Für den 1968 in Rumänien geborenen Wahlberliner Daniel Knorr, der mit 14 Jahren nach Deutschland kam, muss die Schwartzsche Villa in Steglitz größenmäßig ein Schmuckkästchen sein – gemessen an dem Raum, den er sonst gerne einnimmt. Vom Turm am Kasseler Fridericianum hat er 2017 im Rahmen der documenta 14 Rauch in den Himmel steigen lassen, das Dach der Neuen Nationalgalerie in Berlin bestückte er anlässlich der 5. Berlin-Biennale 2008 mit Fahnen von Studentenverbindungen, auf der Manifesta 7 war es, ebenfalls 2008, eine ehemalige Fabrik in Rovereto, der er Türen und Tore wegnahm.

Daniel Knorr: Die Räume sind Teil seines Schaffens

Von der Größe her sind die Ausstellungsräume in der Steglitzer Villa mit dem rumänischen Pavillon auf der Biennale in Venedig vergleichbar. Aber den hat er 2005 einfach leer gelassen. Daniel Knorr reagiert auf die Orte, die seine Kunst zeigen. Sie sind Teil seiner Arbeit. Zusammen mit seinen Aktionen, Interviews und der Resonanz des Publikums ergibt sich daraus etwas Neues, das er die Materialisierung seiner Ideen und Konzepte nennt.

Für die von Christine Nippe kurierte Ausstellung in Steglitz hat er sich den Titel „Rinde“ ausgesucht und aus seinem Zweitatelier in Hongkong gleich eine mitgebracht: den Abdruck eines Palmenstammes aus dem dortigen Disneyland. Knorr nennt das Werk „Tree Hug“: Baumumarmung. Fernweh trifft auf kommerzialisierte Fantasiewelt und spirituelle Naturromantik. Drei Klischees, nicht nur symbolisch in Gold gefasst: Der Abdruck aus transluzentem Kunstharz zeigt seine glatte Seite, die mit Blattgold veredelte eigentliche Baumrinde, mit ihren Furchen und Kerben, weist zur Wand. Gewissermaßen sehen wir eine Rinde aus der Perspektive des Baumes.

Daniel Knorr: „Tree Hug Animal Print“ (2023).
Daniel Knorr: „Tree Hug Animal Print“ (2023). © VG Bild-Kunst Bonn 2023 | Bernd Borchardt

Das Verfahren ist aus Knorrs Serie „Depression Elevations“ bekannt: Tiefen-Erhöhungen. Dabei ging es bisher um die Rinde der Erde, die Menschen im Dienst von Schnelligkeit und Ressourcengewinnung stetig versiegeln und verdichten. Die Abdrücke von Schlaglöchern und Spuren im Wegesystem erzählen von Verletzungen und Widerständen. In Steglitz hängt eine rotbraun-verkrustete Abschürfung: Der Abdruck einer Caterpillar-Raupe aus einer Braunkohlegrube.

Die „Canvas-Skulpturen“ scheinen auf den ersten Blick keine Abdrücke zu sein. Schaut man aber genauer hin, entpuppen sie sich als Leinwandabdrücke, bei denen die Farbe in Form von pigmentiertem Kunststoff wie eine Rinde von der Leinwand gezogen, danach gefaltet und geformt wird. Das so zur Plastik gewordene Bild „Tree Hug Animal Print“ war zunächst der Versuch, mit Farben die menschliche Haut abzubilden, verwandelte sich dann aber in ein Tierfellmuster: Die einen drücken ihre Haut auf Baumrinden, die anderen bedrucken Kleidung mit Animal Print. Eine zutiefst menschliche Sehnsucht nach Nähe zur Natur ist in diesen Arbeiten ebenso zu spüren wie die seltsamen Auswüchse dieses Bedürfnisses.

Daniel Knorrs Arbeit „Laundry: Peardrop“ (2022).
Daniel Knorrs Arbeit „Laundry: Peardrop“ (2022). © VG Bild-Kunst Bonn 2023 | Bernd Borchardt

Im kleinen Raum der Galerie scheint die Natur dagegen ausgesperrt. Ein buntes Mikroauto steht da, zusammengesetzt aus einzelnen Leinwänden. An den Wänden hängt das Auto noch einmal, diesmal zerlegt in seine Einzelteile. „Laundry Peardrop“ ist das Ergebnis von automatischer Malerei, ausgeführt von einer umfunktionierten Autowaschanlage, erstmals gezeigt als Happening auf der Art Basel. Es fügt sich wunderbar in die kuratorische Klammer, die Christine Nippe als Leiterin der Galerie für das Jahr 2023 der Schwartzschen Villa verordnet hat: „Empathische Räume“. Denn es ist ein Gefährt, das man im Vergleich zu manch hochgerüstetem Vehikel draußen am liebsten streicheln will.

Schwartzsche Villa, Grunewaldstraße 55, Steglitz. Informationen hier.