Philipp-Stölzl-Inszenierung

Chor-Bombast, Buhrufe und Riesenapplaus für Rienzi

Richard Wagners "Rienzi" hat am Sonntag in der Deutschen Oper Premiere gefeiert. Für die Inszenierung von Philipp Stölzl gab es so früh wie nie in dem Opernhaus Buhrufe - und dennoch großen Beifall.

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An Wagners „Rienzi“ haben sich seit eh und je die Geister entzündet. Geholfen hat das dem üppigen, im Original annähernd fünfstündigen Werk wenig. Wagner selbst hat ihm den Eintritt ins geheiligte Bayreuth verwehrt. Peinlicherweise hat man überdies die Handschrift der Partitur ausgerechnet einem Tribun namens Hitler verehrt. Beide sind inzwischen glücklicherweise verschwunden.

„Rienzi“ hat man seitdem nur noch in einer rund dreistündigen Schrumpffassung aufgeführt - wie jetzt auch die Deutsche Oper. Sie übt sich dabei ausgiebig in längst überholtem Politik-Klamauk.

Das Ergebnis? Nicht erst das inzwischen traditionelle letzte Wort, sondern gleich das erste nach dem Eingangs-Akt lautet lauthals „Buh“. Und dabei bleibt es auch bis zur Pause. Nach dem Schlussvorhang kracht dennoch überraschenderweise donnernder Beifall nieder. Oper, Oper, du sonderbar Ding.

Frischlinge sind in der Oper immer willkommen

Regisseur Philipp Stölzl lässt mit den ersten Takten der nach wie vor populär gebliebenen Ouvertüre den Vorhang öffnen. Ein leerer Saal. Ein wunderbarer Ausblick durch ein riesiges Fenster auf die schneebedeckten Alpen. Vor einem einsamen Schreibtisch ein noch einsamerer Mann in weißer Uniform. Seine pendelnde Hand scheint das Orchester dirigieren zu wollen.

Alsbald aber wird er in voller Größe und Dicke sichtbar. Er schlägt ohne Vorwarnung überraschenderweise rückwärts einen Purzelbaum auf der Schreibtischplatte. Er gibt sich als Rienzi zu erkennen: ein stummer, akrobatisch gesegneter Doppelgänger. Im täglichen Leben heißt er Gernot Frischling. Bravo Gernot! Frischlinge sind in der Oper immer willkommen. Man fühlt sich durch ihn von Ferne an die genialische Hitler-Parodie Chaplins erinnert. Doch kam die glücklicherweise ohne die Donnermusik des jungen Wagner zurecht.

Sebastian Lang-Lessing gibt im Orchestergraben Vollgas. Mit vollem instrumentalem Aufwand und noch größerem durch den fabelhaften, annähernd hundertstimmigen Chor peitscht er sich durch das Werk. Er türmt sich bis zum Ertauben hin. Er ist dauernd im Aufstand gegen diesen und jenen und singt sich dabei vollhals heraus. Er würde zweifellos selbst die Kulissen wackeln machen, wären die nicht von Ulrike Sigrist in Gemeinschaft mit Philipp Stölzl unerschütterlich fest gefügt. Sie schließen die Volksmasse mitunter bis zu annähernder Unbeweglichkeit ein: Edelleute, Plebejer, Soldateska. Und natürlich den Kardinal, den Lenus Carlson, mit stimmlichem Nachdruck singt.

Rienzi ist mit hochklingendem, doch im Volumen reduziertem Tenor Torsten Kerl ein achtbar singender vokaler Dauerläufer. Wagner hat ihm geradezu eine Marathon-Partie aufgebürdet. Kein Wunder, dass er am Ende vor Erschöpfung stimmlich ein bisschen bröckelt, leider ausgerechnet in „Rienzis Gebet“, dem schönen, lyrischen Schmachtfetzen. Hier erst, in Rienzis (oder Hitlers?) unterirdischen Kasematten, beginnt auch, bevor die Soldateska sie hinschlachtet, Irene, des Tribunen Schwester, ihren hochdramatischen Sopran auszufahren. Buchstäblich auf den letzten Metern der Oper macht Camilla Nylund auf sich aufmerksam.

Kate Aldrich ersingt sich donnernden Beifall

Damit hat glücklicherweise Kate Aldrich in der Rolle des jungen, heiß verliebten Adriano schon Stunden vorher begonnen. Sie reißt die Gestalt des einzigen wirklichen Menschen, der sich in die „Rienzi“-Partitur verirrt hat, auf Anhieb mit Nachdruck und stimmlicher Eleganz auf. Ihr Mezzo besitzt Schönheit, Attacke, dramatische Stimmigkeit, Jugendkraft. Man hört ihr hingebungsvoll zu. Sie ersingt sich donnernden Beifall auf offener Szene, die nicht müde wird, mit einer Fülle von Projektionen bald folgsame, bald revoltierende Volksmassen zu zeigen.

Stölzl betet inszenatorisch unermüdlich nach, was jedem Fernsehzuschauer bis zum entsetzten Überdruss längst bekannt ist. Sein „Rienzi“ gibt sich als altbekannter Nachklapp der Gegenwart. Was sich inszenatorisch neu und kühn wähnt, ist im Grunde ein alter Hut mit modisch zerknautschter Krempe. Wagner wusste es jedenfalls anders. Er widmete sein mit aufgekrempelten Ärmeln hingeschriebenes Imponierstück prompt ausgerechnet Friedrich August II., König von Sachsen. Manche Revolution fand eben schon damals im Saale statt. Opernsäle nicht ausgeschlossen.

„Rienzi“ in der Deutschen Oper, Bismarckstr. 35, Berlin-Charlottenburg. Nächste Aufführungen am 30. Januar, am 7. und 10. Februar. Kartentel.: (030) 3438 4343