Ein Mann will nach oben. In den Himmel über Berlin. Oder doch kurz davor. Auf den Funkturm. Dabei hat Lothar Lambert Höhenangst. Aber der Regisseur hat hier 1981 einen seiner großen Skandalerfolge, „Fucking City“, gedreht. Für seinen Dokumentarfilm „Verdammt nochmal Berlin – Fucking City revisited“ sucht er nun noch einmal alle Stätten auf, an denen er gewirkt hat.

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Also auch hier in der Höh‘. Wo ihm die Stadt, seine Stadt zu Füßen liegt, die er, wie kaum einer sonst, als Chronist begleitet hat. Allerdings nicht von ganz oben. Sondern im Gegenteil. Lothar Lambert ist der ungekrönte König des Berliner Undergroundfilms. Für das No-Budget-Kino gibt es seit jüngstem die schick neudeutsche Bezeichnung Berlin Mumblecore. Die leitet sich von der gleichnamigen Bewegung in New York ab. Lambert hat das aber schon vor 40 Jahren vorgemacht. Arm, aber sexy, das konnte Berlin immer schon.

Im Winter gab es einen Ehren-Teddy, im Sommer gibts ein Lola-Festival

In einem Monat, am, 24. Juli, wird Lothar Lambert 80 Jahre alt. Aus diesem Anlass erhielt der Filmemacher bereits im Februar auf der Berlinale einen Special Teddy Award, in deren Panorama-Sektion er ein Dauergast war. Ab 7. Juli gibt es dann ein regelrechtes Lambert-Festival: Unter dem Motto „LoLa DaBei – Ein Sommer mit queerem West-Berliner Undergroundkino“ zeigen vier Kinos, Acud, Brotfabrik, Klick und Bundesplatz-Kino, sowie das Kleine Kinomuseum in der Schönleinstraße bis 1. September eine groß angelegte Retrospektive.

Einen Vorgeschmack gibt bereits unsere Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen waschechten Berlin-Film zeigt. In dieser Reihe darf Lambert einfach nicht fehlen, ist er doch nicht nur ein Berliner Original, sondern ein Stück Berlin. Am 2. Juli zeigt er hier noch einmal seine Doku „Verdammt noch mal Berlin“, in der er 2016, mit damals 72 Jahren, nochmal all die Ecken aufsuchte, an denen er einst gewirkt hat. Und die meist längst verschwunden, verbaut und vergessen sind. Allein schon deshalb ist dieser Film ein Zeit-Dokument.

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Berlinale 2024 - Teddy Award
Auf der Berlinale war Lothar Lambert ein Dauergast. Dafür gab es in diesem Jahr eine besondere Auszeichnung: den Special Teddy Award.© picture alliance/dpa | Britta Pedersen

Man bezeichnete ihn als „Schmuddelfilmer“ und „Fassbinder für Arme“. Das war er schon alles auch. Vor allem aber ist Lamberts Berlins schrillster Chronist. Auch zwangsweise. Er hatte kein Geld, musste immer billig produzieren, war daher oft Regisseur, Produzent und Drehbuchautor in einem – wenn seine Filme überhaupt auf einem Script basierten und nicht einfach improvisiert wurden. Er war oft auch sein eigener Kameramann, Cutter und Tonmann. Und gern auch Darsteller. Auch mal im Fummel. Als Drag Queen Lola.

Ein Name, der im deutschen Film schon eine gewisse Bedeutung hatte, durch die fesche Marlene und Fassbinders Film, später auch durch Franka Potente. Auch der Deutsche Filmpreis heißt inzwischen so. Nur Lamberts Lola wird in dem Zusammenhang nie erwähnt. Dabei brachte er es so auch zu einer Berühmtheit, zumindest in Off- und Programmkinos. Und für Lambert ist die Lola nicht nur ein Künstlername, da steckt die ganze Identität drin. Und die Anfangsbuchstaben seines Vor- und Nachnamens.

Der König des Underground, der gegen alle Konventionen verstieß

Lambert, ein Paradiesvogel und Bürgerschreck, dessen Herz für die einfachen Leute von nebenan schlägt. Seine Filme sind von schrägen Figuren bevölkert, aber die sind nie aufgesetzt, sondern immer echt und authentisch. Sie stammen aus dem wirklichen Leben. Und einfachen Verhältnissen, in denen sie sich behaupten müssen. Kleine Menschen in der großen Stadt, immer auf der verzweifelten Suche nach Liebe und Bestätigung. Durchschnittsexistenzen, wie sie damals kaum im deutschen Film vorkamen. Aber auch Außenseiter und Ausgestoßene: Türken und Transen, Dirnen und Schwule, Perverse und Depressive.

Lambert schockte auch immer wieder mit expliziten Sexszenen, die den Zuschauern die Schamesröte ins Gesicht trieben. Seine Filme eckten auch sonst an, sie verstießen nicht nur gegen Kinokonventionen, sondern stellten überhaupt alles vermeintlich Normale infrage. Ruppig und rau, exzentrisch und originell, immer auf dem schmalen Grat zwischen Lächerlichkeit und Erhabenem, Trash und Avantgarde, aber stets mit ur-eigener Lola-Note. Eine Hommage an die schrille Gegensätzlichkeit Berlin und das ganz spezielle Dickicht der Großstadt.

