Ein Relikt hatte es lange noch gegeben. Den großen Tisch. Irgendwie war man in der „tageszeitung“ (taz) froh und stolz, an diesem geschwungenen, 5,50 Meter langen Monstrum elf Jahre lang die Redaktionskonferenzen, Plenarsitzungen, Smalltalk und lautstarkes Gezänk abgehalten zu haben. Von der ersten taz-Ausgabe an, im April 1979. Seit Mitte der 80er-Jahre gekocht wurde, war mittags um ihn herum Kantine, für Spaghetti Bolognese oder Polnischen Sauerkrauttopf.
Der Tisch hatte nämlich Geschichte. Ende der 60er-Jahre war er das Zentralmöbel der „Kommune I“ in der Moabiter Stephanstraße gewesen, der Ur-WG der linken Berliner Szene. Und wer weiß, was sich auf ihm alles abgespielt hatte, damals, in der Kommune. Gruppensex? Bombenbasteleien? Haschischplätzchen-Bäckereien? Wohl kaum, aber Witze darüber kursierten natürlich. So oder so: Der Tisch war das einzige überhaupt, was es aus jener legendären Instanz aus der großen Zeit der 68er noch gab. Doch dann war er plötzlich weg, in der Wendezeit. Gestohlen von Besetzern eines Hauses im Osten, zur Strafe für unliebsame Berichterstattung über sie, in einer Nacht- und Nebelaktion. Von „Rotzlöffeln“, wie die taz-Redaktion in einem offenen Brief an die Diebe schrieb. Das große Erbe tauchte nie wieder auf, irgendwann hieß es, der Tisch sei verbrannt.
Doch auch in der Redaktion konnte man insgeheim nur eingestehen: Die Kommunarden von damals hätten darüber gelacht, vielleicht sogar Beifall geklatscht, öffentlich versteht sich, denn man war ja wer. Und alle Zeitungsfritzen hätten sich gefragt: Was sagen Rainer Langhans und Dieter Kunzelmann dazu? So war es jedenfalls gut 20 Jahre vorher, zur großen Zeit der Kommune I. Jeden Vormittag stand die Zeitungsschnipselei auf dem Programm, ausschneiden und abheften, was die Presse schon wieder über sie, die Anarchisten, die Eigentumsverächter, die „Terroristen“, geschrieben hatte. Die, die zwischendurch auch noch im Rotlichtviertel am Stuttgarter Platz hausten.
Wenn mal nichts drinstand, konnte man sich ersatzweise etwa über einen Brief amüsieren, den einer von ihnen, Dieter Kunzelmann, vom Vater bekommen hatte: „Letztmals einige Zeilen von mir. Dein Denken ist derart irreal, dass ich mich frage, ob du nicht ein Fall für den Psychiater bist. Der von mir geleistete Zuschuss entfällt mit sofortiger Wirkung.“ Natürlich konnte man den Brief kurz darauf auch in der Zeitung lesen. Und das mit dem Zuschuss war nicht so wild. Eine ihrer Mitbewohnerinnen, Uschi Obermaier, brachte als Fotomodell regelmäßig dreistellige D-Mark-Beträge in die gemeinsame Kasse. Für Interviews oder den Abdruck väterlicher Briefe kassierte man auch nicht schlecht. „Erst blechen, dann sprechen“, stand als Hinweis für die Reporter an der Flurwand.
Als Mao-Bibeln von der Gedächtniskirche flogen
Und wenn doch mal wieder Ebbe war, fuhr man in den Osten zur chinesischen Botschaft, markierte den Maoisten, holte sich umsonst kartonweise Mao-Bibeln und verhökerte sie auf dem Campus – oder schmiss sie einzeln vom Dach der Gedächtniskirche, womit man wieder eine gute Story zu verkaufen hatte. Solche „Happenings“ waren an der Tagesordnung, jeder Anlass war da recht. Auch die Trauerfeier 1967 für den gerade verstorbenen früheren Reichstagspräsidenten Paul Löbe (SPD) vor dem Schöneberger Rathaus, als urplötzlich ein Sarg in der Menge auf kräftigen Schultern auftauchte, aufklappte, daraus Kunzelmann im Nachthemd aufstieg und Flugblätter in die Menge warf: „Freiheit für Teufel!“ (Fritz Teufel saß zu der Zeit wegen eines Steinwurfs ein). Das Bild mit den Polizisten ringsherum, die mit ihren Armen ruderten, um das Nachthemd zu packen, amüsierte oder schockierte, wahlweise. Oder die Sache mit dem Attentat auf US-Vizepräsident Hubert Humphrey bei dessen Berlinbesuch. Als einige Kommunarden angebliche Bomben gebastelt hatten, durch einen V-Mann aufgeflogen waren, verhaftet wurden, die Presse diesseits und jenseits des Atlantiks in Wallung geriet – und sich dann herausstellte, dass man nur Wurfbeutel mit Pudding abgefüllt hatte, und alle wieder freikamen. „BZ“ und „Abendschau“ mussten ihre Mikrofone nur irgendwo in Berlin einschalten, um die Stimmen des Volkes einzuholen: „Die sollen doch nach drüben gehen“, „Festhalten und Haare abschneiden“, „Unter Adolf hat es sowas nicht gegeben“. Der „kleine Mann“ auf der Straße – der wichtigste Nährboden für die Kommune. Jimmy Hendrix, der prominente Besuch, gehörte natürlich auch dazu.
