Sammler Heiner Pietzsch

"Wir brauchen ein Museum für das 20. Jahrhundert"

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Gabriela Walde

Foto: Krauthoefer

Bilder von Max Ernst, René Magritte, André Breton, Joan Miro, Dalí und anderen - die Surrealisten-Privatsammlung von Ulla und Heiner Pietzsch war in der Ausstellung "Bilderträume" erstmals in Berlin zu sehen. Das Sammler-Ehepaar will Teile seiner Sammlung der Neuen Nationalgalerie schenken. Im Interview mit Morgenpost Online erklärt Heiner Pietzsch, was er sich für die Werke wünscht.

Morgenpost Online: Herr Pietzsch, nun sind Ihre Bilder aus der Nationalgalerie zurück nach Hause gekommen. Man hört, Sie sind nun wieder glücklich, denn die Trennung von den Bildern sei Ihnen schwer gefallen.

Heiner Pietzsch: Wunderbar, alle sind wieder da! Jetzt folgt nur noch die Feinhängung an den Wänden. Mir haben wirklich alle Bilder gefehlt – von Nr. 1 bis Nr. 170! Sie außer Haus zu geben ist mir wirklich schwer gefallen. Wir leben ja seit Jahren mit ihnen.

Morgenpost Online: Sie haben beschlossen, Teile Ihrer Sammlung der Neuen Nationalgalerie zu schenken, die bei einer Sanierung im Untergeschoss baulich um rund tausend Quadratmeter erweitert werden könnte. Wie ist der Stand der Verhandlungen mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz?

Heiner Pietzsch: Wir sprechen ständig miteinander. Denn meine Frau und ich haben genaue Vorstellungen: unsere Sammlung braucht Platz – und soll nicht im Depot landen. Aber nicht falsch verstehen: wir wollen kein Museum ausschließlich nur für unsere Sammlung. Die Zuständigen sind also bestrebt, die Vorraussetzungen zu schaffen, die wir gerne hätten. Wir sind zuversichtlich!

Morgenpost Online: Mit Kulturstaatsminister Neumann sind Sie auch im Gespräch?

Heiner Pietzsch: Ja, Herr Neumann war schon privat in unserem Haus, um sich die Sammlung anzusehen.

Morgenpost Online: Ihre Sammlung umfasst etwa 300 Werke, wie viele Bilder wollen Sie an die Neue Nationalgalerie geben?

Heiner Pietzsch: Wir denken an 80 bis 100 Bilder, die an die Neue Nationalgalerie gehen sollen. Das sind die großen und wichtigen Werke von Ernst, Dalí, Miro und Tanguy. Wir haben auch kleine Bilder, die sind aber nicht unbedingt museumsreif.

Morgenpost Online: Derzeit ist im Gespräch, die Neue Nationalgalerie in einen „Tempel der Klassischen Moderne“ umzuwidmen, um damit auch das Kulturforum touristisch als „Museumsinsel Nr. 2“ aufzuwerten.

Heiner Pietzsch: Das würde ich der Neuen Nationalgalerie auf Dauer abraten. Der Verein der Freunde der Nationalgalerie hat dort rund 17 Millionen Euro an Überschuss durch Ausstellungen in den letzten zwanzig Jahren gemacht. Ausstellungen wie das MoMA und das Metropolitan Museum aus New York hatten internationale Ausstrahlung und internationales Publikum. Ein sagenhafter Erfolg. Wenn also die Neue Nationalgalerie als Museum für Klassische Moderne fungiert, dann hätte man keinen Platz mehr für die großen, gewinnträchtigen Präsentationen. Das Geld würde bitter fehlen. Und wenn Geld fehlt, gibt es weder Bilderkauf noch Ausstellungen.

Morgenpost Online: Ein neues Haus kostet Geld, was derzeit nicht da ist. Die Kräfte konzentrieren sich auf das Humboldt-Forum.

