Beatles

Als John Lennon noch ein Niemand war

Der Film "Nowhere Boy" schildert die Jugendjahre des Beatles-Gründers in Liverpool – als ödipale Dreiecksbeziehung.

Was braucht man, um ein großer Künstler zu werden? Die Kulturindustrie liebt diese Frage von ganzem Herzen und stellt sie immer wieder aufs Neue, in diesen Filmen, die sich "Biopic" nennen. Sehr viele gibt es davon inzwischen, und es ist erstaunlich, dass sie allesamt nur eine einzige Antwort auf ihre Lieblingsfrage kennen: das frühkindliche Trauma. Das lässt sich nämlich sehr gut in bruchstückhaften Rückblenden erzählen, die regelmäßig wie ungebetene Erinnerungen auftauchen und dem Film eine verlässliche Struktur verleihen. Dabei beschränkt sich "Nowhere Boy", der Film, der morgen pünktlich zu Lennons 30. Todestag in die deutschen Kinos kommt, auf einen überschaubaren Abschnitt - Lennons Jugend in der Zeit zwischen dem Tod seines Onkels und Pflegevaters George Smith und dem Aufbruch seiner Band zu einem Hamburg-Gastspiel.

Der Beatles-Fan mag einiges von dem zu sehen bekommen, was er erwartet - den ersten Auftritt der Quarrymen beim Kirchengemeindefest in Woolton, das gemeinsame Gitarre-Üben von John und Paul im Kinderzimmer, das Studio-Debüt der jungen Band - aber ein Beatles-Film ist das nicht. Der Name wird nicht ein einziges Mal in den Mund genommen; dieses Auslassen sorgt immerhin für einen der wenigen augenzwinkernden Momente in "Nowhere Boy".

Ansonsten hat es dieser John, dem der gut spielende Aaron Johnson recht ähnlich sieht (wenn ihm mit der Nickelbrille zuweilen auch etwas arg Harry-Pottereskes anhaftet), nicht leicht. Sein Onkel stirbt, die erziehungsberechtigte Tante Mimi ist streng, die leibliche Mutter toll, aber unreif, und bei der Tante nicht gern gesehen. Und dann kommen immer wieder diese diffusen Kindheitserinnerungen hoch. Die vom Film-John wiederholt damit bekämpft werden, dass er eine Gartenzauntür wütend aufmacht und dann zornig ins Schloss wirft.

Eigentlich war die Idee nahe liegend und gleichzeitig mutig, eine Künstlerin mit der Regie dieses Films zu betrauen. Sam Taylor-Wood mag in ihren Installationen und Fotografien durchaus eine gewisse Wesensverwandtschaft zu Yoko Ono aufweisen - als Spielfilm-Regisseurin ist von diesem künstlerischen Verstörungsmut indes nichts zu spüren. "Nowhere Boy" ist Fünfzigerjahre-Ausstattungskino von der konventionellsten Sorte, visuell mutlos und zum Ende hin eindeutig viel zu tränendrüsig.

Dennoch ist nicht alles schlecht. Der Idee, Lennons Jugend als ödipale Dreiecksbeziehung zwischen Mutter, Tante und Adoleszenten zu erzählen, kann man nicht eine gewisse Originalität absprechen. Vor allem auch deshalb, weil sie von so einer hervorragenden Darstellerin wie Kristin Scott Thomas mit Leben gefüllt wird. So grimmig-bedrohlich wie ihre Tante Mimi hat man selten jemanden rauchen gesehen, und doch ist da in ihren Blicken bei aller Strenge immer eine große Liebesbedürftigkeit zu spüren.

Taylor-Wood und ihr Drehbuchautor Matt Greenhalgh (er schrieb auch Anton Corbijns Joy Division-Hommage "Control") nehmen sich gegenüber der zu Grunde liegenden Buchvorlage, den Erinnerungen der Lennon-Halbschwester Julia Baird, die Freiheit heraus, Mimi nicht als herzloses Monster zu zeigen. Manchmal ist die dramaturgische Begradigung der komplexen Realität doch nicht so verkehrt.