Die drei fröhlich winkenden Models im eleganten Fifties-Look degradieren das Brandenburger Tor und den Reichstag glatt zu Nebenschauplätzen. Dass man Berlins bekannteste Sehenswürdigkeiten förmlich ausblendet, ist gewollt. Denn Helmut Newton bespielt mit seiner ersten Fotoserie 1959 zwar seine Geburtsstadt, doch die dient nur als Folie. Die strahlende Weiblichkeit steht ganz klar im Fokus.
Auch wenn die Fotos für die Frauenzeitschrift „Constanze“ noch recht konventionell daher kommen, deuten sie schon an, wohin die Reise für den genialen Fotografen gehen würde. Mit seinem Gespür für Bildkomposition, Perspektive und Ästhetik avancierte Helmut Newton (1920-2004) selbst zum Star. Aber egal, wo er lebte, er kehrte immer wieder zurück an die Spree. Beruflich und privat. Schließlich hat er 2003 Teile seines Archivs nach Berlin überführt und die Helmut Newton Stiftung gegründet, die seit 2004 im Museum für Fotografie beheimatet ist.

Mit der Ausstellung „Berlin, Berlin“ feiert die Stiftung nun ihr 20-jähriges Jubiläum. Matthias Harder, Kurator und Direktor der Stiftung, beleuchtet darin mit rund 100 Berlin-Bildern Newtons nicht nur dessen künstlerische Entwicklung als Fotograf und seinen liebevollen Blick auf die Stadt. Entstanden von Mitte der 1930er bis Anfang der Nuller-Jahre, werden die Werke ergänzt und gespiegelt durch vor allem zeitgeschichtlich dokumentarische Vintage Prints und Fotografien von Kollegen.
Eine vielschichtige Ausstellung also, die es dem Betrachter jedoch leicht macht, zumal Newtons Arbeiten der Chronologie ihrer Entstehung folgen. Anfangs noch auf der Suche nach dem eigenen Weg als Fotograf, findet Helmut Newton sehr schnell zu einer unverwechselbaren Handschrift. 1979 fotografierte er für die erste deutsche Ausgabe der „Vogue“ nach 50 Jahren eine bahnbrechende Modestrecke unter dem Titel „Berlin, Berlin“ mit Mode von deutschen Designern vor einer altmodisch anmutenden Berliner Kulisse.

Ab 1977 schmuggelte Helmut Newton immer mehr Nacktheit in die Modefotografie. Was zum offenen Zeitgeist der Ära passte. Auf seinen Bildern wirken die Models selbst angezogen auf eine selbstbewusste Weise hocherotisch. Neben seiner berühmten Aktfotografie finden sich auch viele Porträts, die ganze Geschichten erzählen. Etwa, wenn sich im einstmals legendären Lokal „Lützower Lampe“ ein Travestiekünstler applausgestärkt mit triumphaler Miene direkt beim Bühnenabgang die Perücke vom Kopf reißt.

Ein wichtiger Aspekt ist auch die Teilung der Stadt. In dieser Zeit hat Newton so ziemlich jedes Westberliner Promi-Lokal abgelichtet. Und er hat immer wieder die Berliner Mauer fotografiert. Wie 1987 mit der Rückansicht einer Blonden vor dem Brandenburger Tor. Fast schon prophetisch kippt er da die Perspektive in eine Schräglage. Ganz so, als wolle er sagen, dass etwas ins Rutschen gekommen sei.
Die politisch-historische Einordnung dieser Zeit findet man bei seinen Kollegen. Hier macht Yva den Auftakt ist zugleich inhaltliche Klammer. Hatte Helmut Newton doch als 16-Jähriger von 1936 bis 1938 eine Ausbildung bei der Berliner Fotografin absolviert, die sein Leben lang prägte. Über die Mauer-Fotografien des Amerikaners Will McBride 1961 geht es hin bis zu Fotos von Barbara Klemm. In ihren eindringlichen Momentaufnahmen hat sie deutsch-deutsche Geschichte vom Mauerfall bis zur Wiedervereinigung festgehalten.
Helmut Newton Stiftung, Museum für Fotografie, Jebensstr. 2, Charlottenburg, Tel. 31 86 48 25, bis 16.2.2025., Di., Mi., Fr.-So. 11-19 Uhr, Do. 11-20 Uhr


