Schon im letzten Jahr konnte Regina Ziegler ein Jubiläum feiern. Da wurde ihre Produktionsfirma Ziegler Film 50 Jahre alt. Sie war damit die erste und lange Zeit auch die einzige Produzentin des deutschen Films. Und musste sich in der Männerdomäne behaupten. Am 8. März nun wird sie 80 Jahre alt. Wir haben sie in ihrem Büro gesprochen.

Frau Ziegler, Sie werden 80. Wie fühlt sich das an?

Regina Ziegler: Nur weil man Geburtstag hat, wird man nicht älter. Es fühlt sich rund an. Die 8 ist auch nur eine 0, die sich zur Schleife verändert. Und für Veränderungen bin ich immer zu haben.

Wie werden Sie den Geburtstag begehen?

Mit Menschen, die ich mag. Und was den Tag ausmachen wird: Ich wollte mein Leben lang selbst eine Geburtstagstorte kreieren. Nun habe ich‘s getan und sie im Kuchenladen in der Kantstraße bestellt. Obendrauf eine Filmklappe „80 - die erste.“ Diesen Geburtstagswunsch erfülle ich mir selbst.

Andere sind in diesem Alter längst in Rente. Sie nicht. Wie viel arbeiten Sie heute noch?

Rund um die Uhr. Was soll ich denn sonst machen? Das Schönste ist doch, Filme zu produzieren. Kürzlich erst startete unsere Serie „Sebastian Fitzeks Die Therapie“, die kommt auch im Ausland hervorragend an. Gerade haben wir Sebastian Fitzeks „Heimweg“ abgedreht. Mit Friedrich Mücke, Luise Heyer und Sabin Tambrea unter der Regie von Adolfo Kolmerer. Wir produzieren neue Folgen von „Lena Lorenz“ und „Familie Bundschuh.“ Und ich möchte „Elternabend“ von Fitzek ins Kino bringen.

Produzentin Regina Ziegler mit Lebenspartner Wolf Gremm 1976 in Berlin.
Produzentin Regina Ziegler mit Lebenspartner Wolf Gremm 1976 in Berlin.© picture alliance / Sammlung Richter | Sammlung Richter

Ist Arbeit etwas, das Sie fit hält?

Ja, unbedingt. Ich mache auch Sport. Drei Mal die Woche, mit Kurt, meinem Trainer. Das muss man auch tun, wenn man, wie ich, fit wie ein Turnschuh sein will. (lacht) Deshalb hatte ich auch nie Angst vor dem Älterwerden. Auch meine Mutter Trude, die Journalistin war, ist noch mit 70 auf dem Moped in Schaumburg-Lippe rumgefahren, um die Pläne der Stadtverwaltung von Obernkirchen rauszukriegen.

Half die Arbeit auch über den Verlust Ihres Mannes Wolf Gremm hinweg?

Natürlich. Ich weiß nicht, was ich sonst gemacht hätte. Ich habe mich erst recht in die Arbeit hineingestürzt.

Als er im Sterben lag, haben Sie aber erstmals überlegt, sich aus Ihrer Firma zurückzuziehen.

Was er aber vehement verboten hat. Meine Familie und mein ganzes Team haben mich in der Zeit unterstützt und entlastet. Dafür bin ich dankbar. Mit manchen bin ich in der Zeit auch sehr eng geworden. Wir kommen gemeinsam in die Jahre, das macht uns aber auch stark.

Die Lady in Red: Rot war immer das Markenzeichen von Regina Ziegler, hier mit der Schauspielerin Thekla Carola Wied.
Die Lady in Red: Rot war immer das Markenzeichen von Regina Ziegler, hier mit der Schauspielerin Thekla Carola Wied.© picture alliance/United Archives | Valdmanis

Ihr Geburtstag fällt zusammen mit dem Weltfrauentag. Ist das etwas, was Sie freut?

Na und wie! Den Weltfrauentag gab es ja erst wieder seit 1947, das konnte meine Mutter noch nicht ahnen. Aber sie wollte unbedingt, dass ich am 8. März geboren werde. Um 23:51 Uhr hatten wir es geschafft. Sie wollte auch, dass ich ein Mädchen werde. Und hatte sich schon den Namen ausgesucht. Wäre es ein Junge geworden, hätte er wohl Reginald geheißen.

