Zwei Kriege ereignen sich in ­diesem Film, den Regisseur Guy Nattiv fast ausschließlich in halbdunklen Räumen stattfinden lässt. Der eine: Das ist der Jom-Kippur-Krieg, der am höchsten jüdischen Feiertag im Jahr 1973 seinen Anfang nimmt, als Ägypten und Syrien Überraschungsangriffe gegen Israel auf dem Sinai und den Golanhöhen starten und der 19 Tage später, am 24. Oktober 1973, mit einem Waffenstillstand endet. Heutige Schätzungen gehen von mehr als 10.000 Toten aus.

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Und der andere? Das ist der Krieg, den der Körper der israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir gegen sich selbst führt. Wie sie kaum jemandem außerhalb ihres engsten Umfelds verrät, ist die 65-Jährige schwer an Krebs ­erkrankt und muss regelmäßig Bestrahlungen in Anspruch nehmen. Vom Rauchen hält sie das trotzdem nicht ab – im Gegenteil: Es ist, als sähe sie im ununterbrochenen Konsum von Zigaretten, sogar beim Essen und im ärztlichen Behandlungszimmer, das einzig wirksame Therapeutikum.

„Golda“: Ein erneutes Verwandlungskunststück der großen Helen Mirren

Natürlich ist es ein Ereignis, in dieser Rolle Helen Mirren zu sehen, die 2007 für ihre Darstellung von Elizabeth II. in „The Queen“ den Oscar erhielt und hier ein weiteres Beispiel dafür liefert, wie atemberaubend glaubhaft sie sich historischen Persönlichkeiten anverwandeln kann. Dass ihr Make-Up und ihre Maske (Karen Hartley Thomas) bei den diesjährigen Academy Awards nominiert waren, ist absolut einleuchtend – in manchen Momenten meint man die israelische Politikerin tatsächlich wieder leibhaftig vor sich stehen zu sehen.

Enges Vertrauensverhältnis: Assistentin Lou Kaddar (Camille Cottin) und Golda Meir (Helen Mirren).
Enges Vertrauensverhältnis: Assistentin Lou Kaddar (Camille Cottin) und Golda Meir (Helen Mirren).© DPA Images | Sean Gleeso

Und unter ihrem künstlichen, in stundenlangen Sitzungen aufgeschminkten Golda-Gesicht braucht Mirren oft nicht mehr als ein Zucken der Brauen oder ein Runzeln der Stirn, um einen Kosmos innerer Seelenzustände zu öffnen: Zerrissenheit, Angst, Entschlossenheit, Fatalismus, Sorge, Sympathie. Das ist große, eindrucksvolle Schauspielkunst.

Die sich vor allem im Zusammenspiel mit dem ebenfalls unterkühlt agierenden Henry Kissinger (Liev Schreiber) und ihrer Assistentin Lou Kaddar (Camille Cottin) entfalten kann. In einer der schönsten Szenen des Films nötigt die auf der Gastgeberehre beharrende Meir dem kurzfristig angereisten Kissinger in ihrer heimischen Küche einen Teller Borschtsch auf, den er schließlich widerwillig akzeptiert.

Da gibt es plötzlich eine Nahbarkeit der Figuren, wie man sie sich öfter in diesem Film gewünscht hätte. Denn sonst ist in Guy Nattivs Erzählung – die bereits während der Corona-Pandemie gefilmt wurde und nur durch schieren Zufall nun mit realen Kampfhandlungen in Nahost zusammenfällt – vor allem daran gelegen, mit historischer Akkuratesse die Kampfhandlungen, Israels Rückschläge und Fortschritte in diesem Krieg abzubilden – allerdings ohne den Krieg selbst zu zeigen.

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Zumeist sehen wir also Golda Meir in Konferenzräumen sitzen, während Kabinettsmitglieder und Militärs, oft ebenfalls rauchend und auf sie einredend, Karten vor ihr ausbreiten oder sie per Funk ins Geschehen schalten. Das ist spannend inszeniert, weil der Konflikt selbst dramatisch war. Es gibt dieser Schauspielerin aber nicht die Möglichkeiten, die ihr zugestanden hätten.

Drama GB/USA 2023, 100 min., von Guy Nattiv, mit Helen Mirren, Camille Cottin, Ellie Piercy, Liev Schreiber