Lange haben die Eltern nichts von ihren Kindern gehört. „Die studieren in Berlin“, sagen sie, wenn sie daheim in Erlangen, Ludwigsburg oder Schwäbisch-Hall auf ihre Söhne und Töchter angesprochen werden.
Es ist weit damals, 1967, von West-Deutschland nach West-Berlin – eine volle Tagesreise auf der Transitstrecke oder im Interzonen-Zug. Die Eltern können nicht mal kurz vorbeischauen. Sicher, sie können ihren studierenden Kindern schreiben, doch nichts kommt zurück. „Lieber Fritz! Ich weiß nicht, ob Du Dir vorstellen kannst, wie einer Mutter zumute ist, die Tag für Tag zum Briefkasten rennt, in der Hoffnung, endlich einen Brief aus Berlin von Dir zu bekommen.“
Der liebe Fritz, das ist Fritz Teufel, Mitgründer der Kommune 1. Ein Protest-Popstar der ersten Stunde, bald eine Ikone für linke Studenten und Schüler.
Bomben aus Buttercreme
Dann plötzlich erfahren die Eltern in ihrer westdeutschen Provinz mehr über ihren verschollenen Nachwuchs, als ihnen lieb ist. Die Presse ist voll von spektakulären Berichten über die neu gegründete Kommune 1. „Sie basteln Bomben aus Buttercreme und halten sich für den Sprengstoff unserer Zivilisation. Sie verachten Arbeit als ,Schande‘ und das Arbeiterparadies DDR als ,bürgerlichen Idiotenhaufen‘. Sie predigen Hass gegen die Bundesrepublik und die freie Liebe auf der gemeinsamen Bude.“
So beginnt der „Stern“-Artikel vom April 1967, dazu ein doppelseitiges Foto der Kommune 1. Die jungen Herren noch im Jackett, mancher sogar mit Krawatte, das Haar gescheitelt, die Bärte gestutzt; die beiden weiblichen Kommunarden im braven Ingeborg-Bachmann-Style. Verlottert? Noch nicht. Zwei Jahre später erst entstehen die Fotos der nackten Uschi Obermaier, von Matratzenlagern und jungen, am helllichten Tag verschlafenen Männern mit frei hängendem Gemächt.
Die Eltern daheim spüren, ihre Kinder driften ab. Im „Stern“-Artikel wird klar, das Studium interessiert in der Kommune keinen. Die Eltern schreiben flehende Briefe nach Berlin, um zu retten, was zu retten ist. „Gut, wenn Du nicht kannst, dann such Dir einen praktischen Beruf aus, dem Du gewachsen bist, aber Nichtstun, faulenzen, nur weil Du das Leben in Deinem Grüppchen bequemer und interessanter findest, das kann ich nicht anerkennen“, schreibt der Vater von Volker Gebbert. Er gibt sich durchaus Mühe, den Sohn zu verstehen, hat sich sogar durch die „Kritik der reinen Toleranz“ gemüht. Wohlwollend ist er, doch die Art des Protests – freie Liebe, Puddingattacken, Ladendiebstahl –, die versteht er nicht: „So wie jetzt hält man Euch nur für schlampige, faule Gammler.“
Der Sohn wird einfach enterbt
Andere Väter wie Otto Kunzelmann lassen ihrer Wut freien Lauf. Er fühlt sich von Sohn Dieter belogen. „Der Skandale und Skandälchen sind es nun genug. Was ich im ,Stern‘ gelesen habe, reicht mir. Du bist auch fähig, ohne Rücksicht auf Deine Eltern, auf Deine Großmutter und Deine Geschwister ein Leben zu leben, welches unsere Tage mit Bitternis erfüllt.“ Der Sohn, schreibt er weiter, sei ein Fall für den Psychiater, so irreal sei sein spinnertes Denken.
Aber der Vater ahnt, dem Sohn sind die mahnenden Worte egal. „Ich ziehe also nun die Konsequenzen. Der von mir geleistete Zuschuss entfällt mit sofortiger Wirkung, für den Mai kommt also kein Geld mehr.“ Und die Enterbung werde in die Wege geleitet. Punkt. So redet der Sparkassendirektor Otto.
Noch steht der eigentliche Aufruhr erst bevor. Der Schah-Besuch, Benno Ohnesorgs Tod, die Kaufhausbrände. Was regt die Eltern so auf? Das In-den-Tag-Hineinleben, das die Kommune 1 zelebriert, die Kommune-Kasse („Jedes Privateigentum lehnen wir ab“) und natürlich der Jede-mit-Jedem-Sex. Rainer Langhans propagiert das Ende der Ehe: „Die sexuellen Probleme sind bei uns entkrampft“ – dank Liebe im Kollektiv. Eventueller Nachwuchs soll gemeinsam in der Kommune aufgezogen werden, kein blödes Papi und Mami mehr. Schwiegertochter, Enkelkinder – was ist das? Nichts soll bleiben, wie es war.
Und wie Du wieder aussiehst!
„Deine Eltern sind um Jahre gealtert und für Mutti fürchte ich das Schlimmste! Du weißt, wie sehr sie (und auch Vati, wenn er das auch niemals laut sagen würde!) an Dir hängen“, schreibt Fritz Teufels Schwester ihm nach Berlin. Die Kripo sei auch schon im Elternhaus gewesen und habe sich nach ihm erkundigt. Ein anderer Vater ermahnt seine Tochter Gertrud „letztmalig schärfstens, von dem radikalen Unsinn Abstand zu nehmen – und weiter nichts zu tun, als zu studieren.“
Nur ein Onkel, der seinen Neffen beim Fernseh-Interview mit der Kommune 1 entdeckt, zieht den Hut vor dem Trickser Teufel. „Da war kein Zweifel möglich, dass der eine davon Volker war. Er sagte dabei zwar nichts (Gottseidank), dafür hielt der bärtige „Revoluzzer“ verworrene Reden über Mao Tse Tung, Kommune und freie Liebe. Das war offensichtlich der Anstifter. Und die anderen sind auf seine Angeberei hereingefallen. Mir scheint dieser Versager und Faulenzer lebt auf Kosten seiner Anhänger ganz gut; denn die müssen nicht nur die Gelder in (seine) die gemeinsame Kasse liefern, sondern auch noch die Mädchen. So ein Schlauberger!“
Die Briefe wurden übrigens von den Kommunarden veröffentlicht, in denunzierender Absicht: Seht her, unsere blöden Spießer-Eltern! Das Nachwort der Kommune: „Das waren die Äußerungen unserer Nahestehenden. Sie sind seitdem versiegt. Zu den Schahgeschichten haben wir nichts mehr von ihnen gehört.“
Dank an das APO-Archiv in der FU