1975 hat die UN die „Dekade der Frau“ ausgerufen. Das war nur zwei Jahre, nachdem Sie Ihre Produktionsfirma gegründet haben. Sahen Sie sich da als eine Art Vorzeigefigur?

Das müssen andere beurteilen. Es gibt Leute, die meinen, dass ich das bin. In meinem Büro stehen ja auch ein paar Preise herum, z.B. der Emmy, die Goldene Rose von Montreux und die Goldenen Nymphe von Monte-Carlo. Wenn schon durch die Wüste gehen, dann Spuren hinterlassen. Ich war eben die erste deutsche Filmproduzentin. Was neuerdings auch öfter erwähnt wird als früher.

Wie schwierig war das in den 70er-Jahren, sich als einzige Frau in einer Männerdomäne, quasi als Delphin im Haifischbecken zu behaupten?

Einfach war das nicht. Man musste sich immer was einfallen lassen. Zumal ich ja auch kein Geld im Rücken hatte. Ich hatte zuvor beim Sender Freies Berlin als Redaktions- und Produktionsassistentin gearbeitet, aber da hatte ich noch keine direkten Kontakte. Ich bin deshalb drei Tage lang beim ZDF im Fahrstuhl hoch- und runtergefahren, um Leute anzuquatschen und mich ihnen vorstellen zu können. Meinen ersten selbstproduzierten Film „Ich dachte, ich wäre tot“ musste ich ohne Senderbeteiligung realisieren. Als er dann mit so großem Erfolg im Filmkunst 66 lief, einem Kino, das uns heute gehört, wollte ihn plötzlich jeder Sender haben. 1977 habe ich dann für den WDR „Die große Flatter“ produziert, heute würde man das ein TV-Event nennen. Das bekam viele Preise. Plötzlich hatten wir das Gefühl, wir könnten die Welt auf den Kopf stellen. Aber die ersten vier Jahre waren schon verdammt hart. Da habe ich nebenher Waschmaschinen und Hormonpillen verkauft. Aber ich wollte auch immer Haltung zeigen. Das war mir sehr wichtig. Du musst für was stehen.

Regina Ziegler mit ihrer Tochter Tanja Ziegler. Sie ist in ihre Fußstapfen getreten und selbst als Produzentin erfolgreich.
Regina Ziegler mit ihrer Tochter Tanja Ziegler. Sie ist in ihre Fußstapfen getreten und selbst als Produzentin erfolgreich.© picture alliance / SZ Photo | Johannes Simon

Sie haben dabei auch die Waffen einer Frau eingesetzt, wie Sie in Ihrer Autobiographie verraten haben.

Die beste Methode, um wahrgenommen zu werden, war der Stöckelschuh. Ich hatte die höchsten, die man haben konnte. Damals hatte ich, wie Ruth Maria Kubitschek mir bescheinigte, tolle Beine. So bin ich während der Berlinale einmal in die Paris-Bar gestöckelt und wurde dort Jack Nicholson vorgestellt. Er stand auf, ich war einen Kopf größer - mit den Schuhen ohnehin - und er hat mir die Hand geküsst. Die wollte ich dann drei Tage lang niemandem mehr geben.

Sie waren auch die „Lady in Red“, haben immer knallrote Garderobe getragen. War auch das eine Methode, um aufzufallen?

Nee! Das war Wolf, der sagte: Rot steht dir so gut, das musst du immer anziehen. Ich dachte, jeden Tag geht nicht. Aber Wolf hat das durchgesetzt. Er hat mir auch immer, wenn er irgendwo gedreht hat, etwas Tolles zum Anziehen mitgebracht, etwa ausgefallene Hüte bei einer New Yorker Hutmacherin entdeckt. Er hat mich schon sehr verwöhnt.

Wie sehr hat sich das seither gewandelt, was Frauen in leitenden Positionen angeht?

