Vor 20 Jahren eröffnete die Helmut Newton Stiftung mit der Doppelausstellung „Us and Them“ und „Sex and Landscapes“ das Museum für Fotografie. Jetzt feiert die Foundation des Star-Fotografen den runden Geburtstag mit der Ausstellung „Berlin, Berlin“. Ein Gespräch mit Stiftungs-Direktor und Kurator Matthias Harder im Living Room des Museums auf dem roten Ledersofa von Helmut und June Newton über das, was die Fotografie von Helmut Newton ausmacht und über seine Bedeutung für Berlin.
Herr Harder, warum haben Sie diesmal die Berlin-Fotos von Helmut Newton in den Fokus einer Ausstellung gerückt?
Weil es das vorher noch nie gab. Für mich lag es nahe, dass wir zu unserem 20-jährigen Stiftungsjubiläum eine Hommage an seine Heimatstadt realisieren, also seine Fotos aus Berlin vorstellen und kontextualisieren. Und zwar mit vielen anderen Fotografen und Fotografinnen. Beginnend mit Yva, seiner Lehrmeisterin, und endend mit Fotografen wie Michael Schmidt, von dem Helmut Newton selbst ein Buch besaß. Aber auch mit Barbara Klemm. Sie war Fotografin der Frankfurter Allgemeinen. Da Helmut Newton die FAZ regelmäßig las, wird er ihre Bilder gekannt haben. Eigentlich wollte er selbst Fotojournalist werden. Er hat sich 1936 in einem Selbstporträt wie Egon Erwin Kisch als rasender Reporter inszeniert. Visuell hat ihn das sehr geprägt. Unter anderem auch als Jugendlicher durch die „Berliner Illustrirte Zeitung“.
Analog zur „Berliner Illustrirten Zeitung“ hat er im gleichen Layout zwischen 1987 und 1995 vier Mal die „Helmut Newton‘s Illustrated“ herausgebracht. Warum?
Er war immer ein Auftragsfotograf und hat in den Genres Mode-, Akt und Porträtfotografie gearbeitet. Ab und zu hat er aber auch ein paar freie Projekte gemacht. Dazu gehörte die „Helmut Newton‘s Illustrated“. Das war ein Sammelbecken für Bilder, die er woanders nicht hat publizieren können oder wollen. Daher hat er sein eigenes Magazin aufgebaut und gefüllt mit Schnappschüssen oder visuellen Kommentaren. Seine berühmten „Big Nudes“ sind übrigens auch ein freies Projekt. Sie wurden zwar das erste Mal 1980 in der französischen Vogue publiziert, aber nicht Bild für Bild. Der Artikel war illustriert mit der Großaufnahme von einem Studio, in dessen Hintergrund die „Big Nudes“ hingen, auch präsentiert auf Videomonitoren. Nacktheit in seiner Fotografie gab es schon in den siebziger Jahren, verstärkt in den Achtzigern und kaum noch in den Neunzigern.
Hatte sich sein Frauenbild im Laufe dieser Zeit verändert?
Das würde ich nicht sagen. Schöne, modebewusste Frauen zu fotografieren, hat er bis zum Schluss geliebt – und June Newton hat das alles unterstützt. Sie war häufig bei den Shootings dabei. Auf einer legendären Pressekonferenz bei uns im Haus sagte sie einmal: „Natürlich hat Helmut mit schönen Frauen gearbeitet. Das hat uns ein sehr komfortables Einkommen verschafft.“ Sie hatte einen sehr lässigen Umgang damit. Meines Erachtens gab es ihrerseits keine Eifersucht.

Helmut Newton hat die von ihm fotografierten Frauen auch nie wirklich intim inszeniert.
Exakt so ist es. Letztes Jahr hatten wir eine Retrospektive zu Junes 100. Geburtstag. Sie hat ja seit 1970 unter dem Namen Alice Springs selbst sehr erfolgreich als Fotografin gearbeitet. Da haben wir auch Bildpaare aus dem legendären gemeinsamen Buch- und Ausstellungsprojekt „Us and Them“ mit Helmut Newton gezeigt. Er hatte Catherine Deneuve sehr aufreizend für „Esquire“ fotografiert, kurz nachdem sie „Belle du Jour“ gedreht hatte. Drei Jahre später machte auch June ein Porträt von ihr. Vermutlich in einer Gesprächspause. Der Blick zwischen den beiden, beziehungsweise der von Catherine Deneuve in Junes Kamera, ist unglaublich offen, neugierig und natürlich. Dieses Foto ist das intimere Bild. Was zeigt: Intimität ist nicht gleich Nacktheit. Denn letztlich geht es bei solchen Aufnahmen selbstverständlich auch um Emotionen, Empathie und Offenheit.
Worin unterscheidet sich letztlich die Fotografie von Helmut Newton und Alice Springs?
Ohne oberflächlich zu sein, blieb Helmut Newton häufig an der Fassade des Menschlichen. Er hat eher die Klischees der Menschen, die er fotografierte, bedient und gleichzeitig hinterfragt. Daher finden wir bei ihm häufig eine Art psychologisches Porträt mit vielen Metaebenen. June hingegen war nicht am Image einer Person, sondern stets am Menschen interessiert. Sie drang mit ihrem Blick viel tiefer in den Menschen ein, in die Seele des zu Porträtierenden. Und das sieht man in der jeweiligen Gegenüberstellung der Bildpaare.

