Als Jimi Hendrix Hand in Hand mit Uschi Obermaier die Treppen hochkam zur Kommune 1 („K 1“) in der Moabiter Stephanstraße, da war Fritz Teufel schon ausgezogen. Besser gesagt: rausgeflogen. Oder, wie Tilman Fichter in seinem dicken Buch über die 68er-Bewegung („Genossen! Wir haben Fehler gemacht“) festhielt: „Wegen seiner unüberschaubaren Frauengeschichten vor die Tür gesetzt“. Ob es dann mit dem legendären Gitarristen überschaubarer zuging, ist unklar. „Sex, Musik und Drogen standen in dieser Zeit auf der Tagesordnung“, weiß Fichter, damals West-Berliner Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Die Uschi mit ihrem Rainer Langhans und jetzt auch mit Jimi, dann der Dieter Kunzelmann, und all die anderen ... „Die Eifersucht war offiziell abgeschafft“, erzählte Obermaier später. Aber der Fritz hatte es zu weit getrieben.
„Ich war am anfälligsten für die Liebe“ erinnerte er sich 2010 in einem Interview an seine Kommune-Zeit 1967/68. „Jeden Tag konnte man sich neu verlieben, ich habe davon reichlich Gebrauch gemacht. Als ich aus dem Knast rauskam, hatte ich das Gefühl, dass mir eine Entschädigung zustand und fiel von einer Verliebtheit in die andere.“
Heute weiß man, dass es in Teufels Kommune intern nicht so durcheinander ging, jedenfalls nicht mit dem Sex. Aber das mit den Groupies war schon heftig. Und wie die Uschi ihren Jimi im Hotel Kempinski aufriss, so brauchte Fritz Teufel damals nur in der FU-Mensa in Dahlem vorbeizuschauen, um sich anhimmeln und abschleppen zu lassen. Er war bekannt wie ein bunter Hund, mit 24 Jahren der Popstar der linken Szene.
Uwe Johnson las in der New York Times, was Teufel in seiner Berliner Wohnung anstellte
Mit dem berühmten „Puddingattentat“, Initialzündung der „Spaßguerilla“, kamen er und seine Mitkommunarden im April 1967 zu bundesweiter Berühmtheit. Teufel und Dutzende Freunde hatten eine Nacht lang Backzutaten in Plastiktüten abgefüllt, um sie als Rauchbomben-Imitate am nächsten Tag beim Staatsbesuch des US-Vizepräsidenten Humphrey auf dessen Wagenkolonne zu schleudern. Ein V-Mann des Verfassungsschutzes hatte davon gehört, alles falsch verstanden und dies als Vorbereitung für einen Mordanschlag weitergegeben. Die Folge: Wohnungsdurchsuchung, elf verhaftete Kommunarden – und ein enormes Presseecho.

Die „Bild“ titelte: „Attentat auf Humphrey“, die „Zeit“ sah in Anspielung auf den Kennedy-Mörder in den Kommunarden „Elf kleine Oswalds“. Auch die New York Times berichtete von dem „gefährlichen Plan“ – und wohl genau dies las beim Frühstück der Schriftsteller Uwe Johnson. Der weilte gerade für zwei Jahre in den USA und hatte für die Zeit seine großzügige Wohnung in Friedenau der K 1 überlassen. Seine Küche in der Niedstraße – eine Bombenwerkstatt? Übers Fernamt lies er sich mit seinem Berliner Nachbarn Günter Grass verbinden, der die „Attentäter“ von der Polizei sofort aus dessen Wohnung werfen lies. Dass sich kurz darauf alles als Scherz entpuppte, änderte daran nichts mehr. Die Kommune fand eine neue Bleibe am Stuttgarter Platz. „Die Kommune“ – allein darüber rümpften die Berliner die Nase, als Wohngemeinschaften noch ungewöhnlich waren, berüchtigt für Gruppensex und dreckiges Geschirr.
Fritz Teufel und die Kommune 1
Nicht nur die „Spaßguerilla“ war nun geboren, auch eine – so muss man es wohl nennen – langjährige Medienpartnerschaft zwischen Fritz Teufel und dem Springer-Verlag mit „Bild“ und „BZ“. Trotz aller Blamage bei der Aufregung um das Pudding-Attentat berichteten von nun an vor allem die Boulevard-Blätter über alles, was sie vom „Bürgerschreck“ Teufel und seiner Kommune in Erfahrung bringen konnten, versetzten so ihr Stammpublikum in Zorn. Nun allerdings kamen aus der Szene eine Reihe neuer Leser hinzu, die sich über denselben Stoff nur köstlich amüsierten. Einige durften daraus nun ihren persönlichen frischen Ruhm saugen. Fichter schreibt: „Teufel, Kunzelmann und Langhans lasen nur noch ,Bild‘ und ,BZ‘“. Springer und die K 1, die ideale Symbiose.

