Sie findet nicht gleich Gehör. Erst muss die junge Frau, die im Gericht ihren Bruder verteidigt, ihre Stimme erheben. Und hebt an zu einer flammenden Rede auf Frieden und Freiheit. Dabei wird sie immer wieder von der Gegenpartei unterbrochen. Aber am Ende geht sie nicht nur als Siegerin aus dem Prozess hervor. Von der Empore aus schaut sie wie aus einer Loge zu, wie noch im Gerichtsgebäude drei von ihr beauftragte Mörderinnen zwei ihrer Gegner meucheln. Die Freiheit, die sie meint, ist vor allem die eigene. Ein starker Auftakt für einen starken Film.
Richard III. heißt hier Rasheda: Eine Frau, die nicht mehr vor Männern buckeln will
„Kein Tier. So wild“ ist eine Neuverfilmung von William Shakespeares Tragödie „Richard III.“ Noch eine, möchte man meinen. Denn es gibt deren nicht wenige. Man denke nur an die monumentale Technicolor-Version mit Laurence Oliver vor 70 Jahren, an die mit Ian McKellen vor 30 Jahren oder die letzte durch die BBC mit Benedict Cumberbatch vor neun Jahren. „Kein Tier. So wild“ aber ist unbedingt sehenswert. Denn Regisseur Burhan Qurbani verlegt den britischen Rosenkrieg aus dem 15. Jahrhundert kühn in die deutsche Hauptstadt von heute.
Die Königsgeschlechter heißen weiter York und Lancaster, sind nun aber rivalisierende arabische Clans in Neukölln. Und die Hauptfigur heißt nicht Richard, sondern Rashida. Und trägt keinen Buckel. Sie ist eine Frau. Allein das ist eine Beeinträchtigung, eine Behinderung in den testosterongesteuerten Männerbünden. Als Frau und kleine Schwester muss sie immer buckeln. Soll nun gar verheiratet und damit gezähmt werden. Bis sie selbst die Macht an sich reißt. Und ein wahres Blutbad anrichtet.
Lesen Sie auch: Schicksalskleeblatt in politischem Minenfeld: „Klandestin“ mit Barbara Sukowa
Dieser Geschlechterwandel, neudeutsch Gender Swap genannt, genügt, um den sattsam bekannten Shakespeare-Stoff aufregend neu zu machen. „Kein Tier. So wild“ startet am 8. Mai in den deutschen Kinos. Zwei Tage zuvor aber feiert er bereits Preview. In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen waschechten Berlin-Film zeigt.
Qurbanis Kunstgriff: Klassische Stoffe auf Fremde in der Fremde übertragen
Burhan Qurbani war schon einmal in dieser Reihe zu Gast. Mit „Berlin Alexanderplatz“. Auch das war 2020 eine aufregend neue Interpretation einer klassischen Literaturvorlage. Auch die wurde kühn in die Gegenwart umgetopft. Mit demselben Kunstgriff: eine Flüchtlingsfigur zur zentralen Gestalt zu machen. In „Berlin Alexanderplatz“ spielte der Guineer Welket Bungué den Franz Biberkopf 2.0 und durchlitt eine ähnliche Odyssee wie der ehemalige Sträfling in Alfred Döblins Roman. In „Kein Tier. So wild“ spielt nun Kenda Hmeidan die Rolle der Rashida: eine Syrerin, die in Damaskus Schauspiel studierte, dann aber vor dem Syrienkrieg floh und über das Exilensemble des Gorki Theaters nach Berlin kam.
Eine jüngere Rashida spielt ganz zu Anfang mit anderen Kindern in einer fernen Wüste ein Königsspiel, mit einer Krone aus Goldpapier. Bis Raketen über sie donnern und ihr Dorf in Schutt und Asche legen. Die erwachsene Rashida wird dann nach der Krone der Berliner Unterwelt greifen. Wird erst die gegnerischen Lancasters, bald aber auch die eigenen Brüder und schließlich gar ihre Neffen töten lassen, zieht dabei sogar die Witwe ihres ersten Opfers auf ihre Seite. Um sich in dieser männerdominierten Welt durchzusetzen. Eine eiskalte Täterin, die aber auch traumatisiert ist durch Krieg und Flucht und die Leerstellen ihres Lebens mit irrem Machstreben auffüllt. Eine Raserei, bei der am Ende nicht von Männern aufgehalten wird, sondern von zwei anderen Frauen.
Lesen Sie auch: Was guckst du? Unsere Filmtipps der Woche

