Sie ist eine lebende Legende – und das obwohl sie immer im Hintergrund auftritt und das Rampenlicht scheut. Thelma Schoonmaker, langjährige Mitarbeiterin von Martin Scorsese, dreifache Oscarpreisträgerin, verheiratet mit dem britischen Filmemacher Michael Powell. In „Made in England – the Films of Powell and Pressburger“ setzt Scorsese dem verstorbenen Mann seiner Editorin jetzt ein dokumentarfilmisches Denkmal. Produziert von Schoonmaker. Während der Berlinale hat Schoonmaker den Film vorgestellt. .

Frau Schoonmaker, erinnern Sie sich daran, wann Sie sich in die Magie des Kinos verliebt haben?

„Die roten Schuhe“, 1948. Das werde ich nie vergessen. Ich muss ungefähr 12 Jahre alt gewesen sein, es war zwar nicht mein erster Kinobesuch, aber der einschneidendste.

Was war ihr erster?

Das muss Bambi gewesen sein. Ich hatte solch eine Angst, ich habe mich auf der Toilette versteckt. Ich war mir sicher, dass Bambi sterben wird. Der Film hat glaube ich meine ganze Generation schwer traumatisiert.

Thelma Schoonmaker (l.) mit Filmemacher Martin Scorsese (r.).
Thelma Schoonmaker (l.) mit Filmemacher Martin Scorsese (r.).© picture alliance / Everett Collection | Courtesy Everett Collection

Und trotzdem haben Sie sich für den Film entschieden – als Editorin. Ein Beruf, der – zumindest damals – fest in männlicher Hand war. Wie haben Sie das erlebt?

Als ich in den Sechzigern angefangen habe, war ich weit und breit die einzige Frau. Das hat sich geändert, heute gibt es zum Glück sehr viele Editorinnen. Jennifer Lame hat gerade erst einen Oscar für „Oppenheimer“ gewonnen. Aber ich weiß natürlich, was Sie meinen. Als ich angefangen habe, war ich die Einzige.

Hat ihr Kollaborationspartner Martin Scorsese Sie das spüren lassen?

Nein, in keiner Sekunde. Weder er noch sein Arbeitsumfeld. Dass ich die einzige Frau im Team war, war nie ein Thema. Aber wenn ich mal eine Filmrolle ins Labor tragen musste, kam sofort jemand herangeeilt und sagte, lass das sofort fallen, das ist zu schwer für dich. Aber ich lasse doch keine Filmrolle fallen. Nur weil sie nicht wollten, dass eine Frau schwer hebt. Aber für mich hat das keine Rolle gespielt, weil ich umgeben war von Leuten, die es wertschätzen konnten, mit einer Frau zu arbeiten. Aber ich weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit war und auch noch immer keine Selbstverständlichkeit ist. Ich hatte einfach großes Glück.

Die Filmemacher Emeric Pressburger und Michael Powell (r.). 
Die Filmemacher Emeric Pressburger und Michael Powell (r.). © Mubi | Mubi

Wie hat sich für Sie das Schneiden in den letzten Jahrzehnten verändert? Vor allem durch die Digitalisierung?

Oh mein Gott, Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich das am Anfang gehasst habe. Ich hatte einen wunderbaren Lehrer, er arbeitet immer noch für Marty und mich. Wenn er jedes Mal, wenn ich gesagt habe, oh, das kann man mit echtem Film aber viel besser machen, einen Dollar in ein Glas gesteckt hätte, wäre er jetzt ein reicher Mann. Aber irgendwann habe ich meinen Frieden damit gemacht. Marty ist allerdings noch immer recht traurig über den Wechsel.

Warum?

