Deutsche Oper

Don Giovanni ist jetzt frisch und saftig

Keine Angst vor dem deutschen Regietheater: Bassbariton Ildebrando d'Arcangelo debütiert am Sonnabend an der Deutschen Oper Berlin.

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Ein Bild von einem Mann. Darf man das sagen? Man muss. Schließlich isst bei Sängern Samstagabend auch das Auge mit. Und Don Giovanni soll ja ein Hauptgericht sein und keine halbe Portion. Ildebrando d'Arcangelo erfüllt diese Vorraussetzung stimmlich wie darstellerisch. Und so wird er am Sonnabend an der Deutschen Oper, wo diese „Oper aller Opern“ (E.T.A. Hoffmann) endlich ihre dringend notwendige Neuinszenierung erfährt, die Bühne füllen, auch wenn diese die meiste Zeit über leer und dunkel gähnt. Regisseur Roland Schwab lässt ihn als Mann ohne Vorgeschichte aus der Schwärze der Nacht auftauchen.

Don Giovanni, das sind eigentlich zwei. Schließlich wird der spanische Grande, der in modernen Inszenierungen bisweilen gern zum schlaffen Sexkrüppel herabgesunken ist, auf Verliebtheitsschritt und Verführungstritt von seinem Diener Leporello begleitet. Beide Rollen haben ungefähr den gleichen Stimmumfang. Deshalb singen heute nicht wenige Bassbaritone beide Partien. So auch der 41-jährige d'Acangelo. „Wenn der Leporello gut ist, hat es Giovanni echt schwer“, sagt er, schüttelt die pechschwarzen Korkenzieherlocken und leckt sich genüsslich über die vollen Lippen. „Aber ich weiß ja, was der für Tricks drauf hat. Ich lasse mich selbst von so einer kleinen Rampensau wie jetzt Alex Esposito nicht herausfordern. Manchmal liegt auch in der Ruhe die Kraft.“ Mit seinem Berliner Leporello wird er auch bald seine nächste „Don Giovanni“-Premiere singen, im Dezember an der Wiener Staatsoper. Was sich einmal bewährt, wird im Opernbetrieb eben gern weiter und wieder engagiert.

Zuerst hat Ildebrando d'Arcangelo sich diese Traumrolle bereits 1993 in Bonn übergestreift, in Neapel, beim Ravinia Sommerfestival des Chicago Symphony Orchestra, in Macerata, Budapest und im Wiener Repertoire hat er sie gesungen, aber dies ist seine erste „Don Giovanni“-Premiere an einem großen Opernhaus. „Ich gehe es lieber langsam an“, sagt d'Arcangelo fast entschuldigend, „ich mag mir die Rollen frisch und saftig halten und ich komme gern zu ihnen zurück, um neue Facetten zu finden.“

Eine Stimme muss gepflegt werden

Dabei ging die Karriere schnell und glänzend an den großen Häusern los. In Salzburg hat er beispielsweise, weil Nikolaus Harnoncourt den malzig-gutturalen, dabei wohlgerundet schlanken Klang seiner Stimme so mag, gleich in zwei Neuinszenierungen der „Hochzeit des Figaro“ den aufmüpfigen Diener verkörpert: 1995 unter der Regie von Luc Bondy und mit Dorothea Röschmanns Susanna an seiner Seite; 2006 dann zur Eröffnung des neuen „Haus für Mozart“, in Claus Guths Strindberg-düsterer Zimmerschlacht, neben Anna Netrebko.