Wir sitzen hier im Living Room, der ursprünglich June‘s Room hieß. Was hat es damit auf sich?
Als dieses Gebäude Sitz der Helmut Newton Stiftung wurde, hat Helmut Newton den Umbau bezahlt, um es museal zu ertüchtigen. Die Idee für diesen Raum war, ein Appartement einzurichten, damit die Newtons hier wohnen konnten, wenn sie nach Berlin kamen. Als Helmut Newton starb, entschied June, dass sie in Berlin zukünftig in ein Hotel gehen würde. Deshalb haben wir den Raum in „June‘s Room“ umgewidmet und hier Werke von Alice Springs gezeigt. Nachdem June starb und ihr Nachlass aus Monte Carlo nach Berlin kam, haben wir damit den Living Room eingerichtet. Was wir hier sehen, sind alles Archivalien. Ein kurioser Mix aus High und Low. Wir haben ein Bücherregal im Memphis Design, die berühmte Lampe von Andrée Putman, einen Akt als metallenen Scherenschnitt von Tom Wesselman, einen Roy Lichtenstein und einen Warhol. Dazwischen finden sich Gartenzwerge als Sitzhocker und ein Plastikgodzilla. Diese Mischung gibt den Museumsbesuchern eine Vorstellung davon, wie die beiden gelebt haben.
Sie selbst haben June und Helmut Newton noch persönlich kennengelernt. Wie haben Sie die beiden erlebt?
Ihn habe ich leider nur zwei Mal getroffen, und sie war viele Jahre meine Chefin. Als er auf der Suche nach einem Kurator war und ein gemeinsamer Bekannter mich vorschlug, haben wir ein sehr langes Gespräch geführt. Dabei habe ich ihn kennengelernt als einen aufgeschlossenen, neugierigen, humorvollen Menschen. Wir haben kaum ein Wort über sein Werk gesprochen, sondern über die Fotografie im Allgemeinen. Und zwar auf Deutsch. Irgendwann kam June dazu und wir wechselten ins Englische. Auch June war aufgeschlossen und neugierig. Ein tolles Paar. Das sieht man nicht nur in ihrem Projekt „Us and Them“. Eine 55-jährige Lebens- und Liebesgeschichte, die wirklich großartig gewesen sein muss.
Helmut Newton
Geboren 1920 in Berlin als Sohn einer jüdischen Fabrikantenfamilie, begann Helmut Newton eine Ausbildung bei der Berliner Modefotografin Yva. Als er 1938 vor den Nazis floh, war eines der letzten Gebäude, die er aus dem Zug sah, das ehemalige Landwehrkasino in der Jebensstraße. Heute Sitz der Helmut Newton Stiftung. Er landete in Singapur, arbeitete als Bildreporter für eine Zeitung, wurde nach nur zwei Wochen gefeuert. Er ging nach Australien, eröffnete ein Fotostudio und lernte seine Frau June kennen, die er 1948 heiratete. Anfang der 60er Jahre avancierte er in Paris zu einem der gefragtesten Fotografen, etablierte sich ab Mitte der 70er Jahre als einer der begehrtesten Fotografen der Welt. Er starb 2004 in Los Angeles. Seine Urne wurde in einem Ehrengrab auf dem Friedhof Stubenrauchstraße in Friedenau beigesetzt.
Wie bedeutend ist Helmut Newton eigentlich für Berlin?
Gute Frage. Anders herum kann man das sofort beantworten. Berlin war sehr wichtig für Newton, auch wenn er hier nach seiner Flucht nie wieder für längere Zeit gelebt hat. Er kam immer wieder zurück in seine geliebte Heimatstadt. Und er hat sein Archiv nach Berlin gebracht. Unser Museum ist sehr gut besucht, seit nunmehr 20 Jahren; für Berlin ein absoluter Glücksfall. Aus der lokalen musealen Szene sind wir nicht mehr wegzudenken und sind gleichzeitig international das Kompetenzzentrum für das Werk von Helmut Newton und Alice Springs.
Im März 2025 folgt mit „Polaroids“ die nächste Ausstellung mit Arbeiten von Helmut Newton. Wie passen diese Polaroids in sein Werk?
Seit den siebziger Jahren hat er die Polaroids als Ideen- und Kompositionsskizze genutzt, um ein Shooting mit seiner Mittelformat- oder Spiegelreflex-Kamera vorzubereiten. Wir haben schon mal eine vergleichbare Ausstellung mit vergrößerten Polaroids gemacht. Jetzt werden wir einen Format-Mix zeigen. Wir haben sehr viele Original-Polaroids, ich vermute mal einige Tausend. Darauf sieht man, wie er seine ungewöhnlichen Bildideen entwickelt hat. Und damit sind wir außerdem sofort mitten drin in der Diskussion um das „richtige Format“ in der Fotografie.

Wir leben im Zeitalter der Fotografie. Was können wir heute noch in dieser Hinsicht von Helmut Newton lernen?
Ich würde sagen: das Authentische. In seiner aktiven Zeit gab es noch kein Photoshop. Alles war rein analoge Fotografie. In der digitalen Fotografie gibt es bekanntlich unzählige Bearbeitungsmöglichkeiten. Newton hingegen hat seine Bilder meist so vergrößern lassen wie er sie auch aufgenommen hat; und das entsprach eher einem authentischen Blick.
Helmut Newton Stiftung, Museum für Fotografie, Jebensstr. 2, Charlottenburg, Tel. 31 86 48 25, bis 16.2.2025., Di., Mi., Fr.-So. 11-19 Uhr, Do. 11-20 Uhr