Heiner Pietzsch: Wir brauchen unbedingt ein Museum für das 20. Jahrhundert. Um es noch einmal zu sagen: die Einrichtung eines Hauses, dass sich mit der Kunst dieses brüchigen Jahrhundert befasst, sehe ich als politische Aufgabe. Wir haben Denkmäler für Homosexuelle, ein Holocaust-Mahnmal und vieles andere – aber kein Denkmal für die Zerstörung der Kunst aus dem 20. Jahrhundert. Warum nicht? Wenn Berlin noch all die Kunst hätte, die die Nazis damals zerstörten und beschlagnahmten, dann wären wir heute die Kunstmetropole Nr. 1 weltweit. 75 Prozent der der Kunstwerke, die in der Schandaustellung „Entartete Kunst“ ausgestellt wurden, gehörte in Berliner Museen und Privatsammlungen.

Morgenpost Online: Sie favorisieren also jenen Plan, wonach die Gemäldegalerie zum „Haus des 20. Jahrhunderts“ umfunktioniert würde und deren Sammlung auf die Museumsinsel umzöge.

Heiner Pietzsch: Die Gemäldegalerie ist wunderschön, aber sie steht am falschen Ort. Die Gemälde gehören langfristig ins Bode-Museum, so wie es ursprünglich war. Das Grundstück dort gehört ohnehin der Stiftung. Gut, so ein Gebäude kostet einiges an Geld, doch wir investieren ja in die Zukunft der folgenden Generationen.

Morgenpost Online: Auch ihre Heimatstadt Dresden war für ihre Sammlung im Gespräch.

Heiner Pietzsch: Wenn Berlin platzen sollte, ist Dresden eine Option. Dresden ist bereit und würde problemlos Platz zur Verfügung stellen. Doch nach all den Jahren hier in Berlin und als Gründungsmitglied des Vereins der Freunde ist mir Berlin einfach ans Herz gewachsen.

Morgenpost Online: Sie führen oft durch ihre Kunst-Villa, kennen Sie eigentlich die Geschichte jedes Ihrer Bilder.

Heiner Pietzsch: Nahezu. Es hat mal jemand gesagt, die Bilder seien wie unsere Kinder. Das ist nicht ganz falsch. Natürlich hat uns die Bekanntschaft mit dem alten Max Ernst geprägt, den wir noch in den 1970er Jahren kennengelernt haben. Ein interessanter Egomane. Meine Frau und ich fühlen uns mit den Werken einfach sehr verbunden. Ich bin schließlich nicht als reicher Mann auf die Welt gekommen, über 45 Jahre habe ich, Stück für Stück, immer wenn ich Geld hatte, gekauft. Und wir haben nicht aus Gründen der Wertsteigerung gekauft, sonst würden wir ja verkaufen.

Morgenpost Online: Da gibt es sicher irgendein Kunst-Ritual bei Ihnen? Etwa Frühstück mit Max Ernst, Ihrem Hausheiligen?

Heiner Pietzsch: Nein, nichts festgelegtes. Während der Ausstellung in der Nationalgalerie haben wir jeden Montag anderthalb Stunde eine Führung gegeben – das war wie ein Ritual. Was uns wirklich erstaunte, war, dass die Berliner so stark auf die Surrealisten reagiert haben. Fast 200.000 Besucher waren da. Nein, damit hatten wir nicht gerechnet. Aber ehrlich, bei unter 100.000 Besuchern wäre ich wirklich enttäuscht gewesen.

Morgenpost Online: Liebäugeln Sie derzeit wieder mit dem Kauf eines Werkes?

Heiner Pietzsch: (lacht) Da könnte ich Ihnen auf einen Schlag gleich zwanzig Bilder nennen. Zwei Dalís aus Privatbesitz, einen wunderbaren Max Ernst, eine Flasche von Magritte. Aber ich habe gerade kein Geld!