Ein erster Trailer ist gerade online gegangen. Da rennt ein junges Mädchen mit roten Haaren und Trägershirt durch die Straßen von Berlin. „Lola rennt“ lässt schön grüßen. Aber dieses Mädchen singt dazu: „Und ich tanz, wie ich tanz, durch die Nacht bis in den Tag“. Berlin bekommt ein neues Musical. Eins, das sich selbst zum Thema hat. „Wir sind am Leben – Das Berlin Musical“ feiert seine Uraufführung zwar erst am 21. März 2026. Aber der Vorverkauf hat bereits begonnen. Der Trailer und erste Songs im Netz setzen schon mal Akzente. Und dann luden die Macher des Musicals am 3. November auch ins Theater des Westens zu einer Pressekonferenz. Die stark besucht war, weil eben nicht nur Presse, sondern auch Fans geladen waren.

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Es ist schon das fünfte Musical von Peter Plate und Ulf Leo Sommer. Die Vorgänger waren „Ku’damm 56“ und „Ku’damm 59“, die auch schon Berlin-Musicals waren, sowie „Romeo & Julia – Liebe ist alles“ und deren Spin-Off „Die Amme“, die beide derzeit mit großem Erfolg hier laufen – „Romeo & Julia“ ab 4. November auch mit ESC-Gewinner Conchita Wurst als Gast. Nun aber haben sich Plate und Sommer, die ihre Musicals immer gemeinsam mit Joshua Lange komponieren, einen lang gehegten Wunsch erfüllt. Und ihr erstes komplett eigenes Musical entwickelt.
Hommage an die 90er-Jahre: Eine Zeit des Niedergangs wie des Aufbruchs
Ein Stück, das nicht auf TV-Mehrteilern basiert wie die „Ku’damm“-Shows. Und auch nicht auf den Shakespeare-Klassiker. Es geht um das Lebensgefühl in der Stadt 1990, als die Mauer schon gefallen war, aber man in ein und derselben Stadt noch zwei Länder erleben konnte. Eine Zeit des Abrisses wie des Aufbruchs, wo vieles zu Ende ging, aber auch alles möglich war.
Und in der auch Peter Plate und Ulf Leo Sommer nach Berlin kamen. Um sich selbst zu verwirklichen. Und mit Anna R. bald das erste Ost-West-Popduo gründeten, mit Sommer als Texter und Komponist im Hintergrund. „Wir wollten einmal was machen, das absolut wir sind“, so Sommer. Ihr persönlichstes Werk also. Weshalb sie auch sichtlich nervös sind bei der Pressekonferenz. Und im Spiegelsaal des Theaters des Westens öfter ins Stammeln geraten.
Dabei basiert „Wir sind am Leben“ auf dem gleichnamigen Rosenstolz-Song, das 2011 erschien. Und seit gut einem Jahrzehnt gingen die beiden schon mit der Idee schwanger, daraus ein Musical zu machen. Aber vielleicht, sinniert Peter Plate, war es ganz gut, dass es nicht gleich gelungen ist. „Weil wir damals vielleicht noch nicht so weit waren.“ Jetzt können sie sich ein bisschen zurücklehnen.
Sie feiern Erfolge mit ihren Musicals, stehen aber auch unter Erfolgszwang
Denn sie haben dem Theater des Westens, das, seit es von Stage Entertainment übernommen wurde, nur alte Erfolge wie „Tanz der Vampire“ abgenudelt hat, Originalstücke beschert, was heute fast keiner mehr macht. Weil alle nur noch auf Nummer Sicher gehen und sogenannte Jukebox-Musicals oder Filmadaptionen mit bereits bekannter Musik auf die Bühne bringen. Einen eigenen Stoff fürs Musical mit neuen Songs, das hat es in den letzten zehn Jahren wohl nicht mehr gegeben.
Entsprechend hoch sind die Erwartungen. Und die Produktion muss ein Hit werden. Sie wird sich erst nach einer Laufzeit von neun Monaten amortisieren, wie Sommer gesteht. Stehen sie unter Druck, werden sie von ihrer Freundin Kim Fisher, die die Pressekonferenz moderiert, gefragt. „Ja“, so Plate knapp. Und Sommer ebenso kurz: „Immer.“

Wie bei „Die Amme“ haben sich die Liedtexter und Komponisten wieder mit Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck zusammengetan, die das Stück nach ihren Ideen geschrieben haben und es auch inszenieren werden. Der Plot erinnert dabei stark an die zweite Staffel von „Der Palast“, der ZDF-Serie über den Friedrichstadtpalast. Weil wieder nach dem Mauerfall ein Brüderlein und ein Schwesterlein aus dem Osten nach Berlin aufbrechen, um dort ihren Traum zu realisieren, und in einer verrückten Wohngemeinschaft landen.
