine Inszenierungen "konventionell, aber im Vergleich zu anderen konventionellen Inszenierungen sind die von Stein hochintelligent."

Mit dem Kapitel Schaubühne hat Corinna Kirchhoff längst abgeschlossen. "Es ist für mich ein Ort, den ich ohne Sentimentalität betrete", sagt sie. Und freut sich darüber, wenn sie in den Abteilungen des Hauses denselben Menschen begegnet wie vor vielen Jahren. Aber "das Theater, das ist ein ganz anderes geworden. Ich trauere dem nicht hinterher". Sie sei froh, dass sie das erleben durfte. "Die einzige Traurigkeit, die eine bleibende ist, ist, dass es die Ensemblesituation - auch als Mitbestimmungsmodell - nicht mehr gibt. Das hat sich extrem verändert in der deutschsprachigen Theaterlandschaft."

Die verhasste Freiheit

In diesem Punkt bietet das Burgtheater allerdings nur bedingt eine Alternative, denn das Ensemble ist dort so groß, dass es eigentlich mehrere sind. "In Wien gibt es hervorragende Schauspieler - und Andrea Breth, eine für mich wichtige, hervorragende Regisseurin." Die ja gewissermaßen ihr kleines Stammensemble hat. Und auch ein Grund war, warum Corinna Kirchhoff nach ihrem Engagement am Schauspielhaus Zürich gern in die österreichische Hauptstadt zurückkehrte. Zumal Intendant Matthias Hartmann ebenfalls von Zürich nach Wien wechselte.

Auch Claus Peymann war ja viele Jahre Burgtheaterdirektor, bevor er sich für die letzten Jahre der Berufstätigkeit für ein kleineres Haus entschied. Dass er jetzt am Berliner Ensemble ausgerechnet ein Werk des Briten Ravenhill inszeniert, den man seit "Shoppen und Ficken" eigentlich eher bei Thomas Ostermeier und also an der Schaubühne verorten würde, überrascht ebenso wie die Begeisterung von Corinna Kirchhoff über dieses Stück mit dem leicht irritierenden Titel "Freedom and Democracy: I hate you".

Der Abend besteht aus mehreren kleinen Stücken. Sie beschäftigen sich im weitesten Sinne mit dem Krieg, besonders mit dem im Irak. Das ist "fantastisch geschrieben, Ravenhill spitzt zu, übersteigert durch die Form des Grotesken, lässt ganz unterschiedliche formale Aspekte zusammenknallen", schwärmt die Schauspielerin. "Ein ganz großer Stoff. Ich habe mich immer schwer getan mit dem Begriff des politischen Theaters, sofern es sich einer nur banal-naturalistischen Form bedient. Hier ist die Form gebrochen: Chöre, Leihgaben aus dem antiken Theater, werden in völlig banale Situationen hineingearbeitet, was in der Wirkung sarkastisch-intelligente Komik entfaltet. Außerdem ist das Stück brandaktuell." Und weil so eine Formulierung aus Corinna Kirchhoffs Mund etwas befremdlich klingt, schiebt sie schnell ein "wie man so sagt" nach.