Insbesondere Teufel bekam bald Gelegenheit, sich so in seinen „Heldengeschichten“ zu sonnen, nachdem er beim Besuch des Schahs von Persien am 2. Juni 1967 wegen Steinwürfen verhaftet wurde und bis zum November einsaß. Von da an lieferten öffentliche Gerichtsverhandlungen gegen Teufel Running Gags in Serie, vor allem seine Dialoge mit dem Richter. Sein Spruch „Wenn es denn der Wahrheitsfindung dient“ – als Reaktion auf die richterliche Aufforderung, sich zu erheben – ist heute eines der bekanntesten geflügelten Worte aus der deutschen Rechtsgeschichte. Weniger bekannt ist sein Kopfstand vor der Anklagebank aus demselben Anlass, mit der nachgelieferten Begründung: „Sie haben ja nicht gesagt, wie herum ich aufstehen soll.“ Der Boulevard nahm alles dankend auf, und eben diese Lektüre genossen die Kommunarden dann nicht weniger dankbar.
Mitkommunarde Kunzelmann sah schon so etwas wie eine gelungene Arbeitsteilung. Er, der selbst durch makabre Happenings auf sich aufmerksam machte, etwa, indem er beim Trauerzug für den früheren Reichstagspräsidenten Löbe plötzlich aus einem herbeigetragenen Sarg entsprang wie ein Springteufel, soll einmal gesagt haben: „Die Aufgabe von Fritz ist es, im Knast zu sitzen“. Wovon der wiederum nichts wissen wollte, auch wenn er einräumte, dass die Gefängnisbeamten ihn als „privilegierten Gefangenen“ ansahen, der sogar den Bohnenkaffee in der Haftanstalt Moabit eingeführt habe. Waren es die unterhaltsamen Schlagzeilen, war es die Erkenntnis, dass es Teufel und seinen Freunden mehr auf Spaß als auf Umsturz ankam? Zumindest in diesen späten Sechzigern, seinen wohl unbeschwertesten Jahren, lachten die Berliner eher über ihn, als dass er sie in Rage versetzte.
Als Teufel im SDS-Sender den Diskjockey gab, setzten sie ihm einen Politkommissar daneben
Distanz pflegten die Kommunarden schließlich auch zu denen, die im Angesicht der Mauer offen den Sozialismus predigten. Teufel brachte die Maoisten auf die Palme, als er eines Tages vom Turm der Gedächtniskirche Hunderte der kleinen, heiligen Mao-Bibeln auf den Kudamm regnen ließ. Den SDS ärgerten sie, indem sie in seinem Namen gefälschte dadaistische Flugblätter unter die Szene brachten, bis die Sozialisten die Kommunarden per Unvereinbarkeitsbeschluss bannten. Wobei Zweckbündnisse nicht ausgeschlossen wurden: Als der SDS 1968 das Germanische Seminar der FU besetzte, in „Rosa-Luxemburg-Institut“ umbenannte und dort den Sender „Rosa Luxemburg“ installierte, sollte ihm Teufel als Discjockey die nötige Reichweite besorgen. Nach einer Weile wurde ihm allerdings „ein Politkommissar vor die Nase gesetzt“, erinnert sich Fichter, weil das Programm in seinem „unpolitischen Elan schließlich nicht mehr von Radio Luxemburg zu unterscheiden war“.

Teufel ist die Figur der Zeitgeschichte, die am meisten Schnittmengen mit Till Eulenspiegel aufweist. Seinen Standort umriss er später so: „Wir wussten alles besser und hatten von nichts eine Ahnung“. Indes darf jene Hoch-Zeit der Spaßguerilla nicht darüber hinwegtäuschen, dass der 1943 geborene Teufel auch ernsthaftere Perioden durchlebte. Vorher, als er sich als Abiturient intensiv mit den Auschwitz-Prozessen auseinandersetzte und sich darüber politisierte. Sowie später, in den 1970er-Jahren, als er in den Terrorismus abdriftete und sich der „Bewegung 2. Juni“ anschloss – wie stark, konnte nie geklärt werden. Nachweisen konnte man ihm allein seine Mitgliedschaft und Waffenbesitz. Auch hierbei vermochte er es, der Justiz ein Schnippchen zu schlagen. Fünf Jahre lang versuchte die Staatsanwaltschaft mit hohem Aufwand, ihm eine Beteiligung an der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz nachzuweisen. All die Jahre hatte er ein wasserdichtes Alibi dafür in der Hinterhand: Seine Festanstellung zur Tatzeit in Essen unter falschem Namen, in einer Klodeckelfabrik. Doch erst 1980 rückte er damit heraus – als er jene fünf Jahre U-Haft abgesessen hatte, um die er wegen jener erwiesenen Beschuldigungen sowieso nicht herumgekommen wäre. Unmittelbar danach kam er frei.
Berliner Typen
In seinen späten Jahren betätigte er sich als Kolumnist der „taz, als Fahrradkurier – und als gefragter Gesprächspartner, etwa in einer Talkshow zum Thema „Gutes Benehmen“, in der er Hans Matthöfer mit Zaubertinte „beschoss“ und dafür vom Bundesfinanzminister mit Rotwein übergossen wurde. Zu sc“haffen machte ihm seine fortschreitende Parkinson-Krankheit. Im Juli 2010 starb er. Bestattet wurde er auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße.