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IN HAßLIEBE LOLA Fernsehspiel
Lambert 1995 als Tingeltangel-Transe Lola in seinem Film „In Hassliebe Lola“.© picture alliance/United Archives | Pa

Seine Liebesbeziehung zu Berlin begann als Dreijähriger, als seine Eltern mit ihm hierherzogen. Eigentlich war Lambert ein fauler Mensch, wie er uns in einem Interview gestand. Nach einem Publizistik-Studium an der Freien Universität wurde er Redakteur der Tageszeitung „Der Abend“ und das sei genau seins gewesen: „brav hinterm Schreibtisch“. Bis er in einem Artikel doch mal nicht brav war. Und der Verleger ihn höchstpersönlich rausschmiss. Dem muss man noch heute dankbar sein. Denn da stand er nun, der Lambert. Und was sollte er machen? Machte er halt Film!

Das machten nicht viele hier. Die meisten Produktionsfirmen hatten die „Frontstadt“ nach dem Mauerbau verlassen. Und überließen Berlin den Künstlern, Lebenskünstlern und Verrückten. Lambert war einer von ihnen. Bildete genau die ab. Seine Filme wie „1 Berlin Harlem“ (1974), „Die Alptraumfrau“ (1981), „Fucking City“ (1982) und „Drama in Blond“ (1984) zeigen das alte West-Berlin von seinen schrillsten Seiten, was er mit „In Hassliebe Lola“ (1995) und „Blond bis aufs Blut“ (1997) auch in der Wendezeit fortführte.

Mit dem Regisseur sucht man dessen alte Wirkstätten und Mitstreiter auf

Lambert schuf ein höchst eigenwilliges Oeuvre, für das er auf der Berlinale wie auch im Ausland gefeiert wurde, im New Yorker MoMa etwa und in Goethe-Instituten. Und doch wird ihm hierzulande nicht die Wertschätzung entgegengebracht, die er verdient hätte. In seiner Spätphase hat Lambert, vielleicht auch, weil es sonst keiner tut, sein eigenes Oeuvre aufgearbeitet: mit „Alle meine Stehaufmädchen – Von Frauen, die sich was trauen“ (2009), „Erika mein Superstar“ (2015) und dann eben „Verdammt noch mal Berlin“ (2017).

Hier besucht er alte Drehorte wie den besagten Funkturm und die Luftbrücke, aber auch seine früheren Wohnungen und Kinos, in denen seine Filme Premiere hatten. Lambert-typisch kommt er nicht mit großem Drehstab, sondern ganz intim, und auch nicht mit eigenem Fahrer, sondern mit den Öffis. Und seinem Gehstock, auf den er wegen seiner Bandscheibe angewiesen ist. Viele Orte sind längst verschwunden und heute gähnend öde, wie der Filmemacher wehmütig vermerkt.

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Was Sie nie über Frauen wissen wollten (1992)
Sexszenen, die vielen Zuschauern die Schamesröte ins Gesicht trieben: „Was Sie nie über Frauen wissen wollten“ (1992).© picture alliance/United Archives | Publicity Still

Er besucht auch Mitglieder der einst verwegenen „Lambert-Familie“, die wenigen, die noch am Leben sind und sich heute selber fragen, ob sie noch mal so viel von sich preisgeben würden. Und Lambert-Spezialist Jan Gympel interviewt in Lamberts Wohnung andere Spezialisten: Michael Sittner und Silvia Lindner, die den Dokumentarfilm „Lost and Found in Underground. Lothar Lambert’s Psycho City“ gedreht haben. Während Lambert im Nebenzimmer malt (seine Zweitbetätigung seit 1993) und nicht zuhören will. Es dann doch tut. Und lieber ins Café geht.

Ein Fundus für Lambert-Liebhaber und ein idealer Einstieg für Lambert-Laien

All das wird mit vielen Ausschnitten aus den alten Filmen garniert und gewürzt. Und ist, wie bei Lambert nicht anders zu erwarten, hübsch selbstironisch und doppelbödig. Ein Fundus und Anekdotenschatz für alle Lambert-Liebhaber, aber auch ein idealer Einstieg für Lambert-Laien. „Verdammt nochmal Berlin“ war als Schlusspunkt seiner Laufbahn konzipiert. Aber daran hat sich Lambert dann doch nicht gehalten.

Nur zwei Jahre später, 2019, wartete er mit „Gesammelten Einaktern“ auf, alten und neueren Kurzfilmen. Die wurden gebündelt unter dem Motto „Oben rum und unten rum“. Zum 80. hat Lambert es sich nun nicht nehmen lassen, einen zweiten Teil zu produzieren: „Vorne rum, hinten rum“. Der hat Premiere im September und wird sein LoLa-Festival beschließen.  

Zoo Palast, 2. Juli, 20 Uhr in Anwesenheit von Lothar Lambert. Tickets für die Vorstellung gibt es hier.