Es fragt sich schon, warum die Kommune nie ins Kino kam, bei all dem Rummel, den sie damals in den Medien verursacht hatte. Ein Film über Uschi Obermaier, natürlich, den gab es („Das wilde Leben“, 2007), weil sie im Zentrum so vieler öffentlicher Fantasien über das Kommune-Leben stand, und später die Wahl hatte zwischen Mick Jagger und Keith Richards. Aber eben keinen über die Gruppendynamik dieses Wohnmodells. Womöglich traute sich ja auch keiner daran, weil alles doch nicht so war, wie man sich das vorgestellt hatte. Weil die Kommune selbst eine eher profane Mischung aus „Big Brother“ („wer fliegt als erster raus?“) und „Dschungelcamp“ („holt mich hier raus!“) war. Ein lebendes Medienereignis, auf das viele Projektionen gerichtet waren. Die Kommune I war der Prototyp des Geschäftsmodells Paris Hilton.
Natürlich propagierte man damals, wo immer man danach gefragt wurde, die „freie Liebe“, die Überwindung der spießigen Zweierbeziehung. Heute bezeichnet Rainer Langhans, der Libertäre, der schon allein durch seine – dann doch weitgehend exklusive – Beziehung zu Uschi Obermaier ein Alpha-Kommunarde war, in einem Fernsehinterview das alles als „Missverständnis“ mit der freien Liebe. „Wir haben der Presse gesagt: Na gut, schreibt es ruhig …“ Klar, sie selbst profitierten ja davon. Der einzige allerdings, der ständig wechselnde Partner hatte, war Fritz Teufel. Doch sein Treiben mit Groupies, durchweg Schülerinnen, war den anderen nicht geheuer, sodass man ihn vor die Tür setzte.
Zumindest in dieser Hinsicht kam also das ins Stocken, was Dieter Kunzelmann, der Ideologe vom Dienst, in seinen „Notizen zur Gründung revolutionärer Kommunen in den Metropolen“ niedergeschrieben hatte: „den Menschen des 21. Jahrhunderts zu schaffen“. Als Arbeitsgrundlage in der Vorlaufphase, als man sich getroffen hatte, um die Grundpfeiler des neuen Lebens in der Frontstadt festzuklopfen. In einer Villa am Kochelsee von einem Textilfabrikanten, dem Vater eines SDS-Mitgliedes. Da war auch Rudi Dutschke noch dabei, im Sommer 1966. Der Chefideologe des SDS war schon vor dem Beginn skeptisch, schwänzte manche Sitzung, um – Allroundsportler, der er war – im Fernseher die Fußball-Weltmeisterschaft zu verfolgen. Mit ihm ging es nicht, das wurde schnell klar, er hatte sich seiner Gretchen verschrieben, war verheiratet.
Natürlich hatte die Kommune als Faszinosum, das ausstrahlte als Vorbild für Tausende Wohngemeinschaften in den Städten und später auf dem Land, viel beigetragen zur Überwindung der Prüderie in der Adenauerzeit oder der Steifheit an den Unis, wo sich die Studenten vor Kurzem noch gegenseitig gesiezt hatten, beigetragen auch zum neuen Selbstbewusstsein gegenüber Autoritäten, verdienten wie zweifelhaften, als Ideengeber für gemeinschaftliches Handeln und Eigentum.
Ob das Leben in der Kommune diesen Kriterien tatsächlich entsprach, war dafür ja egal. Natürlich stand dahinter auch ein universell politischer Anspruch, auch das Private war politisch, wenn es um den neuen Menschen ging. Andererseits: Man war tolerant, Uschi Obermaier, die bei den Gruppensitzungen regelmäßig einschlief, galt als unpolitisch, was ja auch schon einiges sagte über das Verhältnis zu immerhin der Hälfte der zwei weiblichen Mitglieder. Aber die Sex-Ikone durfte, ja sie sollte natürlich bleiben, auch wenn dem grummelnden Kunzelmann das Alpha-Gespann Langhans-Obermaier nicht in den Kram passte. Irgendwann ging sie dann doch. Wie andere Frauen. Auch wenn dafür wieder neue kamen, sie blieben stets extrem unterrepräsentiert. An Quoten dachte damals noch niemand. Sowas war noch „Nebenwiderspruch“.
