Es ist wahrlich zum die Wand hoch gehen! Da gibt es also dieses zarte Mädchen mit ihren „Vergissmeinnicht-Augen“, Luise heißt sie. Und es gibt den jungen Helden Ferdinand mit seinem muskulösen Körper und den schönen Worten. Die zwei sind sehr entflammt. Das ist die Liebe. Doch Ferdinands Vater, der Präsident von Walter, hat für seinen Sohn eine bessere Partie vorgesehen als die Tochter eines Musikers. Also entsinnt er zusammen mit dem Sekretär Wurm einen Plan, die beiden zu entzweien. Da haben wir die Kabale.

Zum Trauerspiel, dem bürgerlichen, wird die Angelegenheit dadurch, dass die Liebe der Kabale unterliegt, dass sie gegen die höfische Interessenlage, die Perfidität der Täuschungen keine Chance hat, zumindest nicht auf dieser Welt, für die andere empfiehlt Ferdinand sich und seine Luise schließlich mit selbst vergifteter Limonade.

Wer mit Schillers „Kabale und Liebe“ ein Publikum jenseits der Schulklassen erreichen will, denen das Stück vom Lehrplan diktiert wird, muss für die Liebe in Zeiten der Ständeschranken eine heutige Entsprechung finden, die die aufgeladene, hochenergetische Sprache Schillers immer noch rechtfertigt.

Regisseur Stephan Kimmig hat für seine Inszenierung im Deutschen Theater zunächst Luises Mutter aus dem Personal gestrichen, eine Kleinigkeit mit großer Wirkung. Er schärft damit die beiden Vaterfiguren als gesellschaftliche Antipoden. Gleichzeitig akzentuiert er jenseits des ständischen das moralische Dilemma von Ferdinand und Luise. Eine Entscheidung füreinander geht einher mit einer Entscheidung gegen den jeweiligen Vater. Beiden ist das Kind Augenstern.

Matthias Neukirch läuft als Papa Miller gänzlich über vor zärtlicher Liebe zu seinem Mädele. Wenn die Luise weint, scheinen auch ihm die Augen voll zu laufen. Des Präsidenten Vaterliebe und die seines Sohnes ihm gegenüber ist schwerer nachzuvollziehen, gibt Ulrich Matthes ihm, gewohnt volltönend und die Sprache sorgfältig auslotend, doch eher den Habitus des Macht bewussten, kühlen Herrschers, der seine väterlichen Gefühle unbeholfen zeigt, den Ferdinand gelegentlich kumpelhaft in die Seite knuffend. Der knufft zurück.

Für Kimmig sind die beiden Männer, eins in ihrer Vaterliebe, verschieden in Stand und Herkunft, vor allem Vehikel für das, was er zum zentralen Thema des Abends machen will: Es geht um „die da oben“ und „die da unten“, um das Elitäre und das andere und darum, dass die einen ohne die anderen nicht wären, was sie sind.

Das erschließt sich aber bedauerlicher Weise nicht aus den Figuren, es ist Kimmigs Ehefrau Katja Haß, die dem Abend die Impulse gibt. Sie ist als Bühnenbildnerin verantwortlich dafür, dass Kimmigs Personal an den entscheidenden Stellen Halt findet. Im Wortsinn. Ihre Bühne besteht aus einem Kasten, der an allen Wänden bis unter die Decke mit Türen gepflastert ist und Klinken und Griffen aller Art, so dass Ole Lagerpusch wenn seinen Ferdinand das Schillersche Stürmen und Drängen, in dessen Heftigkeit Lagerpusch mit Dauerzittern im Kinn allerdings zur Übertreibung neigt, überkommt, tatsächlich die Wände hoch laufen kann.

Gut möglich, dass da oben gerade Gecko gleich Alexander Khuon als Sekretär an der Wand klebt und als lederbehandschuhter Vollstrecker auf eine Möglichkeit wartet, intrigant zuzuschlagen. Die Türen in der Wand lassen sich öffnen, taugen als Fluchtweg aber kaum, wo vorne bürgerliche Wohntapete, ist auf den Rückseiten der drei beweglichen Seitenteile der kalte Stahl und die weißen Türen der Macht eines Präsident von Walter.

Einmal fährt das ganze Gestell zurück, auf die Drehbühne, und alle hängen irgendwie mit drin, wie eine Spieluhr klimpert und bewegt sich dieses ganze Gesellschaftskonstrukt, eine eigene Welt, die sich in gegenseitiger Abhängigkeit um sich selbst dreht. Das sind starke Momente. Der Rest ist, man könnte sagen, sauber vom Blatt gespielt.

Claudia Eisingers Luise ist zart nur von Statur, im Herzen reif und tapfer. Zwei schräge Vögel hat Kimmig mit einer seltsam haltlosen und lallenden Lady Milford (Lisa Hagemeister) und dem täppisch-närrischen Hofmarschall von Kalb (Elias Arens) seiner Inszenierung noch eingeschrieben. Doch leider kann die gesamte Figurenführung nur in sehr wenigen Momenten halten, was das Bühnenbild anbietet und verspricht.

Nach immerhin drei Stunden Dauer bleibt das Gefühl, das Stück zwar ordentlich nacherzählt bekommen zu haben, aber auch die Vermissung, dass keiner der versammelten Wandkraxler des Abends, das gilt für die Figuren ebenso wie für Regie und Schauspiel, es auch nur einmal gewagt hat, die Grenzen zu sprengen, aufzubegehren, den Platz an der Tapetenwand zu verlassen und mal richtig durch die Decke zu gehen.

11. Januar. Deutsches Theater, Schumannstraße 13a, Kartentel: 284 41 225