Seit den vier Oscars für seinen Antikriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ ist der Berliner Regisseur Edward Berger auch international gefragt. Zuletzt drehte er „Konklave“, das Drama über eine Papstwahl mit Ralph Fiennes, demnächst beginnen Dreharbeiten mit Brad Pitt. Und am 16. Oktober kommt Bergers neuer Film „Ballad of a Small Player“ ins Kino, in dem Colin Farrell einen glücklosen Glücksspieler in der glitzernden Casino-Welt von Macao spielt. Den Film stellte der 55-Jährige schon auf den Filmfestivals von Telluride, Toronto, San Sebastián, Zürich und zuletzt in Hamburg vor. Sein Leben ist derzeit ein einziges Hin und her. Wir haben ihn zwischendurch zumindest per Zoom sprechen können.

Ihr letzter Film „Konklave“ gewann eine ungeahnte Aktualität, als Papst Franziskus starb. Plötzlich kam Ihr Film noch mal ins Kino, um zu zeigen, wie so eine Papstwahl abläuft. Freut man sich da als Filmemacher, oder war das auch ein bisschen makaber?

Edward Berger: Papst Franziskus hatte ein langes und großartiges Leben. Nach 88 Jahren ist man, wenn man krank ist, womöglich auch froh, wenn man erlöst wird. Das war sicher ein Umbruch für viele Gläubiger, die jetzt aber einen guten neuen Papst haben. Ich finde das legitim, den Film dann noch einmal zu zeigen. Und wunderbar, wenn Menschen noch mal ins Kino gehen, um sich darüber zu informieren. Wogegen ich mich allerdings gewehrt habe: Es gab viele Anfragen von Kollegen von Ihnen, ob sie mich noch mal zum aktuellen Konklave interviewen können. Ich bin aber kein Spezialist für die Papst-Wahl. Ich bin nicht mal Katholik. Ich habe nur einen Film darüber gemacht. Wenn dann ein echter Papst stirbt, finde ich das pietätlos. Ich habe sie dann an Kardinäle verwiesen, die sicherlich besser Bescheid wissen über die Thematik.

Lesen Sie auch: Was guckst du? Unsere Filmtipps der Woche

Empfohlener externer Inhalt

An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von Youtube, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Sie haben Ihre Filme früher selbst geschrieben. Ihr neuer Film „Ballad of a Small Player” ist, nach „Im Westen nichts Neues“ und dem Vatikan-Thriller, bereits Ihre dritte Literaturverfilmung. Ist das auch mal ganz angenehm, andere Felder zu beackern?

Romane sind immer inspirierend. Und ich lese viel. Aber auch ein Zeitungsartikel oder ein Gespräch kann zu einer Filmidee führen. Es ist allerdings so: Wenn Filme ein gewisses Budget brauchenbenötigt, hilft es schon, wenn der Film auf einer Vorlage basiert. Investoren oder Studios können sich dann schon ein eigenes Bild machen. Aber es ist einfach auch so: Da hat schon mal ein Autor intellektuelle Arbeit geleistet, jahrelang. Das war bei „Konklave“ so, dass war bei diesem Film so. Und erst recht bei „Im Westen nichts Neues“. Von dieser Vorarbeit profitieren wir Filmemacher. Darauf können wir aufbauen. Und vielleicht haben wir die Chance, darauf noch aktuelles Zeitgeschehen, Wissen oder unsere eine eigene Sicht einzuflechten. Vielleicht sogar etwas zu verbessern. Oder auch zu verschlechtern. In jedem Fall ist es aber fruchtbarer Boden, den wir beackern können.

Es ist verrückt: Der Film spielt in Macao, einer wundervollen, aber auch sehr vollen Metropole. Sie haben an lauter öffentlichen Orten gedreht. Aber die sind fast immer menschenleer. Wie schafft man das? Wurde da aufwändig abgesperrt oder noch aufwändiger nachgebaut?

Die Hotspots sind natürlich immer überfüllt. Aber es gibt auch immer wieder Orte, da kommt keiner hin. Natürlich haben wir in den Casinos in Hinterzimmern gedreht, die auch leer waren. Mir war das ganz wichtig, sie so zu zeigen, weil sie die Verlorenheit und Einsamkeit der Figur widerspiegeln. Das hätte nicht funktioniert, wenn da Massen durchs Bild gelaufen wären. Es hätte die Zuschauer abgelenkt und die Bilder unkonzentriert erscheinen lassen.

