Allein mit den ersten 20 Minuten dieses Films ließe sich spielend eine ganze Speisekammer füllen. Köchin Eugénie (Juliette Binoche) ist noch vor Sonnenaufgang im Garten unterwegs, um Sellerie, Karotten und Salat zu ernten. Danach nimmt sie einen Fisch aus und kocht Eier, brät ein Kalbskarree und Hahnenkämme, während Gastronom Dodin (Benoît Magimel) die junge Küchenhilfe Pauline (Bonnie Chagneau-Ravoire) die Zutaten einer Sauce Bourguignotte erschmecken lässt: Rinderrippen, geräucherter Speck, roter Paprika, Champignons, Fenchel, Orangen, flambierter Wein, Lorbeer, Thymian, Petersilie, Kreuzkümmel, Wacholderbeere, Gewürznelke, Paprikapulver, Cognac und, um die Säure des Weins einzuhegen, ein wenig Johannisbeer-Gelee.

In dieser Küche eines Gutshauses an der Loire irgendwann im 19. Jahrhundert herrscht kein Stress, sondern konzentrierte Geschäftigkeit, während es allenthalben dampft, brutzelt und zischt und von draußen die Vögel hereinzwitschern. Man hat viel zu tun, aber Höflichkeit ist wichtig. Der vietnamesisch-französische Regisseur Tran Anh Hung lehnt sich lose an Marcel Rouffs Roman „La vie et la passion de Dodin Bouffant, gourmet“ (1924) an, der wiederum vom Leben des großen Kulinarikers Jean Anthelme Brillat-Savarin (1755–1826) inspiriert wurde. Im Tanz der Kamera zwischen diesen pausenlos Gemüse schnippelnden, Fleisch filetierenden und Kochtöpfe schwenkenden Menschen liegt eine tiefe Verbeugung vor dem französischen Nationalheiligtum: der Küche.
Das hat diesem Film beim Festival von Cannes zurecht den Preis für die Beste Regie beschert. Überraschend hat er sich auch gegen die dort mit der Goldenen Palme prämierte „Anatomie eines Falls“ mit Sandra Hüller durchgesetzt, als es um Frankreichs Kandidaten für die Auslands-Oscars ging. Das war mutig. Und er schaffte es dann auch nicht unter die fünf Nominierten. Der Film entflammt wohl nur jene, die von einer ähnlichen Hingabe zur Kochkunst durchdrungen sind wie seine Akteure – diese aber restlos und nachdrücklich.

Wobei es, natürlich, auch um die Liebe geht. Dodin und Eugénie sind einander erotisch zugetan. Eugénie will aber von Heirat und ehelichen Pflichten nichts wissen und pocht auf ihre Freiheitsrechte, indem sie die Tür ihres Schlafzimmers nachts nur dann unverschlossen lässt, wenn ihr danach ist. Umso hartnäckiger wirbt Dodin um sie, und umso erschrockener ist er ob ihrer sich häufenden Schwäche- und Ohnmachtsanfälle, die sich wie ein Schatten über das gemeinsame Glück legen. Worum es sich handelt? Der Arzt ist ratlos. Und Eugénie sagt, es sei doch schon vorbei und nicht so schlimm.
Und so könnte dieser Reigen aus romantischer Tändelei, Pot-au-Feu und Blätterteigpasteten ewig weitergehen. Aber ein endloses Menü wird nur im Himmel serviert. Das weiß auch dieser kluge, schöne Film.
Romanze, Frankreich 2023, 136 min., von Tran Anh Hung, mit Juliette Binoche, Benoît Magimel, Emmanuel Salinger, Patrick d’Assumçao