Peter Plates Erfahrungen als Shampooneur bei Udo Walz
Neu ist allerdings, dass auch die Mutter hinterherzieht, die eine Star-Friseurin im Osten war, nun aber ihren Laden schließen musste. Und das ist dann wieder sehr persönlich: Denn um etwas Geld zu haben, hat Peter Plate damals als Haarwäscher bei Udo Walz gejobbt. Er hätte gehört, dass sie hier einen Shampeur suchten. Das war der erste Fettnapf. Denn es heißt Shampooneur. Er durfte trotzdem ein Jahr lang Haare waschen. Und hat sich nun die Figur von Mutter Rosi ausgedacht, quasi als Udo Walz des Ostens.
Die ist mit Steffi Irmen besetzt, die als Amme in „Romeo & Julia“ zum Star des Hauses wurde, daraus eine One-Woman-Show bekam und auch in „Ku’damm 59“ gehörig einheizte. Tochter Nina, die mit den roten Haaren, wird von Celina dos Santos gespielt, die derzeit auch die Julia gibt. Markus Spagl als ihr Bruder Mario ist dagegen ein Neuling aus der nahen Universität der Künste. Und in der vierten Hauptrolle des Bruno ist Jörn-Felix Alt zu erleben, den man eher aus der Komischen Oper kennt, aus den dortigen Musical-Inszenierungen „Die Blume von Hawaii“ und „Chicago“.
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„Wir sind am Leben“ handelt von den wilden 90-ern. Als die wieder eins gewordene Stadt ihre neue Stunde Null erlebte. Mit ganz vielen Erwartungen. Auch davon handelt das Stück: inwieweit sich diese Versprechen eingelöst haben und die Stadt nicht doch sehr viel langweiliger geworden ist. Es wird aber nicht nur daran erinnert, wie viel hier gefeiert wurde, sondern auch, wie viel gestorben wurde.
Mit „Wir sind am Leben“ möchten Plate und Sommer erinnern. „An die, die gegangen sind. An die, die zurückbleiben. Und an das, was man nicht vergessen darf.“ Es geht nicht nur um die historische Aufbruchstimmung, die die 90er-Jahre so besonders und einzigartig machte, gerade in dieser Stadt, sondern auch um HIV und AIDS. Alle zwei Wochen sei damals jemand aus ihrem Freundeskreis gestorben. Das wird mit der Figur des Bruno erzählt, dessen Song „Ich werd nicht weinen“ auch schon online zu sehen und zu hören ist.
Natürlich denkt man auch an AnNa R., die einstige, im März gestorbene Rosenstolz-Partnerin. „Ohne AnNa säßen wir jetzt nicht hier“, gibt Plate zu. Aber sie sei nicht persönlich in die Hauptfigur der Nina, die auch Sängerin werden will, eingeflossen. „Das würden wir nie machen.“ Trotzdem hätten sie natürlich ganz viel an sie gedacht. Und nicht nur sie, auch der erste Rosenstolz-Produzent Tom Müller ist in diesem Jahr gestorben.
Doch auch wenn das jetzt alles sehr traurig klingen mag, sei das Stück nicht nur Drama, wie die Macher betonen, sondern werde „sehr, sehr komisch.“ Denn die 90-er seien nicht nur traurig und politisch gewesen, sondern auch absurd, hemmungslos und zärtlich verrückt. „Wir wollen das alles zeigen: die Traurigkeit und das Tanzen. Die Wut und die Wärme. Den Lärm und das Leise.“
Und zum Schluss kommt noch der komische Vergleich mit dem Sex
Wie die beiden das alles schaffen, wo sie seit diesem Jahr gänzlich die Intendanten des Hauses sind und sich mit Tickets, Zahlen und Auslastungen befassen müssen, scheint ein Rätsel. Aber gerade deshalb wollen sie sich kreativ austoben. Wie schaffen sie das, immer wieder einen Ohrwurm nach dem anderen zu komponieren?
„Das ist wie Sex“, meint Sommer. Da staunt selbst Plate. Die beiden waren ja mal verheiratet, sind nun aber nur noch künstlerisch ein Paar. Deshalb muss es Sommer unter allgemeinem Gelächter etwas genauer erklären: „Doch, es ist wie beim Sex. Wo man Angst hat, ob’s noch klappt. Und sich freut, wenn es klappt.“






