Endzeitfilme sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Immer schon haben sie an unsere Urängste gerührt, haben diese aber eben in eine gänzlich ferne, überzogene, dystopische Welt transponiert. So weit von uns, dass man das doch auch als Popcornkino genießen konnte. Wie „Mad Max“, der damit ein ganzes Subgenre begründet hat.
Nun hatte am Mittwoch der neueste „Mad Max“-Film in Cannes Premiere, der schon nächste Woche, am 23. Mai, in unsere Kinos. Aber unweigerlich schaut man diese Postapokalypse anders. Denn irgendwie könnte sie schon so aussehen, die nahe Zukunft, nach dem Klimawandel, eine einzige ausgetrocknete Welt, in der sich die letzten Überlebenden um die letzten Ressourcen bekriegen.
Eine moderne Odyssee - Zurückkehren, egal wie lang es dauert
Dabei befinden wir uns anfangs noch in einem Garten Eden. Einem der letzten Zipfel, in der es noch grünt und Bäume wachsen, die Schatten spenden. Aber gleich erleben wir den Sündenfall: Da pflückt ein junges Mädchen einen Apfel. Und gleich noch einen. Das aber ist einer zu viel. Sie wird nicht aus dem Paradies verstoßen, aber verschleppt. Von einer finsteren Biker-Horde, die hier wildern.
Und schon ist man raus aus der Idylle. Und sieht für die nächsten zweieinhalb Stunden nur noch Wüste und Öde, gleißende Sonne und heißen Sand. Beherzt jagt die Mutter der Tochter hinterher, setzt einen Biker nach dem anderen außer Gefecht. Und kann ihre Tochter tatsächlich befreien. Ihr trichtert sie ein, dass sie in ihre Welt zurückkehren müsse. „Egal wie lange es dauert.“
Das ist dann auch schon die Inhaltsangabe von „Furiosa: A Mad Max Story“. Denn die Titelfigur ist das weibliche Zukunfts-Äquivalent des antiken Odysseus. Der brauchte nur zehn Jahre, um nach Hause zu kommen. Bei Furiosa sind es noch fünf mehr. Dabei muss sie anfangs erleben, wie ihre Mutter vor ihren Augen abgeschlachtet wird. Und wie sie von einem grimmigen Warlord, Dementus (Chris Hemsworth), an den anderen, Immortan Joe (Lachy Hulme), verschenkt wird.
Muss sich als Junge ausgeben, um nicht missbraucht zu werden. Muss, bevor sie ihre Fesseln abstreifen kann, erst eine der besten Kämpen ihres Herrn werden. Und, bevor sie ihre alte Welt sucht, noch eine andere Aufgabe erledigen: sich an Dementus rächen. Das ist das ruppige Gerüst für eine Verfolgungsjagd und eine Schlacht nach der anderen, durch die ewigen Weiten Australiens, mit immer bulligeren Bewegungsmitteln. Aufs Gas drücken und Staub aufwirbeln. Eine einzige Sinfonie in Sandorange. Mit grimmigen Fleischpalästen, die kein Pardon kennen und doch ziemlich alt aussehen zwischen der zierlichen Frau zwischen ihnen.
Zum ersten Mal bei „Mad Max“ steht eine Frau allein im Zentrum
„Mad Max“ ist noch keine Homersche Odyssee, aber eine ikonische Kino-Saga ist es schon. George Miller begann sie vor 45 Jahren mit „Mad Max“, der nicht nur für ihn der Durchbruch war, sondern auch Mel Gibson zum Star machte. Bis 1985 gab es zwei weitere wüste Abenteuer, dann war Schluss. Bis Miller sich 30 Jahre nach dem letzten Film an eine Neuversion wagte.
Nicht mehr mit Gibson, der war nun wirklich zu alt als Heroe, sondern mit Tom Hardy. Der wurde aber quasi von links überholt von einer weiblichen Kriegerin mit nur einem Arm: Furiosa, verkörpert von Charlize Theron. Mit „Mad Max: Fury Road“ hat Miller seine alte Trilogie 2015 bereichert und auf den tricktechnisch neuesten Stand gebracht. Mit seinem alten Stab hat er neue, herausragende Bilder geschaffen. Und klug auf eine weibliche Heldenfigur gesetzt, die dem altbekannten Maxe auch ziemlich die Schau stahl.
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Klar, dass bei dem Erfolg an den Kinokassen und sogar einigen Oscars, noch ein Film folgen musste. „Furiosa“ ist aber keine Fortsetzung, sondern ein Prequel. Das nun die Vorgeschichte dieser komplexen einarmigen Amazone erzählt. Der Film ist also auch für Neueinsteiger geeignet, die nicht das Vorwissen mitbringen. Der Name steht zwar noch drauf, aber dies ist der erste „Mad Max“-Film ohne Mad Max. Und der erste, in der eine Frau allein im Zentrum steht.
