Sie war eine Ausnahmesängerin mit einer unverwechselbaren Stimme. Und sie ließ nicht verbiegen und nichts vorschreiben. Aber dann ist Amy Winehouse 2011 mit nur 27 Jahren gestorben und gehört mit Janis Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison und Kurt Cobain zum fatalen Club der 27. Nächsten Donnerstag kommt nun die Filmbiographie „Back to Black“ ins Kino. Inszeniert hat ihn die Erfolgsregisseurin Sam Taylor-Johnson („Nowhere Boy“, „50 Shades of Grey“). Und in der Hauptrolle glänzt die Newcomerin Marisa Abela, die die Songs auch alle selbst gesungen hat. Die Uraufführung ist Montag in London, aber beide sind zuvor nach Berlin gereist, um den Film dort schon am Donnerstag in einem Special Screening in der Astor Filmlounge zu präsentieren. Wir sprachen die beiden Britinnen am Tag danach im Hotel Das Stue im Tiergarten.
Eine Frage, die Sie jetzt vermutlich ständig hören: Was hat Amy Winehouse, was hat ihre Musik Ihnen bedeutet – unabhängig vom Film?
Sam Taylor-Johnson: Ich fühlte vor allem eine starke Verbindung zu ihren Texten. Wenn du einen Song wie „Tears Dry on their Own“ hörst, gibt dir das ein Gefühl von Optimismus, Energie und Spaß. Aber wenn du auf den Text hörst, geht es um Schmerz und ein gebrochenes Herz. Diese Verbindung von Schmerz und Freude hat mich immer angezogen. Jeder Song ist anders, aber das scheint das verbindende Glied.
Marisa Abela: Das sehe ich ganz genauso. Ich war sehr jung, als ihre Musik rauskam. Ich habe sie ständig und ganz bewusst gehört. Und oft mitgesungen. Die Wucht der Gefühle hat mich gebannt. Sie war für meine Generation eine wirklich wichtige Persönlichkeit. Aber jetzt in die Frau hinter der Musik einzutauchen, war noch mal eine ganz neue Erfahrung.
Lesen Sie auch:Jella Haase über ihren Film „Chantal im Märchenland“
Ein Film über eine solche Ausnahmekünstlerin birgt viele Risiken. Fühlten Sie eine besondere Verantwortung, dem gerecht zu werden, hatten Sie auch Fracksausen?
Taylor-Johnson: Oja. Als mir der Film angeboten wurde, habe ich sofort zugesagt. Erst später wurde mir bewusst, was das eigentlich bedeutete. Ich fühlte eine immense Verantwortung. Nämlich die, sie zu schützen und zu feiern. Das sollte auf keinen Fall ein Film sein, der sie verurteilt oder ihr Schuld zuweist. Jeder, der ihre Musik liebt, der sie liebt, sollte sicher sein, dass wir sie ehren und nicht sezieren.
Abela: Ich spürte einen wahnsinnigen Druck. Aber mein Job als Schauspielerin ist, das in eine fokussierte Arbeit umzusetzen und etwas zu kreieren, das lebendig, atmungsaktiv und wie ein 360-Grad-Porträt sein sollte. Ich musste mich von dem Druck befreien, eine Ikone darzustellen. Denn ich glaube, Amy hat sich in ihrem Alltag nie als so gesehen, sie hat sich einfach als Frau, Künstlerin und Partnerin verstanden. Ich musste es schaffen, diese Elemente authentisch zu machen, anstatt sie auf einen Sockel zu stellen.
Ein solches Biopic steht und fällt mit der Hauptdarstellerin. Wie kamen Sie gebraucht, bis Sie die adäquate Schauspielerin gefunden haben?
Taylor-Johnson: Ich würde gern eine Anekdote erfinden, wie schwierig es war, die Richtige zu finden. Aber es war ganz anders. Ich hatte eine wunderbare Castingdirektorin, Nina Gold, mit der ich schon bei meinem ersten Film gearbeitet habe. Sie wusste, wie wir das angehen wollten. Und hat aus Hunderten von Frauen sehr sorgfältig acht Kandidatinnen herausgepickt. Von denen wurde mir Maris gleich als Erste vorgestellt. Sie war dann auch die Erste beim Vorspielen. Und ich dachte sofort: Ich hab‘ sie gefunden! Das war ein gutes Gefühl.