Lesen Sie auch: Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow über ihren beklemmenden Film „A House of Dynamite“

Ballad of A Small Player
Colin Farrell als glückloser Glücksspieler in „Ballad of A Small Player“.© Netflix | Netflix

„Ballad of a Small Player“ ist ein Film über einen glücklosen Glücksspieler. Sie haben das auch mit entsprechenden Tricks inszeniert: mit Bluffs, Täuschungen und einem Ass im Ärmel wie Tilda Swinton.

Ich bezeichne den Film als Pop-Oper. Ich wollte einen Film machen, der farbenfroh und explosiv ist, in allen Bereichen, was Musik, Licht, Kostüme, Szenenbild angeht. Er sollte in jeder Hinsicht aus den Nähten platzen. Macao ist für mich emblematisch, fast eine Verdichtung des Kapitalismus. Money rules the world hoch zehn! Es ist das Las Vegas des Ostens. Es gibt dort weltweit die höchste Dichte an Flagship-Stores. Und doch will und brauche ich dort von allem nichts und könnte es mir auch gar nicht leisten. Da ist dieser riesige Luxus und die Leere dieses Versprechens. Das sollte seinen Ausdruck finden: Eine Überbordung des Angebots, die unser Glücksspieler in sich hineinzustopfen versucht, ohne jemals Erfüllung zu finden. Das finde ich auch emblematisch für unsere Zeit. Deshalb wollte ich diesen Film machen.

Gibt es Parallelen zwischen Glücksspiel und Filmemachen? Man gibt alles, „all in“, weiß aber am Ende nicht, ob es sich auszahlen wird?

Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Aber ja, es stimmt ein wenig. Du gibst alles für deinen Film. Und dennoch weiß man nie, funktioniert er oder nicht. Du kannst ihn während der Post-Produktion so oft zeigen, wie du willst, in deinem Zirkel, vor einem Testpublikum. Er mag dort sehr gut funktionieren. Aber das hat nichts mit der Realität zu tun, wie der Film am Ende vor einem richtigen Publikum im Kinosaal ankommt. Oder wie er auf einer Streamingplattform wie Netflix läuft. Das entscheiden wirklich erst die Zuschauer. Man kann nur alles geben und darauf hoffen, dass das Publikum es annimmt.

Lesen Sie auch: Dwayne Johnson: „Die größte Herausforderung meines Lebens“

Ballad of A Small Player
Regisseur Edward Berger (M.) bei den Dreharbeiten im Casino mit Colin Farrell (l.). © Netflix | Netflix

So ein Oscar-Segen, wie Sie ihn erleben durften, ist dann ja wie ein Hauptgewinn. Hat man als Regisseur Angst, danach nicht nachlegen zu können? Oder gar Angst vor einer Pechsträhne, wie sie Lord Doyle im „Small Player“ hat?

(grummelt) Nein, so denke ich nicht. Ich denke eher von Film zu Film, ich glaube, so tun es die meisten. Es gibt keine Karriereplanung, da diese sich ohnehin ständig ändern würde. Man denkt immer nur an den nächsten Film. Und natürlich hat man Angst, dass er nicht funktionieren könnte. Sonst würde es sich auch gar nicht lohnen, ihn zu machen. Einen Film nur nebenbei zu drehen, das kann niemals etwas werden. Ich muss davor Angst haben, ich muss Angst vorm Scheitern und vor der Ablehnung haben. Selbstverständlich hat man das. Denn ich mache mich mit einem Film ja nackt. Ich biete den Film meinem Publikum an, und wenn nun ein Kritiker wie Sie kommt und meint, dass er nicht gelungen ist – dann ist das eine Ablehnung. Niemand möchte abgelehnt werden, da sind wir alle gleich. Wir möchten angenommen werden im Leben. Aber genau das treibt uns an.

Sie sind ja nicht nur Regisseur, Sie sind auch ein Produzent des Films, sind also auch mit eigenem Geld beteiligt. Täte es da noch mal ganz anders weh, wenn ein Film mal nicht funktioniert?