Eigentlich sollte die wieder von Charlize Theron gespielt werden. Aber weil George Miller sich immer wieder mit seinem Filmstudio künstlerisch überwirft (und dann doch wieder einigt), hat sich die Produktion lange verzögert. Man überlegte, Theron digital zu verjüngen, ist davon aber glücklicherweise wieder abgekommen. Stattdessen darf nun eine Jüngere ran: Anya Taylor-Joy.
Chris Hemworth parodiert sich selbst und Charlton Heston als Moses und Ben Hur
Die ist seit der Serie „Das Damengambit“ das heiße It-Girl in Hollywood und hatte zuletzt im Blockbuster „Dune: Part Two“ einen Auftritt, der sich im dritten Teil zu einer Schlüsselrolle auswachsen wird. Schon „Dune“ ist eine Überwältigungs-Sandoper in Orange. Wie nun auch „Furiosa“. Da hat man noch ein Déjà-vu. Und wartet manchmal auf den Sandwurm. Aber das wäre der falsche Film.
Eine ganze Stunde dauert es, bis aus dem kleinen Mädchen die erwachsene Furiosa wird. Und eine weitere, bis sie ihren Arm verlieren. Über weite Strecken muss Furiosa auch stumm bleiben. Aber das weiß sie mit ihren markanten Augen und Blicken wettzumachen, das ist beredter als das ständige kerlige Gegröle der Gegenspieler.

Allen voran Chris Hemsworth, der mal nicht den Guten spielt, sondern den fiesen Demetrius. Und damit zum einen seinen Donnergott Thor aus den Marvel-Superheldenfilmen parodiert, dann aber vor allem Charlton Heston. Erst in dessen Moses-Rolle, wenn er sein Volk durch die Wüste führt (und dabei eine Nasenprothese trägt, die die von Bradley Cooper in „Maestro“ noch übertrifft und eigentlich die nächste Empörungsdebatte über jüdische Klischees entfachen müsste). Dann aber auch in dessen Paraderolle als Ben Hur, wenn er wie dieser einen Streitwagen lenkt. Nur dass nicht Rosse davor gespannt sind, sondern drei Motorräder. Eine der schönsten Bildideen.
Cannes rollt auch Kinospektakeln den roten Teppich aus
Taylor-Joy und Hemsworth, sie kamen beide nach Cannes. Und brachten die Croisette zum Brummen. Da konnte das Filmfestival mal wieder Glamour satt bieten. Und man kann dabei studieren, warum die Berlinale gegen Cannes so abstinkt. Die hätte ja, so heißt es, im Februar auch „Dune 2“ haben können, soll aber die Nase gerümpft haben.
Ist ja nur Science-Fiction. Ist ja nur eine Fortsetzung. In Cannes dagegen wird nicht nur dem altehrwürdigen Autorenfilm, sondern eben auch dem Action- und Popcornspektakel ein breiter Teppich ausgerollt. Das war schon 2015 bei „Fury Road“ so und ist es jetzt bei „Furiosa“ wieder.

Fans werden auf ihre Kosten kommen. Der Haken ist nur: Bei Prequels weiß man weiß halt immer schon, wie‘s weitergeht. Um Furiosa muss man daher nie bangen, sie muss ja überleben. Wer der beiden Warlords aber um die Vorherrschaft der letzten Ressourcen reüssiert, weiß man auch, weil es in „Fury Road“ einen Immortan Joe gab, aber keinen Dementus. Und: Miller spielt zwar meisterhaft mit Zitaten und Versatzstücken, weiß seiner Saga aber außer dem Perspektiv- und Geschlechterwechsel nichts wirklich Neues hinzuzufügen.
Ein unterhaltender, achtbarer Film, aber auch nicht mehr
Darüber kann auch kein Dauerstakkato an Knallern und pyrotechnischen Effekten hinwegtäuschen. Mit „Fury Road“ hat Miller, nach drei Dekaden, noch mal einen - ja, das Wortspiel darf schon sein – furiosen Neustart hingelegt. Es wäre ein würdiger Abschluss gewesen, für die Saga wie für ihn. Jetzt, mit 80, legt er nur noch mal nach. Ein achtbarer, unterhaltender Film, der die Reihe würdig fortspinnt und nicht verrät. Aber irgendwie ist doch auch etwas Sand ins Getriebe gekommen.
Action, USA 2024, 148 min., von George Miller, mit Anya Taylor-Joy, Chris Hemsworth, Tom Burke, Nathan Jones



