Das Museum für Fotografie zeigt Werke des Ehepaares Helmut und June Newton. Die Witwe machte sich unter dem Pseudonym Alice Springs einen eigenen Namen.
Von Gabriela Walde
Helmut Newton, der kleine Narzisst, hatte seiner Frau June von Anfang an klargemacht: „Es gibt nur einen Gott, und der bin ich.“ Er meinte damit die Ambitionen seiner Frau auch zu fotografieren. Es hatte damit begonnen, dass June, als er einmal bei einem Shooting erkrankte, für ihn eingesprungen war. Das klappte gut, und so begann ihr Leben als Fotografin. Newton sah schnell, dass sich die quirlige Gattin mit ihren Fotos und dem feinen Gespür für Situationen absolut nicht verstecken brauchte. Da June Newton nicht unbedingt einen Krach mit ihm riskieren wollte, legte sie sich bereits in den 70er-Jahren das Pseudonym Alice Springs zu. Ehrlicherweise muss man sagen, dass June Newton den privaten Kontakt zu Künstlern, Modemachern und Schauspielern für ihre Porträtaufnahmen nutzte. Warum auch nicht?
Helmut und June Newton fotografierten sich gegenseitig
Zusammen haben die beiden schon mehrfach ausgestellt, legendär ist das gemeinsame Projekt „Us and Them“, wo sich beide in verschiedenen Rollen fotografierten, Helmut auf dem Tigersofa, nackt, in High Heels, June mit offener Bluse lasziv am Küchentisch in Paris. Man kann diese Aufnahmen auch als fotografisches Tagebuch deuten. Keine Frage, beide liebten das Spiel mit der Kamera – eine Art erotische kleine Black Box.

In der Newton Stiftung wird nun der 92-jährigen Newton-Witwe in Form der „MEP“-Show, eine kleine Retrospektive eingerichtet. Im Museum für Fotografie am Zoo wird in wechselnden Ausstellungen versucht, jeweils andere Aspekte des Œuvres beider darzustellen und Wahlverwandtschaften mit anderen Fotokünstlern zu zeigen. Derzeit sind die strengen Porträts von Mart Engelen ausgestellt.
Man darf sagen: Alice Springs ist ihrem Mann durchaus ebenbürtig, was die fotografische Qualität begriff. Mehr noch: Dort, wo Helmut Newton auf Glamour setzte, auf weiblichen Sex und unterkühlte Posings, da lotet seine Frau eher die Tiefen der Persönlichkeiten aus. Ihr Zauberwort heißt Aura, und davon hat die Witwe von Man Ray einiges, wie sie da steht in ihrer Anmut und zarten Einsamkeit und uns scheu anschaut. Oder die junge, damals noch unverstellte Nicole Kidman, die rätselhafte Fanny Ardant oder etwa die elegante Nancy Kissinger in ihrer mädchenhaften Ausstrahlung. Man spürt, da ist eine Grundsympathie zwischen den Fotografierten und der Fotografin.
Stark auch in der Street Photography
Wer Alice Springs die letzten Jahre in Berlin erlebt hat, weiß, was für ein offenes, einnehmendes, wenngleich auch dominantes Wesen sie hat. Sie weiß genau, wie sie die Menschen auf ihre Seite bekommt. Sie war ja Schauspielerin, bevor sie Newton heiratete, und dieses spielerische Talent ist in solchen Situationen förderlich.

Die Serie „Melrose Avenue“, Mitte der 80er-Jahre über einen längeren Zeitraum in Kalifornien aufgenommen, zeigt, wie stark sie auch in der Street Photography war. Damals lebte sie mit ihrem Mann immer einige Monate im Jahr in Amerika. In L.A. stellte sie sich an den Straßenrand und beobachtete einfach das Treiben der jugendlichen Rebellen. Piercings, Tattoos, Hip-Hopper, Punks, Popper, Lack und Leder, Cut offs, alles dabei. Ein Stück Jugendkultur, die zeigt: Alles kehrt wieder. Nach 30 Jahren ist so mancher Trend von damals heute längst wieder angesagt, wie man nicht nur in Shops wie Urban Outfitters sieht. Nun ist es so, dass Mrs. Newton nie wirklich professionell werden musste in ihrem Job. Das gab ihr immer die Freiheit, etwas andere Themen in den Blick zu nehmen.
Stark mit dem Werk von Helmut Newton verbunden
Eine Porträtserie in der Newton Stiftung zeigt dann auch, wie stark sie mit dem Werk ihres Mannes verbunden war, ihre Fotografie zur Dokumentation seiner Arbeit nutzte. Ihn fotografierte, wenn er an den Einstellungen werkelte. In gewisser Weise sind diese Bilder eine Liebeserklärung an ihn, den Dandy-Fotografen von Welt: Newton zusammen mit Luciano Pavarotti, mit Richard Avedon oder mit Timothy Leary. Da versinkt Mr. Newton, in weiß, lässig in einem Stuhl, und es sieht ganz so aus, als ob er da einige Substanzen mit dem Guru genossen hätte.

Ohne Helmut Newton geht es natürlich nicht in der Newton Stiftung, auch er bekommt mit „Yellow Press“ einen starken Auftritt, mit jenen Arbeiten, die man ihm nicht unbedingt gleich zuordnen würde. Er versuchte sich als Fotograf neu zu erfinden, in dem er das „System“ unterläuft, das er mit seiner Modefotografie und dem Starkult ja stets bediente. „Yellow Press“ war sein Vermächtnis, so nennt es Matthias Harder von der Newton Stiftung. Am Interessantesten sind jene Serien, die sein Faible für Kriminalgeschichten mit Hang zum Abseitigem offenbaren. Oft saß er da und schnippelte Fotos und Artikel aus Zeitungen aus, deren Fälle ihn interessierten und zur künstlerischen Umsetzung reizten wie ein Mord an einer Familie in Sceaux in Frankreich.
Richtig bizarr sind die nachgestellten Szenen mit dem Hitler-Hobbylogen Hans Horvath, der auf dem Wiener Zentralfriedhof versucht, die Leiche von Geli Raubal zu exhumieren. Raubal war Hitlers Nichte, die sich 1931 in München umgebracht hat – mit einem Schuss in die Brust. Die Pistole gehörte Hitler. Geli und der „Führer“ hatten offenbar eine „heikle Beziehungskiste“. Jedenfalls wird auf dem Foto gerade der Zinksarg aus der Erde gehoben. Düsterer könnte kein Historienthriller sein.
Helmut Newton Stiftung, Museum für Fotografie, Jebensstr. 2. Di, Mi, Fr, Sa, So 11–19 Uhr, Do 11–20 Uhr. Bis 20. 11.

