Im Juni beginnt die CSD-Saison, nächste Woche findet die erste queere Demo-Parade durch Prenzlauer Berg und Mitte statt. Passend zu den Pride-Wochen startet auch die sommerliche Filmreihe mit queeren Geschichten auf mehreren Sendern der ARD. Der rbb hatte es 2018 vorgemacht, seitdem wächst das Netzwerk. 2022 zog der Bayerische Rundfunk nach, letztes Jahr kam der WDR dazu, nun noch der Spartensender ONE.
21 Filme sind es bis August, elf davon deutsche TV-Premieren, dazu zwei Serien. Viele Filme erzählen Coming-Out-Geschichten, von lesbischen Teenagern im Debüt „Besties“ (rbb, 1.8.) über verfeindete Gangs in einem rauen Pariser Vorort oder im schwedischen 90s-Klassiker „Raus aus Åmål“ (rbb, 29.8.), verliebte Jungs im polnischen Drama „Elefant“ oder im israelischen „Der Schwimmer“, und eine junge trans Frau im kanadischen „Something You Said Last Night“ (rbb, 8.8.). Identitätsfragen und die Suche nach dem Platz im Leben ist an kein Alter gebunden, in Georgia Oakleys Regiedebüt „Blue Jean“ (rbb, 18.7.) ist es eine lesbische Sportlehrerin, die sich im England Ende der Achtziger lange nicht zu erkennen geben darf.
Im georgischen Drama „Wet Sands“ (BR, 25.7.) wird ein älterer Dorfbewohner erhängt aufgefunden und seine angereiste Enkelin stößt bald auf ein Netz aus Lügen und Homophobie. Andere Beiträge handeln von Außenseitern und deren Selbstermächtigung, wie die Transfrau Marina im Zentrum des mitreißenden Oscargewinnerfilms „Eine fantastische Frau“ (BR, 4.7.) von dem lange in Berlin lebenden Chilene Sebastián Lelio etwa, oder Caroline und Delphine in „La belle saison – Eine Sommerliebe“ (WDR, 11.7.) in der französischen Provinz der 1970er Jahre.
Die meisten Beiträge stammen aus den letzten fünf Jahren. Eine Ausnahme ist „Maurice“ (ONE, 3.8.) von 1987, James Ivorys schwelgerische Verfilmung des gleichnamigen Romans von E.M. Foster über heimliche Lieben und homophile Freundschaften von Cambridge-Studenten in der prüden Klassengesellschaft Englands vor 100 Jahren. Wie James Wilby, Hugh Grant und Rupert Graves sich anschmachten, ist noch immer betörend.
In „Peter von Kant“ (ONE, 20.7.) erweist François Ozon seinem großen Vorbild Rainer Werner Fassbinder die Ehre und inszeniert seine ganz eigene schwule Version des Kammerspielmelodrams „Die bitteren Tränen von Kant“ (1972). Und auch Fassbinder-Muse Hanna Schygulla hat einen Auftritt als Peters Mutter. Nicht weniger schillernd ist der Auftritt eines weiteren Fassbinder-Veteranen. In „Swan Song“ (ONE, 10.8.) spielt Udo Kier einen ehemaligem Starfriseur im Seniorenheim in Ohio, der nochmal seine Komfortzone verlässt. Eine exaltierte Altersrolle, die den 79-jährigen eine ganz neue Seite zeigen lässt.
Wem dabei die Sendetermine (meist nach 23 Uhr) zu spät oder die Sommernächte draußen zu lau sind, muss keine Angst haben, etwas zu verpassen. Nach der Ausstrahlung auf dem jeweiligen Sender ist jeder Film für 30 Tage in der ARD-Mediathek abrufbar.


