Film der Woche

Gefangen im Goldenen Käfig

| Lesedauer: 6 Minuten
Meisterdieb Nemo (WillemDaoe) dringt in eine palastartige Wohnung ein - und kommt bald nicht mehr heraus.

Meisterdieb Nemo (WillemDaoe) dringt in eine palastartige Wohnung ein - und kommt bald nicht mehr heraus.

Foto: Focus Features

Klaustrophobie pur: Im Film „Inside“ steckt ein Dieb in einem Luxus-Penthouse fest. Eine grandiose One-Man-Show für Willem Dafoe.

Nur ganz kurz soll es dauern. Sieben Minuten, um in das Luxusappartement eines Superreichen einzudringen und drei millionenschwere Gemälde von Egon Schiele zu stehlen. Dafür arbeitet der Kunstdieb Nemo (Willem Dafoe) mit Hackern zusammen, die das voll-elektronische System der wie eine Festung gesicherten Wohnung aus der Ferne aushebeln.

Doch dann hängen nur zwei der Schieles da, das dritte und wertvollste aber, ein Selbstporträt des Malers, fehlt. Und als Nemo fliehen will, kommt er nicht mehr raus. Stattdessen geht die Alarmanlage los. Und nachdem er sie brachial außer Gefecht setzt, spinnt die ganze Anlage des Smart-Home.

Robinson mal nicht auf einsamer Insel, sondern in einer Millionenmetropole

Da steht der Mann nun, ganz allein und verloren. Im Penthouse eines Hochhauses, mitten in New York, in einem spektakulären Traum aus Stahl, Beton und Glas, mit Blick auf die Skyline der Stadt. Und sitzt fest. Weder Tür noch Fenster lassen sich öffnen. Es gibt auch keinen Kontakt mehr zu den Helfershelfern.

Das ist die Ausgangssituation von Vasilis Katsoupis’ Film „Inside“, der auf der Berlinale Premiere hatte und diese Woche ins Kino kommt. In dem Palast befindet sich auch ein riesiges Aquarium, in das der Dieb verdutzt guckt. Ein Ironiesignal. Denn er ist hier genauso gefangen wie die Zierfische. Sein Kasten ist nur etwas größer. Aber ein buchstäblich Goldener Käfig. Das bringt der Titel schon schön auf den Punkt.

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Der Trailer zum Film: „Inside“

Männer allein in der Wildnis, das ist schon ein eigenes Filmgenre. Auch „Inside“ ist so eine Robinsonade. Mit dem Unterschied freilich, dass es Crusoe hier mal nicht auf eine einsame Insel verschlägt. Sondern in die komplette Isolation mitten in einer Acht-Millionen-Metropole. Während der Einbrecher anfangs noch fürchtet, entdeckt zu werden, weicht das bald einer ganz anderen Angst: nicht mehr rauszukommen. Er kann zwar via Bildschirm die Sicherheitskameras des gesamten Gebäudes verfolgen, einschließlich der Reinigungs- und Sicherheitskräfte, aber mit niemandem kommunizieren. Und keinen um Hilfe rufen. Über Stunden, Tage, Wochen.

Und auch wenn das mondäne Refugium voller wertvoller Kunstwerke und edler Designmöbel ist, fehlt es doch am Nötigsten. Der Kühlschrank ist leer, das Leitungswasser abgestellt. In den Schränken findet sich nur Champagner, eine Dose Kaviar – und trockene Cracker. Es gibt sogar ein Zierbassin im Boden, aber dessen Wasser ist verchlort. Der Mann hat also weder zu Essen noch zu Trinken. Und dann spinnt auch noch die Klimaanlage. Und die Temperatur steigt auf Grade, die einem nicht nur den Schweiß auf die Stirn treiben, sondern fast kollabieren lassen.

Isolation und Verlorenheit: Die Ängste der Corona-Pandemie auf die Spitze gebracht

Not macht erfinderisch. Bald schon wird der Dieb zu einem MacGyver, der sich wie der Held aus der der gleichnamigen TV-Serie aus allen möglichen Teilen, die gerade greifbar sind, zweckdienliche Werkzeuge bastelt. So stellt Nemo Töpfe in die Beete, die – das immerhin funktioniert – in regelmäßigen Abständen bewässert werden. Nudeln kriegt man auch ohne Kochen weich, wenn man sie über Tage einweicht.

Die Zierfische werden bald zu Sushi. Vor allem aber zertrümmert Nemo die Luxusmöbel und stapelt sie übereinander, um an die mögliche Schwachstelle des Sicherheitstrakts heranzukommen: die Sichtblenden an der unerreichbaren Decke. Ein Turm der Not zwischen all der Kunst, die selbst zu einer Skulptur wird.

Die Corona-Pandemie hat mit ihren Lockdowns ein paar echte Filmblüten hervorgebracht: Kammerspiele auf engstem Raum, mit so wenig Personal wie möglich. Was eben bei den ersten Lockerungen unter strengen Sicherheitsvorkehrungen möglich war.

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Auch dem griechischen Regisseur Katsoupis kam die Idee zu diesem Film in diesen Tagen. Er trieb sie aber mit bitterer Ironie weiter als alle Vorgänger. Weil er auch die Situation der Isolation, des Abgeschnittenseins, der Verlorenheit thematisiert, die uns allen noch schmerzhaft in Erinnerung ist. Und er treibt sie wüst auf die Spitze. Ein Kammerspiel, das trotz seiner üppigen 800 Quadratmeter bald klaustrophobisch wird. Ein Effekt, der sich im dunklen Kasten eines Kinos noch erheblich verstärkt.

Da sitzt ein menschlich’ Wesen, in göttlich erhöhter Position, in paradiesischem Ambiente. Und vegetiert langsam vor sich her. Das exquisite Interieur wird bald zum Schlachtfeld. Der Mensch verliert erst die Ruhe, dann die Hoffnung und schließlich den Verstand. Er zerstört die Kunst. Und schmiert über die Wände. Zerrbilder seiner Angst, die selbst zu Kunst werden. Und wie die ältesten Höhlenbilder der Welt auch ein archaisches Zeugnis: Hier war ich Mensch, hier musst’ ich’s sein.

Der Film lebt ganz von seinem Hauptdarsteller, der sich der Situation ganz ausliefert

Das klingt schräg, konstruiert und so, als wäre der Film schnell ausgereizt. Doch Katsoupis findet immer neue Wendungen und irrwitzige Bilder. Der Grieche, der als Werbefilmer begonnen hat, scheint hier gleichfalls die Werbeästhetik für teure Accessoires zertrümmern zu wollen. Sein größter Trumpf aber ist sein Hauptdarsteller.

Willem Dafoe mit seinem kantigen Gesicht trägt diesen Film in jeder Minute, mit jeder Fiber seines wie immer unter Hochspannung stehenden Körpers. Der 67-Jährige ist ein eigenwilliger Star. Der sich nicht hergibt für routinierten, vorhersehbaren Mainstream. Sondern sich immerzu und mit Lust verausgabt für schräge, experimentelle Filme mit existenziellen Erfahrungen. Auch wenn die an Grenzen gehen. Wie diese grandiose One-Man-Show. Eine einzige Tour de Force. Für den Dieb. Für den Darsteller. Und für den Zuschauer.

Drama Griechenland/D/CH/GB 2022, 105 min., mit Willem Dafoe