Frau Abela, Sie spielen Amy Winehouse nicht nur, Sie singen auch ihre Songs. Wie viel Mut, wie viel Kraft hat das gekostet?
Abela: Als ich den Job annahm, war das noch nicht klar. Das Wichtigste für Sam und mich war, dass wir ein Werk von innen heraus schaffen wollten. Ich habe Gesangsübungen erst mal nur gemacht, um zu lernen, wie sie sich dabei bewegt hat. Aber in den vier Monaten der Vorbereitung wurde immer klarer, was wir verlieren würden, wenn ich nicht selber singe: die Intention hinter jedem Moment. Ist Amy nervös, ist sie verliebt, will sie die Menge für sich gewinnen oder ist ihr das egal? All diese Momente wollte ich als Schauspielerin selber ausdrücken. Dabei konnte man aber keine Musik spielen.
Ihr Film lebt ganz aus der Perspektive von Amy Winehouse. War das von Anfang das Konzept?
Taylor-Johnson: Ja, unbedingt. Es sollte kein typisches Biopic sein. Ihr ganzes Leben wurde ja schon reichlich auseinandergepflückt und bewertet. Sie war ja ständig in den Schlagzeilen. Das war aber immer die Sicht von anderen. Ich fand, man musste zu ihr selbst und ihrer Stimme zurückkehren. Deshalb haben wir den Film so gemacht, dass die Texte ihrer Songs die Geschichte diktiert haben. So erzählt sie ihre eigene Geschichte und wir geben wir ihr in gewisser Weise ein Gefühl von sich selbst zurück. Das schien mir die naheliegendste Lösung zu sein. Statt dem Film Gedanken und Urteile von anderen aufzupfropfen.
Lesen Sie auch:„4 Blocks 2.0“: Die Netflix-Serie „Crooks“ mit Frederick Lau

Sie hatten eine überwiegend weibliche Crew am Set. War das wichtig für dieses Projekt?
Taylor-Johnson: Das hat sich von selbst ergeben. Das war am Anfang noch nicht so, wir mussten ein paar Leute austauschen. Aber es fühlte sich so einfach sinnvoll an. Denn die Geschichte brauchte Schutz, Marisa brauchte Schutz. Sie musste sich in einer sicheren Umgebung fühlen, um diese intensiven emotionalen Szenen spielen zu können. Und ich wollte auf keinen Fall eine Geschichte über eine junge Frau machen, die ein Opfer wird. Es fühlt sich leider oft so an, dass man bei erfolgreichen Frauen sehen will, wie sie untergehen. Wir wollten sie dagegen emporheben.
Abela: Wir mussten nie darüber reden, wie es für eine Frau ist, in der Öffentlichkeit zu stehen und öffentlich kritisiert und zerrissen zu werden. Das haben alle von Natur aus verstanden.
Noch eine ganz andere Frau, Frau Taylor-Johnson. Es gibt gerade einen Riesenhype um Ihren Mann Aaron Taylor-Johnson, der als neuer James Bond gehandelt wird. Nervt dieser Rummel, oder ist das auch eine verlockende Vorstellung?
Taylor-Johnson:(lacht) Ich finde, das ist eine aufregende Idee. Das ist meine beste Antwort darauf.
Lesen Sie auch:Jannik Schümann über seine Serie „Disko 76“

Sie haben auch mit ihm schon ein Musikerporträt gedreht, „Nowhere Boy“ über den jungen John Lennon. Haben Sie eine besondere Affinität für die Welt der Musik?
Taylor-Johnson: Ich liebe Musik wirklich sehr. Und finde, wenn man sich mit Musik beschäftigt, ist das auch eine sehr intime Erfahrung mit dir selbst. In „Nowhere Boy“ ging es um ein unbekanntes Kapitel, die Jugend von John Lennon. Aber es war faszinierend, herauszukriegen, wo diese Musik herkam. Bei Amy war es ähnlich. Man glaubt, alles von ihr zu wissen. Deshalb wollte ich einen Film machen, der wieder ihre Musik in den Vordergrund stellt.
Und wie fühlen Sie beide sich jetzt, wenige Tage vor dem Kinostart?
Abela: Ich bin sehr aufgeregt, auch nervös. Wir hatten gestern eine Vorführung hier in Berlin. Bis dahin habe ich den Film noch nie mit Publikum gesehen. Gestern habe ich das erste Mal erlebt, wie die Leute reagierten und geklatscht haben. Und wir wurden sehr warm aufgenommen, als wir auf die Bühne kamen. Das war genau das, was wir für die nächsten Wochen brauchen. Danke, Berlin!

Taylor-Johnson: Das geht mir ähnlich. Das war eine lange Reise mit dem Film, mehr als zwei Jahre. Jetzt bin ich so weit, ihn in die Welt zu entlassen. Und hoffe, den Leuten wird er genauso gefallen wie uns.
Haben Sie auch ein bisschen Zeit, um noch etwas von Berlin mitzubekommen?
Taylor-Johnson: Ich war schon ein paar Mal hier und mag Berlin wirklich sehr. Aber leider nein. Wir müssen heute Nachmittag gleich wieder los.
Abela: Ich bin heute aber extra etwas früher aufgestanden, um im Tiergarten zu joggen. Ich wollte eigentlich bis zum Brandenburger Tor laufen, aber das hat der Zeitplan dann doch nicht erlaubt. Deshalb musste ich umkehren.