Es hat sich schon etwas getan. Denken Sie nur an die Präsidentin der Europäischen Kommission oder an unsere Außenministerin. Auch Angela Merkel ist ein starkes Vorbild. Es gibt Frauen, die etwas zu sagen haben. Aber in Relation viel zu wenige. Die Männer könnten ruhig ein bisschen mehr abgeben. Also: Es hat sich viel verändert. Aber man muss noch nicht zufrieden sein.

Die verrücktesten Dreharbeiten hatte Regina Zigeler mit der Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian“ (1980) mit Hans Peter Hallwachs.
Die verrücktesten Dreharbeiten hatte Regina Zigeler mit der Erich-Kästner-Verfilmung „Fabian“ (1980) mit Hans Peter Hallwachs.© picture-alliance / dpa | Ziegler-Film

Sie waren nicht nur die erste und lange die einzige Frau in der deutschen Filmproduktion, sondern auch eine der wenigen, die in Berlin blieben, während der Großteil des deutschen Films zu Mauerzeiten in den Westen abgewandert ist.

Ich kam 1964 nach Berlin. Ich könnte also noch ein Jubiläum feiern. Damals war ich ja noch das Landei. Aber das war dann ganz schnell auch meine Stadt. Und was haben wir nicht alles angestellt, um hier zu drehen. Wolf und ich, wir hatten auch ein paar Mal Möglichkeiten, aus Berlin wegzugehen. Vielleicht hätte ich das auch machen sollen. Aber nein, wir blieben. Demonstrativ. Ich produziere auch weiter in Berlin. Aber die Stadt macht es einem nicht leicht. Und wenn die Voraussetzungen sich nicht ändern, werde ich den nächsten Film woanders drehen.

Welcher Ihrer Filme ist Ihnen der wichtigste? Ist es der erste, weil er gegen alle Widrigkeiten entstand? Ist es immer der aktuelle? Oder war es einer dazwischen?

Ihr größer Flop: das monumentale Schlachtenepos „Henri 4“ mit Julien Boisselier in der Titelrolle (2010).
Ihr größer Flop: das monumentale Schlachtenepos „Henri 4“ mit Julien Boisselier in der Titelrolle (2010).© picture-alliance/ dpa | DB Ziegler Film GmbH

Wenn man die Wertigkeit eines Films bemisst, geht es nicht nur darum, wie er geworden ist, sondern auch, was man mit ihm durchgemacht hat. Da nimmt „Ich dachte, ich wäre tot“ sicher eine Sonderstellung ein. Es ist der erste Film auf Pump gewesen. Und leihen Sie sich mal 150.000 Mark in kurzer Zeit ohne regelmäßige Einkünfte zusammen. Aber die verrücktesten Dreharbeiten hatte ich mit der Verfilmung von Erich Kästners „Fabian“. Den habe ich schon als Kind unter der Bettdecke gelesen, weil meine Mutter meinte, das sei keine Lektüre für mich. Schon die Rechte zu bekommen, war eigentlich unmöglich, weil Kästner sie jeweils zur Hälfte seiner Frau und seiner Geliebten vermacht hatte. Da habe ich Wolf als Wunderwaffe eingesetzt. Dann ist aber eine Finanzierungszusage geplatzt und ich saß da und wusste nicht, wie ich sechs Millionen zusammenkriegen sollte. Aber ich habe es geschafft. Und bin noch heute stolz auf diesen Film.

Und was war Ihre schlimmste Niederlage? Die Heinrich-Mann-Verfilmung „Henri 4“?

Da gab es mehrere. „Henri 4“ war sicher eine. Weil ich den Roman unbedingt verfilmen wollte und auch daran geglaubt habe. Das war eine schmerzvolle Erfahrung. Aber der hatte später bei Arte die höchsten Einschaltquoten, die der Sender je hatte. Das ist also alles relativ. Ich hatte auch andere Niederlagen. Und ich bin kein Eisen, an dem alles abprallt, im Gegenteil. Ich bin Sternzeichen Fisch, der ist immer empfindlich. Ich versuche allerdings, das mit mir allein auszutragen. Vor anderen bin ich lieber der Haudegen.