Moderne Kunst

Ehepaar Pietzsch schenkt Berlin seinen Schatz

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Andrea Hilgenstock

Foto: JOERG KRAUTHOEFER / Jörg Krauthöfer

Die Surrealisten-Sammlung des Ehepaars Ulla und Heiner Pietzsch zählt zu den bedeutendsten der Welt. Nun wurde der Schenkungsvertrag für Berlin unterzeichnet. Darin wird Berlin zum Austellen verpflichtet.

Vorweihnachtliche Spannung im Roten Rathaus. Kommt noch ein besonderes Geschenk auf den Gabentisch? Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, und die Eheleute Ulla und Heiner Pietzsch haben geladen, um Neuigkeiten über „die Zukunft der Sammlung Pietzsch“ mitzuteilen. Ihre surrealen Bilderträume gaben im vergangenen Jahr in der Neuen Nationalgalerie ein wunderbares Gastspiel. Nun ist es offiziell: Die Klassiker der Moderne des Berliner Sammlerehepaares finden in der Hauptstadt ein dauerhaftes Zuhause.

„Ich freue mich, dass es gelungen ist, dass die Sammlung in Berlin bleibt – unter der Voraussetzung, dass sie auch einen würdigen Platz bekommt. Das ist eine Aufgabe, die Herr Parzinger noch zu erfüllen hat“, sagte Wowereit gestern anlässlich der Unterzeichnung des Schenkungsvertrages. Die Schenkung wird erst nach dem Tode wirksam. Die Ausstellung „Bilderträume“ mit den jetzt übereigneten 150 Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen lockte im vergangenen Jahr gut 190000 Besucher an. Bilder von Max Ernst, René Magritte, Salvador Dali und Joan Miró sind darunter.

Schätzwert rund 120 Millionen Euro

Gesammelt hat sie das kinderlose Ehepaar in rund 45 Jahren mit viel Herzblut. Nicht als Wertanlage, sonst hätte man sie ja verkaufen können. Ihr Schätzwert liegt bei immerhin 120 Millionen Euro. „Es sind unsere Kinder“, so der gebürtige Dresdner Heiner Pietzsch. Seit 1951 lebt der 80-Jährige, der sein Geld im Kunststoffhandel verdiente und sich als Berliner begreift, an der Spree. Seine Gattin stammt aus Köpenick. Ausschlaggebend für ihre Entscheidung sei die „Nachdrücklichkeit der Sammlungsdirektoren“ gewesen, die ihn umwarben. Vor allem aber überzeugte das Paar die Begeisterung der Ausstellungsbesucher. „Die Berliner nahmen die Schau an.“ Man sei überrascht gewesen über so viele Besucher. „So entschieden wir, die Sammlung der Stadt Berlin zu schenken, die einen Dauerleihvertrag mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz schließen wird, damit diese zusammen bleibt und auch gezeigt werden kann.“ Voraussetzung ist also eine dauerhafte Präsentation von Teilen der Sammlung.

Gleichzeitig bekräftigt Pietzsch seinen ausdrücklichen Wunsch, die Schenkung möge einen Anstoß geben, „dass Berlin endlich das bekommt, was es wirklich braucht: ein Museum des 20. Jahrhunderts.“ Und fügt schmunzelnd hinzu: „Dann könnte ich recht zufrieden in die Kiste steigen“. Keine Rede ist an diesem Vormittag im Louise-Schroeder-Saal mehr vom Umbau des Museumstempels Mies van der Rohes. Kein Wort fällt über bauliche Veränderungen der Neuen Nationalgalerie, die bald saniert werden wird. Einst war von einer Erweiterung für die Werke der Sammlung Pietzsch die Rede. Nun bekräftigen alle, von Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung, bis zu Kulturstaatssekretär André Schmitz, den Wunsch nach einer „Galerie des 20. Jahrhunderts“. Sie soll eines fernen Tages am Kulturforum in der heutigen Gemäldegalerie Platz finden.

„Die Neue Nationalgalerie ist längst nicht mehr ausreichend“, sagte Parzinger. Auch die aktuelle Ausstellung „Moderne Zeiten“, von der viele Werke im Anschluss im Depot verschwinden, zeige dies. „Die Galerie des 20. Jahrhunderts muss kommen. Wir setzen alles daran, diesen Plan zu realisieren.“ Schmitz ergänzt, dass man an der Rochade, die der frühere Museumsdirektor Peter-Klaus Schuster vorschlug, festhalte. Im Masterplan sei der Auszug der Alten Meister aus der Gemäldegalerie in einen Neubau nach Mitte vorgesehen. Das Sammlerehepaar zeigt sich trotz des ungewissen Zeitfaktors zufrieden. Man habe sich nie ein eigenes Museum gewünscht, sondern stets ein solches „Museum für die Stiftung“. Es war ein lang gehegter Wunsch des Kunstfreundes, der sein erstes Bild in den 60er Jahren bei Rudolf Springer in Berlin erwarb und 1977 den Verein der Freunde der Nationalgalerie mitbegründete, seine Bilder in den größeren Kontext der bestehenden Museumssammlung zu stellen.

Sammlung muss ausgestellt werden

„Ein signifikanter Teil der Sammlung muss ausgestellt werden“, heißt es im Schenkungsvertrag, den Rechtsanwalt Peter Raue formuliert hat. Das wird hoffentlich nicht mal hier, mal dort in Sonderausstellungen sein. Noch hängen die vermachten Schätze in den heimischen vier Wänden des Ehepaars Pietzsch im Grunewald. „In dem Moment, in dem wir das Haus aufgeben, wenn also einer stirbt, verliert die Sammlung ihre Heimat. Sie könnte dann früher übergeben werden“, meint der Sammler. Das „Museum des 20. Jahrhunderts“ sei dafür nicht unbedingt Voraussetzung. Pietzsch und seiner Gattin genügen die allseits beteuerten besten Absichten. Vermacht werden nicht alle Bilder der rund 300 Werke umfassenden Kollektion, dafür deren wichtigster Teil: der gesamte Block des Surrealismus. Die kunsthistorische Anbindung ist goldrichtig und für die Staatlichen Museen ein Gewinn. „Diese Schenkung setzt ein Zeichen weit über Berlin hinaus“, so Parzinger.

Ein schönes Weihnachtgeschenk. Und für das Ehepaar die beruhigende Gewissheit, ihre „Kinder“ künftig in musealer Obhut zu wissen. Die 76-jährige Gattin des Sammlers ergreift beherzt das Schlusswort. Gefragt, ob sie nicht traurig wäre, sagt sie: Nein! Und beantwortet die Frage mit einem Spruch aus dem Poesiealbum ihrer Jugend: „Du bringst nichts mit in diese Welt. Du nimmst nichts mit hinaus. Darum lass eine Spur in diesem Leben.“