Filmkritik

Bei „Mad Max“ wird zwei Stunden lang Gas gegeben

„Mad Max: Fury Road“ spielt nicht mehr in Australien. Auch Mel Gibson ist nicht mehr mit von der Partie. Und doch besticht der Film, weil er auch auf Spezialeffekte verzichtet. Die Stunts sind echt.

Foto: Cannes Film Festival,Ho / dpa

Kein Mel Gibson zu sehen. Im Vorspann stand er sowieso nicht. Aber ein kurzer Überraschungsauftritt hätte dennoch drin sein können. Beim neuen „Star Wars“-Film mischen die Helden von einst ja auch noch mal mit. Gibson aber wollte nicht. Als vor zehn Jahren eine erste Neuauflage von „Mad Max“ scheiterte, schmiss er hin. Als Action-Held taugt er wohl auch wirklich nicht mehr. Die alten „Mad Max“-Filme, drei an der Zahl, haben ja gleich dreierlei bewirkt. Sie haben ein ganzes neues Subgenre begründet, den Postapokalypse-Film, und mit Technikmüllautos und einem wüsten Mix aus Punk und Fetischkleidung auch gleich dessen Ausstattung festgeschrieben. Sie haben Australien auf die Weltkarte des Kinos gebracht, nicht mehr nur für den Kunstfilm à la Peter Weir oder Nicolas Roeg, sondern auch für satten Mainstream. Und nicht zuletzt legte „Mad Max“ den Grundstein für die Weltkarriere von Mel Gibson, dem Alphatier des Outbackkinos.

30 Jahre nach dem letzten „Max“, 30 Jahre nach Tina Turner und der Donnerkuppel ist nicht nur Gibson nicht mehr dabei. Auch das australische Hinterland dient nicht länger als Kulisse für die öde Wüste; gedreht wurde erstmals in Namibia. Das mag wie Verrat wirken. George Miller aber, Regisseur aller alten und auch dieses neuen Films, hat noch mal einen Gang zugelegt. Und beweist allen, die meinten, diese Art von Zukunftsschwarzmalerei sei längst Schnee von gestern, das Gegenteil. Wieder wird wie sinnlos um die letzten Tropfen Wasser und Benzin gekämpft. Wieder wird dabei eine ganze Menge Sand aufgewirbelt. Und beim Tempo hält sich „Mad Max: Fury Road“ getrost an „Speed“: Bloß kein Innehalten, bloß kein retarierender Moment. Hier wird dauernd und stetig aufs Gas gedrückt. Zwei Stunden lang eine einzige Verfolgungsjagd.

Mad Max als lebende Galionsfigur

Dem Titelhelden wird dabei gleich zu Beginn erst mal die berühmte Lederjacke entrissen, die er zur Marke gemacht hat. Ihm wird auch noch ein Maulkorb verpasst, als müsste er Anthony Hopkins als Hannibal Lecter beerben. Und so wird er vor ein Auto der bösen Jungs gekettet: als lebende Galionsfigur und Rammbock zugleich. Gejagt wird erst mal nicht Max Rockatansky, sondern, jetzt müssen die alten Fans ganz tapfer sein, eine ziemlich kampflustige Frau (Charlize Theron), die dem Oberschurken eine Handvoll Jungfrauen gestohlen hat, die den Nachwuchs an bösen Buben ausbrüten müssen. Zu den ziemlich attraktiven jungen Damen werden sich später noch ein paar alte Vetteln hinzugesellen. Und Mad Max macht mit dieser Frauenrotte gemeinsame Sache, nachdem er sich endlich befreien kann, seine Lederkluft zurückerobert und ganz allmählich als Tom Hardy zu erkennen ist. Der Mann ist seit „Inception“ und „Dark Knight Rises“ immer dann die erste Wahl, wenn es um physisches Spiel, um pures Fleisch geht.

„Mad Max“ hat 1980 mal als billiger Trash begonnen und ist immer teurer, immer mainstreamiger geworden. „Fury Road“ mit seinem 100-Millionen-Dollar-Budget will nun nichts weniger als dem Actionfilm seinen alten Glanz zurückerobern. Miller tut das mit einer so einfachen wie entwaffnenden Strategie: indem er den Rückwärtsgang einlegt. Weil er weitestgehend auf Computereffekte verzichtet und wieder auf reale, pure Stunts setzt. Das sind die Computer-Kids heute nicht mehr gewohnt. Plötzlich ist in jeder Szene wieder eine Roheit, eine Echtheit zu spüren, an dem es dem Kino derzeit so mangelt. Die Zuschauer sind längst müde von Effekten, die aus dem PC kommen. Also vergesst alle Marvelhelden. Mad Max sitzt wieder am Steuer.