Wieviel Berlin muss ein Film zeigen, um ein Berlin-Film zu sein? Diese Frage stellen wir uns immer wieder in unserer Filmreihe. „Berlin Alexanderplatz“ hat Qurbani noch klar erkennbar an realen Ecken des heutigen Berlins gedreht. In „Kein Tier. So wild“ geht er dagegen einen radikal anderen Weg. Von dem Amtsgericht ganz am Anfang abgesehen, sieht man nur wenige, kaum verortbare Fassaden und Straßen. Die Szenen spielen überwiegend in dunklen Räumen, düsteren Krypten, schummrigen Kaschemmen und leeren Tiefgaragen. Oder, in gleißend blendendem Licht, an öden Orten oder in einer riesigen Baugrube, wo eine tollkühne Moschee gebaut werden soll.
„Kein Tier. So wild“: Ein sinnliches Fest fürs Auge und fürs Ohr
Mehr und mehr aber werden die Kulissen surrealer und theatraler, zu einer hermetischen, apokalyptischen Welt. Statt in einem Palast residiert Rashida hier in einer Wüstenei, statt eines Throns gibt es einen alten Sessel unter einer Plastikplane, was an ein Flüchtlingszelt erinnert. Statt einer Krone gibt es nur goldbemalte Lider und güldene Umhänge. Und einen Kopfschmutz aus Metallbruchstücken, der wie eine Dornenkrone wirkt. Und dafür das ganze Morden und Sterben! Das am Ende so archaisch wirkt wie das Sandkastenspiel zu Beginn.

Donnerstag
Der Wochenend-Newsletter der Berliner Morgenpost
Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter mit Tipps zum Wochenende in Berlin
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Die Verortung ist hier nicht geographisch oder durch die Kinobilder zu greifen. Sondern allein über die Sprache. Die Theaterautorin Enis Maci hat Shakespeare dafür radikal neu übersetzt. Mit einer hohen, literarischen Sprache, mit einem fast musikalischen Rhythmus, aber auch mit messerscharfen Worten und Slangbegriffen, die sich doch ganz organisch in dieses Kunstidiom einfügen. „Kein Tier. So wild“: Ein sinnliches Fest fürs Auge und fürs Ohr.
Lesen Sie auch: Sam Riley & Alexander Scheer: „Wir wurden beide an Schauspielschulen abgelehnt“

Qurbani wurde 1980 im rheinischen Erkelenz als Sohn afghanischer Flüchtlinge geboren. In seinen Filmen stehen stets Figuren im Mittelpunkt, die sonst kaum zu finden sind im deutschen Kino. Menschen mit Migrationshintergrund. Fremde in der Fremde. Als den Fremdesten unter ihnen sieht Qurbani Shakespeares „Richard III“., ein Stoff, der ihn schon immer angezogen hat.
Eine Gestalt, die auch wiederzufinden ist in Joel Basmans irrem Neonazi in „Wir sind jung. Wir sind stark“ (2014), Qurbanis Film über die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock 1992. Oder in Albrecht Schuchs Darstellung des verkrüppelten Reinhold in „Berlin Alexanderplatz“ (2020). Und jetzt hat sich der Filmemacher „Richard III.“ direkt vorgenommen. Und doch etwas ganz Eigenes daraus geschaffen. Das sieht er als „die eigentliche Unverschämtheit“ seines Films an: dass Fremde hier die Räume, aber auch die Sprache besetzen, die ihnen nicht zugestanden werden.
Die große Entdeckung des Films ist Hauptdarstellerin Kenda Hmeidan
Qurbani spielt dabei. Mit Vorurteilen und Stereotypen. Mit Zitaten aus seinem „Berlin Alexanderplatz“, aber auch aus Shakespeares „Macbeth“ und „Romeo und Julia“. Er vereint Theaterschauspieler und Filmschauspieler, nationale Stars wie Verena Altenberger (als einzige Deutsche im Clan der Yorks) mit einem internationalen wie Hiam Abbas (als mörderische Amme).
Die große Entdeckung aber ist Kenda Hmeidan, die hier in ihrer ersten Kinohauptrolle brilliert. Die die Zuschauer immer wieder anzieht und abstößt, sie in ihren finsteren Monologen zum Komplizen macht. Die die Leinwand vibrieren lässt. Und sich in einen Machtrausch und Wahn deliriert, für den Qurbani große, adäquate Kinobilder findet. Ein ganz moderner Shakespeare. Und zugleich ein ewiges Drama über leider sehr aktuelle Themen wie Flucht, Krieg, Verrohung und Gewalt.
Zoo Palast, 6. August, 20 Uhr in Anwesenheit von Regisseur Burhan Qurbani und Hauptdarstellerin Kenda Hmeidan. Tickets gibt es hier.