Er vermisst es, einfach durch den Schneideraum zu laufen und nachzudenken, während ich mit irgendwas Technischem beschäftigt war. Robert Altman geht es ähnlich. Heute passiert alles so schnell, ist alles nur einen Mausklick entfernt. Es gibt überhaupt keine Zeit mehr zum Reflektieren. Aber es gibt natürlich auch vollkommen neue Möglichkeiten. Ich kann mit Farben spielen, alles in Schwarzweiß machen, auf den Kopf stellen, schneller abspielen, in Zeitlupe. Selbst ich habe mich langsam daran gewöhnt, dass wir visuelle Effekte schon im Schneideraum sehen können.

Stimmt es, dass Martin Scorsese Sie und ihren Mann Michael Powell verkuppelt hat?

Ja. Marty hatte mich schon die ganze Zeit mit seinen Filmen versorgt und wusste um meine Bewunderung – zumindest seiner Werke. Er hatte eine Retrospektive seiner Filme im Museum of Modern Art organisiert, wir waren gerade mitten im Schnitt-Prozess für „Wie ein wilder Stier“. Unser Schneideraum war bei Marty zuhause, er hat ihn zum Abendessen eingeladen und als ich ihn gesehen habe, war ich wie vom Blitz getroffen. Sein Gesicht war voller Lebensfreude, sein Verstand war messerscharf, er war ein großartiger Redner. Es war für mich wie ein augenblicklicher Schlag ins Gesicht. Ich wusste, diesen Mann werde ich heiraten.

Wie würden Sie Martin Scorsese und Michael Powell als Regisseure und als Mensch beschreiben?

Unterschiedlicher könnten zwei menschliche Wesen wohl nicht sein. Michael hatte mich schon zu Lebzeiten darauf festgenagelt, dass ich auf seinen Grabstein Regisseur und Optimist schreiben soll. Das war das Schöne an unserer gemeinsamen Zeit und das Schöne an seinen Filmen. Er hat jede Sekunde seines Lebens geliebt. Er war ein Optimist durch und durch. Martin Scorsese ist das genaue Gegenteil. Wenn der morgens aufwacht, hat er erstmal schlechte Laune.

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Haben die beiden trotzdem Gemeinsamkeiten?

Ihre Liebe zum Film. Ihre Haltung, was einen Film ausmacht, worum es in einem Film gehen sollte. Sie waren von Grund auf unterschiedlich, haben sich aber gegenseitig abgöttisch geliebt.

Wie groß war der Einfluss von Michael Powell auf Scorsese?

Groß. Und Marty hat da immer differenzieren können. Viele Leute haben sich nicht unbedingt eingemischt, aber ihre Meinung kundgetan. Michael hat „Hexenkessel“ so geliebt, dass er sich regelmäßig zu den Drehorten fahren ließ, er ist sogar in das Fitnessstudio, in dem Robert de Niro trainiert hat. Er hat dann ganz offen und ehrlich zu Marty gesagt, dass die roten Handschuhe falsch seien. Marty hat ihm zugestimmt, Sie müssten schwarz-weiß sein. Sie waren sehr kritisch gegenüber dem anderen. Aber es war ein Geben und Nehmen. Robert de Niro zum Beispiel war fasziniert von Roger Livesey in „Leben und Sterben des Colonel Blimp“. Seiner Verwandlung, dem Alterungsprozess, der Gewichtszunahme. Er hat Michael gelöchert, ist ihm regelrecht auf die Nerven gegangen. Wie hat er das gemacht, wie hat er jenes gemacht. Irgendwann hat es ihm gereicht und ganz trocken zu de Niro gesagt: das nennt man Schauspiel.

Warum ist es in ihren Augen so wichtig, dass junge Menschen nicht nur die aktuellen Blockbuster gucken oder sich auf Netflix verlieren, sondern auch ein Gespür für Filmgeschichte bekommen?

Es ist nicht falsch mit Netflix und Co, aber wenn wir mal tief in die Filmgeschichte eintauchen – und bei Pressburger und Powell landen, dann sehen wir Filme, die tollkühn sind, unverfroren, abenteuerlustig. Das ist doch eine wunderbare Botschaft für junge Menschen. Seid tollkühn, seid unverfroren, seid abenteuerlustig. Auch über das Kino hinaus.