Kritik

Katharine Mehrling singt, Barrie Kosky begleitet

Songs aus dem Exil: Mit einem Kurt-Weill-Programm begeisterten Katharine Mehrling und Barrie Kosky ihr Publikum in der Komischen Oper

Katharine Mehrling und Barrie Kosky in der Komischen Oper.

Katharine Mehrling und Barrie Kosky in der Komischen Oper.

Foto: Reto Klar

Barrie Kosky, der seit 2012 als Chefregisseur und Intendant die Komische Oper prägt, hatte vor gut zwei Jahren die Idee, ein Programm mit Songs von Kurt Weill zusammenzustellen, die nach seiner Berliner Zeit mit Bertolt Brecht im Pariser und New Yorker Exil entstanden sind. Den Klavierpart übernahm der studierte Pianist Kosky jetzt bei der Premiere von „Lonely House“ am Sonntag gleich selbst, und als Sängerin konnte er die vielfach ausgezeichnete Berliner Sängerin und Schauspielerin Katharine Mehrling gewinnen.

Kurt Weills Musik ist für viele ohne die Texte von Bertolt Brecht kaum denkbar. Die 1928 in Berlin uraufgeführte „Dreigroschenoper“ ist seit Jahren ein Dauerbrenner auf den Theaterbühnen der Welt, und die Moritat von „Mackie Messer“ geriet zum Popsong, der von so unterschiedlichen Sängern wie Louis Armstrong, Sting oder Campino interpretiert wurde. Weniger bekannt hingegen sind insbesondere in Deutschland die Werke, die Weill im französischen und amerikanischen Exil schuf.

Zur Begleitung der Musette-Walzer erklingt das Akkordeon

Als der Komponist 1933 nach Paris kam, waren dort im Jahr zuvor die „Dreigroschenoper“ und „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ mit großem Erfolg aufgeführt worden. Doch musikalisch wollte Weill da nicht stehen bleiben, in seinen Pariser Kompositionen zeigten sich bald neue Einflüsse. So ist die 1934 entstandene Musik zum Schauspiel „Marie Galante“ sanfter und von Elementen der französischen Volksmusik geprägt, Weill lässt sogar zur Begleitung der Musette-Walzer das Akkordeon erklingen.

Zwei Jahre blieb Weill in Frankreich, dann zog es ihn nach New York. Anders als in Paris war der Dessauer Komponist dort vollkommen unbekannt, und mit seiner europäischen Musik konnte er beim amerikanischen Publikum nicht landen. So erfand sich Weill abermals neu, indem er sich intensiv mit den amerikanischen Theaterproduktionen auseinandersetzte. Bereits 1936 startete er seine Karriere als Broadway-Komponist mit dem Musical „Johnny Johnson“. Auch die folgenden Musicals „The Eternal Road“ und „Knickerbocker Holiday“ sind erfolgreich, werden über 150-mal aufgeführt, seinen großen Durchbruch erlebt Weill jedoch mit „Lady in the Dark“, dessen Filmrechte an Paramount Pictures verkauft werden.

Mehrling überzeugt als unnahbarer Vamp ebenso wie als Ulknudel

Katharine Mehrling und Barrie Kosky bilden musikalisch wie darstellerisch ein brillantes Gespann. Mehrling weiß sich ebenso gut in die sentimentalen Gefilde der französischen Chansons einzufühlen wie in den Glamour der Broadway-Songs. Als unnahbarer Vamp überzeugt sie ebenso wie als Ulknudel, die im Song „Tschaikowsky“ wie ein Maschinengewehr in großartig überdrehtem Pseudo-Russisch 50 Komponistennamen ausspuckt. Die dynamische Bandbreite ihrer Stimme ist beachtlich, und die Verständlichkeit der englischen wie auch französischen Texte bewundernswert.

Auch Barrie Kosky – der auf der Bühne wirkt wie ein Psychologieprofessor aus einem Woody-Allen-Film, der im Nebenberuf gleich noch ein exzellenter Jazzpianist ist – erweist sich als einfühlsamer musikalischer Partner am Flügel, der insbesondere in den tänzerisch-groovigen Nummern mit Schmackes zupackt. Da gab es im ausverkauften Saal der Komischen Oper zu Recht Standing Ovations.