„Ich pflege die Stimme durch Singen“, erklärt d'Arcangelo. „Als Bassbariton habe ich es einfacher. Ich bin – wenn ich nicht gerade Giovanni oder Escamillo singe – einerseits nicht so umschwärmt wie die Soprane und Tenöre und ich muss mich nicht hysterisch machen um meine Töne. Meine Lage ist natürlich, da ist das Singen nicht schwer. Man muss die Stimme nur schmieren und sie richtig führen.“ Richtig führen, das heißt für ihn, längere Zeit die gleiche Rolle, dann eine andere, aber vom Repertoire und Charakter nicht zu sehr entfernt. „So bleibt die Stimme in der Übung, wird nicht zu sehr gefordert, aber muss sich anpassen.“

Weit vorn, selten im Mittelpunkt

Ildebrando d'Arcangelo hat an allen bedeutenden Häusern gesungen. Er hat einen Plattenvertrag bei der Deutschen Grammophon, wo nach einer von ihm eher überraschenden, aber stilistisch durchaus kompetenten Händel-Ariensammlung als nächstes ein Album mit Mozart-Konzertarien herauskommt. Er steht also ganz weit vorn und doch selten im Mittelpunkt. Ihm, der auf der Bühne zum Tier werden kann, aber privat eher der ruhige Typ ist – Hauptsache er hat mittags seinen Teller Pasta –, scheint das recht. „Ich weiß, was ich will, und ziehe auch Konsequenzen, wenn etwas nicht so läuft, aber ich suche das Rampenlicht nur im Theater.“

Langlebigkeit heißt seine Devise, nicht unbedingt eine Tugend im inzwischen beängstigend schnell rotierenden Operngeschäft. Sein Rollenspektrum hat er im dramatischen wie konzertanten Repertoire dennoch weitgehend ausgeschöpft. Doch er weiß: „Für mein Fach kommen jetzt erst die guten Jahre.“ Er hat sich mit Mozart und Rossini die Stimme schlank gehalten, sie mit Französischem gefordert. Er ist bekannt und beliebt. „Leporello ist jetzt freilich vorbei, jetzt bin ich der Herr.“ Auch vom Liebhaber Guglielmo in „Così fan tutte“ wechselt d'Arcangelo nun zum abgeklärt zynischen Alfonso. Viele der machtvollen Teufelspartien seines Fachs hat er sich schon erobert, jetzt wartet die Galerie der Verdi-Könige. Traumziel ist dabei der Philipp in „Don Carlo“: „Mit dieser Rolle kann man wunderbar alt werden, mit der reift die Stimme wie guter Wein.“

Noch ist das Zukunftsmusik. Zunächst einmal steht Ildebrando d'Arcangelo jetzt mit Lust auf der Bühne der Deutschen Oper. „Es wird eine ungewöhnliche, aber sehr poetische Inszenierung“, verrät er. Und auch hier gilt: „Früher hatte ich Angst vor dem deutschen Regietheater, da bin ich eben ein typischer, schönheitssüchtiger Italiener, obwohl ich kaum in Italien singe. Heute bin ich erfahrener, da suche ich Herausforderungen. Und Roland Schwab hat mir eine solche geboten, der ich mich gern gestellt habe.“

Auch mit seinen Kollegen ist d'Arcangelo sehr zufrieden. „Wir sind alle noch ziemlich jung, haben Lust an einem neuen Rollenprofil. Ich habe den Giovanni schon neben vielen berühmten Sängern gesungen, und ich weiß inzwischen, diese Oper funktioniert nur, wenn sich alle als Ensemble begreifen und das Gleiche wollen.“ In Berlin sei das der Fall.

Werden Sänger heute öfter Opfer von Agenten? Er überlegt. „Jeder ist zunächst einmal selbst für sich verantwortlich. Aber im Moment werden in der Branche verschiedene neue Geschäftsmodelle ausprobiert und nicht alle sind erfolgreich. Oder nicht für jeden Sänger. Dann muss man den Mut haben, Entscheidungen zu revidieren, notfalls mit bitteren Folgen. Wir haben nur eine bestimmte Zeit, die möchte ich bestmöglich nutzen. Ich habe schließlich nur meine Stimme. Sie soll sich wohlfühlen. Wenn es mir nicht gut geht, leidet auch sie.“