Doch überhaupt, wie politisch war etwa der Polit-Hengst Kunzelmann selbst eigentlich, wenn er mit dem Spruch kokettierte: „Was geht mich der Vietnamkrieg an, solange ich Orgasmusschwierigkeiten habe?“ Heute darf man vermuten: Diese Probleme hatten mit der Gruppenstruktur zu tun, mehr jedenfalls als mit dem US-Imperialismus in Fernost. Andererseits haben wir damals auch gelernt: Der Orgasmus gehört zu den hochpolitischen Angelegenheiten. Und es war auch nicht so, dass der Vietnamkrieg keine Rolle spielte. Natürlich war er, in seiner schlimmsten Phase Ende der 60er-Jahre, sinnstiftend für die Kommune und ihre öffentlichkeitswirksamen Aktionen, die Happenings. Als der Protest immer lauter wurde. Bei dem der Kommunarden stand natürlich der Spaßfaktor im Vordergrund. Doch irgendwo hörte der Spaß auf, auch wenn sie das selbst nicht einsahen.
Am 22. Mai 1967 kamen bei einem Kaufhausbrand in Brüssel 322 Menschen ums Leben. Zwei Tage später zirkulierte in Berlin ein Flugblatt der Kommune I, in dem es unter der Überschrift „Warum brennst Du, Konsument?“ hieß: „Ein brennendes Kaufhaus mit brennenden Menschen vermittelt zum ersten Mal in einer europäischen Großstadt jenes knisternde Vietnamgefühl (dabeizusein und mitzubrennen), das wir in Berlin noch missen mussten.“ Bei allem Mitempfinden für die Hinterbliebenen könne man „dem Kühnen und Unkonventionellen, das, bei aller menschlichen Tragik im Brüsseler Kaufhausbrand steckt, unsere Bewunderung nicht versagen.“ In einem weiteren Flugblatt stellten die Autoren die Frage: „Wann brennen die Berliner Kaufhäuser?“ und schlossen mit der Aufforderung: „Burn, warehouse, burn.“
Irgendwann kamen Andreas Baader und Gudrun Ensslin vorbei
So verknöchert und illiberal schien die Justiz damals gar nicht mehr gewesen zu sein: Gute Rechtsanwälte konnten das Machwerk einem Richter als Satire verkaufen, die wegen Anstiftung zur Brandstiftung angeklagten Autoren wurden freigesprochen. Das mit der Anstiftung hat dann doch irgendwie geklappt. Monate später kreuzten Andreas Baader und Gudrun Ensslin in der Kommune auf, man ventilierte den Gedanken, tatsächlich ein Kaufhaus in Brand zu stecken – und schritt einige Woche später zur Tat. Zwar legten die beiden (mit zwei weiteren Kumpanen) dann ihren Brandsatz in ein Frankfurter Kaufhaus nachts, sodass kein Mensch verletzt wurde, aber die Tat gilt als Geburtsstunde der RAF. Für Bommi Baumann, den Kommune-Proletarier, war sie Ausdruck der Rivalität zwischen Baader und den Männern der Kommune I: „Wer die knallhärtesten Taten bringt, der gibt die Richtung an“. (Noch-)Kommunarde Fritz Teufel, der wie Baumann später bei der RAF-Konkurrenz „Bewegung 2. Juni“ mitmachte (während sich Kunzelmann der Terrorgruppe „Tupamaros West-Berlin“ anschloss), kommentierte damals: Es sei „immer noch besser, ein Warenhaus anzuzünden, als ein Warenhaus zu betreiben“.
Es war dies der Punkt, an dem sich die linken Geister schieden – und an dem bis heute bei der Vergangenheitsbewältigung der Linken gestritten wird. Peter Schneider, 1968 einer der führenden Köpfe der Studentenbewegung, längst aber auf Distanz zu damaligen Auswüchsen, schrieb 2008 in seinem sehr lesenswerten Buch „Rebellion und Wahn“: Er habe soeben zu seiner – offenbar unangenehmen – Überraschung in alten Aufzeichnungen lesen müssen, dass er damals zu den Sympathisanten der Flugblattschreiber gehört habe. Heute fragt er, selbstkritisch: „Warum haben es diejenigen Genossen, die die Flugblätter damals schon abscheulich fanden, nicht vermocht, vor die Kommune I am Stuttgarter Platz zu ziehen und die Türen und Fenster wie gelernt mit Eiern, Tomaten und roten Farbbeuteln zu bewerfen?“
Das übernahmen dann andere, auf ihre Weise. Im November 1969 überfielen Rocker die Räume der Kommune und verwüsteten sie. Das war ihr Ende. Nach 35 Monaten.