Das war bei meinen letzten Filmen schon immer so, da hatte ich bereits die gleiche Funktion: gestalterisch, kreativ und finanziell. Das ist jetzt kein großer Unterschied. Ich denke, die größte Angst ist die als Regisseur. Wenn ein Film finanziell nicht funktioniert, dann macht man halt den nächsten. Aber wenn du als Regisseur versagst, das trifft mich immer tiefer.

Lesen Sie auch: Muttersöhnchen als Mordmaschine: die Netflixserie „Monster: The Ed Gein Story“

95th Academy Awards in Hollywood
Der größte Glücksmoment: Edward Berger bei der Oscar-Verleihung 2023 mit der Trophäe für den Besten Internationalen Film. © picture alliance / newscom | JOHN ANGELILLO

Sie haben seit „Im Westen nichts Neues“ eine Weltkarriere gestartet, drehen internationale Produktionen mit großen Stars. Sind sie dem deutschen Kino damit verloren gegangen?

Ach, ich würde gerne wieder einen deutschen Film machen. Nur habe ich gerade zur Zeit die Möglichkeit, diese Filme in der Welt zu machen und natürlich möchte ich das nutzen. Ich habe mir das das 20 Jahre lang gewünscht, aber nie gedacht, dass das gelingen würde. Ich habe aber früh gespürt, dass Deutschland ganz schön eng ist. Wir sind ein kleines Land in einer großen Welt, und ich wollte nicht darin gefangen sein. Wenn ich jetzt die Möglichkeit habe, mit Ralph Fiennes oder jetzt mit Colin Farrell zu drehen, mein nächster Film wird mit Brad Pitt sein – warum sollte ich das nicht tun? Diese Tür wird mit Sicherheit mal auch wieder zugehen, jeder von uns produziert einen drei Flop, oder irgendwann bin ich zu alt. Dann kann ich noch immer meine deutschen Filme drehen. Es ist jetzt ein paar Jahre aufgeschoben, aber ich kehre mit Sicherheit auch wieder mal zurück.

Und wenn Sie mit all diesen internationalen Stars drehen: Sind die schwerer zu händeln als deutsche Schauspieler oder kochen die auch nur mit Wasser?

Am Ende sind wir alle gleich. Da gibt es keinen Unterschied. Sicherlich gibt es auch komplizierte Menschen, und das ist dann bestimmt anstrengend. Aber bei Colin oder bei Ralph kann ich sagen: Sie kommen ans Set und sind nervös. Und haben genauso Angst vor dem Scheitern wie ich. Sicher ist sich da keiner von uns. Colin sagt immer: Wenn ich mir sicher bin, dann höchstens zu 51 Prozent. Es ist immer eine Gratwanderung.

Lesen Sie auch: So gut war Bergers Drama „Konklave“ mit Ralph Fiennes“

Auch Stars „kommen ans Set und sind nervös“: Ralph Fiennes spielte die Hauptrolle in Bergers „Konklave“ (2024).
Auch Stars „kommen ans Set und sind nervös“: Ralph Fiennes spielte die Hauptrolle in Bergers „Konklave“ (2024). © Leonine | Focus Features

Man hört auch immer von einem „Bourne“-Projekt von Ihnen. Wie weit ist es damit? Und wie schwierig, an eine solch erfolgreiche Reihe anzuknüpfen? Es ist immerhin neun Jahre her, dass Matt Damon ihn zuletzt gespielt hat.

Wie gesagt: Ich denke immer von Film zu Film. Mein nächstes Projekt ist „The Riders“ mit Brad Pitt. Den drehe ich im Februar. Was danach kommt? Ich weiß es nicht. Unter anderem arbeite ich auch zusammen mit Matt Damon an einem Drehbuch für seinen letzten „Bourne“- Film. Ob dieses Buch aber jemals so wird, dass ich das Gefühl habe, ich kann den alten Filmen noch etwas hinzufügen, etwas Neues erfinden – und ob Matt Damon jemals dieses Gefühl haben wird, das steht in den Sternen. Aber man kann es ja versuchen. Matt braucht das nicht, er kann auch Filme mit Christopher Nolan drehen. Aber wenn wir beide etwas finden, was über diese Figur noch nicht erzählt wurde, und was ihn reizen würde, dann machen wir den Film. Und wenn nicht, dann kommt etwas anderes. Dann tut es auch nicht weh.

„Ballad of a Small Player“: Kinostart am 16. Oktober. Ab 29. Oktober auf Netflix