Monica Bonvicini

Neue Nationalgalerie: Der raffinierte Spiegeltrick

| Lesedauer: 6 Minuten
Ulrike Borowczyk
Monica Bonvicini ist seit 2017 Professorin für Bildhauerei an der Universität der Künste Berlin.

Monica Bonvicini ist seit 2017 Professorin für Bildhauerei an der Universität der Künste Berlin.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Die Berliner Künstlerin hat dem Mies-van-der-Rohe eine verspiegelte Empore verpasst – und ihn lustvoll verfremdet.

Verflixt! Fast wäre man in die Spiegelwand reingelaufen. Schon wieder. Obwohl man weiß, dass sie da ist. Anfänglich nimmt man sie gar nicht wahr, denn sie ist so raffiniert in die Ausstellungshalle der Neuen Nationalgalerie eingepasst, dass man den Trick erst durchschaut, wenn man plötzlich vor dem eigenen Spiegelbild steht. Die Wand ist Teil einer großflächigen, begehbare Empore, genannt „Upper Floor“, die die Bildhauerin, Installations- und Konzeptkünstlerin Monica Bonvicini in die gläserne Halle hineingesetzt hat. Damit hat sie dem Bau räumlich eine totale Veränderung verordnet.

Der Pavillon als Spielwiese der Künstlerin

Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie, scherzt bei der Pressepräsentation, dass Monica Bonvicini schon einige Museum fast zum Einsturz gebracht und durchlöchert habe. In jedem Fall ist er begeistert, dass die erste große, bahnbrechende Ausstellung in seiner Amtszeit der seit 30 Jahren in Berlin lebenden Italienerin gewidmet ist, mit der er seit den Neunzigern immer wieder eng zusammengearbeitet hat. Die Schau vermittelt die Medienvielfalt, mit der Monica Bonvicini arbeitet und zeigt eine innovative, zugewandte Künstlerin, die den Besucher als Teil der Ausstellung begreift. Kuratiert von Joachim Jäger und Irina Hiebert Grun, ist „Monica Bonvicini. I Do You“ keine klassische Retrospektive, da die 57-Jährige immer ortsspezifisch arbeitet. Jetzt hat sie den ikonischen Glaspavillon von Mies van der Rohe zu ihrer Spielwiese gemacht.

Schon von Weitem sichtbar, verstellt eine überhausgroße Spiegelwand den Eingang und begrüßt die Besucher mit den Lettern „I Do You“. Eine Ansage, die sowohl einlädt, die Ausstellung zu erleben, als auch an die distanzierte Architektur der Moderne, die es zu überwinden gilt. Bei Monica Bonvicini gehört auch der Raum außen um die Haupthalle zur Ausstellung – mit einer Ton-Installation, die 2000 Titel ihrer Werke zitiert. Man bekommt einen ersten Eindruck von der immensen Strahlkraft, die mit der Veränderung innen in der Halle einher geht.

Lesen Sie auch:Das sind die Pläne für die Neue Nationalgalerie

Die Mieserianer dürften toben, denn Monica Bonvicini hat die elegante, verglaste Halle komplett umgekrempelt: die Aneignung eines Museums. Die Künstlerin verbindet ihre Schwerpunktthemen Feminismus und Architektur, indem sie das Gebäude transformiert, zu einem Ort des Miteinanders macht. Es gibt zum Beispiel eine Wärmestube mit Gratis-Tee. Kunst als Treffpunkt in der dunklen Jahreszeit. Und sie macht Spaß, weil sie den Besuchern Perspektiven eröffnet. Wer auf dem Podest steht, ein Konstrukt aus Stahl und Spiegeln, erlebt die Halle aus einem völlig neuen Blickwinkel. Auf Sitzmöbeln mit Leder und Nieten kann man verweilen. Oder man nutzt die Schaukeln aus Stahlketten, die „Chainswing Leather Round“.

Die Halle wird wohnlicher, nahbarer und intimer

Perfekt zwischen den Versorgungspfeilern inszeniert, steht hier oben aber die Lichtinstallation „Light me Black“ im Mittelpunkt, deren Neonröhren U-förmig angeordnet sind. Nach außen strahlen sie hell und geben Wärme ab. Das schattige, offene Innere desillusioniert hingegen mit schwarzen Kabeln. Wie so oft, geht eine ansprechende Oberfläche mit einer wenig glamourösen Rückseite einher. Fast schon hyggelig ist der Teppich auf der Empore. Aufgeteilt in Motiv-Quadrate, die auf den Boden geworfene Kleidung abbilden. Eine zerknüllte Jeans etwa oder Unterhosen in allen Spielarten.

Kein Wunder, dass Kurator Joachim Jäger findet, Monica Bonvicinis drastischer Eingriff in den Raum mache das Gebäude viel wohnlicher, nahbarer und intimer. „Etwas, das die Moderne ausgeblendet hat und nicht wollte“, erklärt er. Und er findet, dass der Vitrinen-Charakter des Hauses, das Exhibitionistische durch die verspiegelte Empore noch gesteigert wird. Wie auch durch die riesigen Lichtinstallationen, die weit in die winterliche Dunkelheit leuchten.

Lesen Sie auch:Eine lebende Skulptur in der Neuen Nationalgalerie

Geht man einmal um „Upper Floor“ herum, erkennt man, dass Monica Bonvicini das Architektur-Konzept von Mies van der Rohe radikal erweitert hat. Die Übergänge von außen nach innen sind nicht nur fließend, sie sind transparent. In den Spiegelwänden wird auf drei Seiten die gesamte Umgebung reflektiert, da Außen nach innen geholt. Scharouns Staatsbibliothek, die Hochhäuser am Potsdamer Platz, die St. Matthäus-Kirche am Kulturforum, die Baustelle des Museums des 20. Jahrhunderts. Jeder Schritt offenbart eine neue Ansicht. Auf der rechten Seite zitieren Spiegelarbeiten Architekturzitate. Die Plexiglas-verkleidete Rückseite indes enthüllt das Gerüst unter „Upper Floor“. Quer darüber steht in Großbuchstaben „Desire“. Was wohl auch den Wunsch und das Verlangen ausdrückt, die monumentale Halle einmal anders zu bespielen.

Sogar die Besucher werden zu Ausstellungsobjekten

Monica Bonvicini, die schon Soloausstellungen in der ganzen Welt hatte und eine Professur an der Berliner Universität der Künste hält, kennt die Neue Nationalgalerie seit drei Jahrzehnten. Von Kollegen hat sie oft gehört, das Gebäude sei nicht gut geeignet für moderne Kunst. Dem widerspricht sie vehement: „Das stimmt nicht!“ Und beweist das Gegenteil. Bei ihr werden sogar die Besucher zu einem Exponat. Die Arbeit „You to Me“ macht es möglich. An drei Seiten der Halle baumeln Handschellen an Stahlseilen von der Decke herab. Wer will, kann sich für mindestens 30 Minuten anketten und bestaunen lassen.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, Tiergarten, Tel. 266 42 42 42, bis 30.4.23, Di. Mi., Fr.-So. 10-18 Uhr, Do. 10-20 Uhr