Hauptrolle Berlin

Der Hitler-Anschlag als Thriller: „Operation Walküre“

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Tom Cruise als Graf von Stauffenberg (M.) und Christian Berkel als Oberst Mertz (vorn links) im Kreis der Widerstandskämpfer, die den Anschlag auf Hitler planen.

Tom Cruise als Graf von Stauffenberg (M.) und Christian Berkel als Oberst Mertz (vorn links) im Kreis der Widerstandskämpfer, die den Anschlag auf Hitler planen.

Foto: 20th Century Fox

Am 7. Februar zeigt der Zoo Palast noch einmal den Film „Operation Walküre“. Und Christian Berkel spricht über die Dreharbeiten.

Als dieser Film Mitte 2007 in Berlin gedreht wurde, stand die ganze Hauptstadt Kopf. „Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat“ entstand unter größter Geheimhaltung, nicht mal eine Pressekonferenz wurde einberufen. Manche Zeitung setzte indes gleich mehrere Fotografen darauf an, Bilder aufzuschnappen. Handelte es sich dabei doch fast um einen Staatsakt. Weil Hollywood deutsche Geschichte verfilmte: den Anschlag auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944. Mit Tom Cruise als Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

Die Berliner mussten sich erst daran gewöhnen, dass in Mitte plötzlich Statisten in Wehrmachtsuniform Straßen blockierten. Bei einem Unfall am Bundesfinanzministerium, einst Sitz des Reichsluftfahrtministeriums, wurden elf Statisten verletzt, weshalb das Landesamt für Arbeitsschutz ermitteln musste. Und dann wollten die Amerikaner auch im Bendler-Block drehen: an dem historischen Ort, an dem Stauffenberg und andere Attentäter noch in der Nacht des Anschlags hingerichtet wurden.

Auch wenn man weiß, wie es ausging, ist der Film bis zum Schluss spannend

In Erinnerung an eben diesen Tag ist hier die Gedenkstätte Deutscher Widerstand untergebracht, weshalb das Verteidigungsministerium, das das Gebäude nutzt, die Würde des Ortes bedroht sah. Die Drehgenehmigung wurde schließlich doch noch erteilt, im September 2007, unter Auflagen und Ausschluss der Öffentlichkeit. Listige Reporter mieteten sich im Hotel gegenüber ein, um den Rummel zu verfolgen.

Vor dem Dreh wurde eine Schweigeminute eingelegt. Und Tom Cruise hielt eine Rede, die die wenigen, die dabei sein durften, bewegend fanden. Doch die Aufnahmen, die dann gedreht wurden, waren wegen einer Laborpanne im Kopierwerk unbrauchbar. Weshalb alle Szenen im Bendlerblock im Oktober noch einmal wiederholt werden mussten.

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Der Trailer zum Film: „Operation Walküre“

Noch mehr Aufregung gab es allerdings, als der Film am 20. Januar 2009 seine Europapremiere in Berlin feierte und zwei Tage später ins Kino kam. Denn obschon Stauffenberg-Biograph Hoffmann den Film für „korrekt“ befand, beeilten sich Historiker, falsche Details aufzulisten und zu bemängeln, als ginge es darum, die Deutungshoheit über die eigene Geschichte zu verteidigen. Der Verleih war indes nicht ganz schuldlos daran, hatte er doch vorab den Film als Thriller, eine Mischung aus „Mission: Impossible“ und „Gesprengte Ketten“, angekündigt.

Eine Ohrfeige für die Widerständler? Ein Politiker rief sogar zum Boykott des Films auf

Dass Regisseur Bryan Singer zuvor eine Comicverfilmung („Superman Returns“) gedreht habe, stieß ebenfalls manchem auf. Vor allem aber störte man sich daran, dass der Kämpfer gegen den Totalitarismus ausgerechnet von Tom Cruise, einem bekennenden Scientologen, verkörpert wurde. Nicht nur Stauffenbergs ältester Sohn Berthold – ein Generalmajor a. D. – sprach sich gegen diese Besetzung aus. Der FDP-Politiker Patrick Meinhardt meinte, es könne für die deutsche Widerstandsbewegung „keine größere Ohrfeige“ geben. Und der CDU-Kollege Michael Brand rief gar zum Boykott des Films auf.

Seither ist viel Zeit vergangen. Weshalb man den Film vielleicht noch mal aus der gebotenen Distanz betrachten sollte. Eine Gelegenheit dazu bietet nun die Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen waschechten Berlin-Film vorstellt. „Operation Walküre“, der hier am 7. Februar gezeigt wird, gehört unbedingt in diese Reihe, gibt er doch ein Zeit-Bild. Und rekapituliert eine Schicksalsnacht Berlins.

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Noch einmal erlebt man, wie der Wehrmachtsoffizier Stauffenberg in Afrika schwer verwundet wird, wie er daraufhin nach Berlin versetzt wird und dort mit anderen Widerständlern wie Generalmajor Henning von Tresckow (Kenneth Branagh), General der Infanterie Friedrich Olbricht (Bill Nighy) und Generaloberst Ludwig Beck (Terence Stamp) zusammenfindet und den Plan schmiedet, Hitler zu töten. Die Bombe trägt Stauffenberg in seiner Aktentasche zur Lagebesprechung in die Wolfsschanze.

Und wiewohl man weiß, dass das Attentat misslang, schafft der Film es doch, „dass man zwei Stunden lang atemlos auf der Stuhlkante sitzt“, wie Michael Althen damals in der „Frankfurter Allgemeinen“ schrieb. „Gemessen daran, was dem Film alles unterstellt und vorgeworfen wurde, gemessen auch daran, wie gründlich das alles hätte schiefgehen können, kann man allerdings schon fast von einem Triumph sprechen“, pflichtete auch Tobias Kniebe in der „Süddeutschen“ bei: „Auf jeden Fall ist es der bisher spannendste, wirklichkeitsnächste und komplexeste Spielfilm über den 20. Juli“.

Der bisher spannendste und komplexeste Film über den 20. Juli

Dabei hatte es schon vier deutsche Versuche gegeben: zwei Spielfilme, die fast zeitgleich zum 10. Jahrestag der deutschen Kapitulation 1955 ins Kino kamen: „Der 20. Juli“ mit Wolfgang Preiss und „Es geschah am 20. Juli“ mit Bernhard Wicki. Und zwei Fernsehfilme, ein früher von 1971, „Operation Walküre“ mit Joachim Hansen , sowie „Stauffenberg“ mit Sebastian Koch 2008. Auch sie waren nicht ohne Freiheiten und historische Fehler. Aber nie war die Empörung so stark gewesen wie bei der internationalen Produktion.

Die Idee zu dem Film kam Drehbuchautor Christopher McQuarrie, als er 2002 auf Berlin-Besuch war und ein Reiseführer ihn zum Bendlerblock führte, dessen Geschichte in den USA nicht sehr bekannt ist. McQuarrie, der für Cruise später weitere Drehbücher für „Mission: Impossible“ und zuletzt „Top Gun: Maverick“ geschrieben hat (für den er jetzt Oscar-nominiert ist), setzte sich daraufhin mit Ko-Autor Nathan Alexander an ein Drehbuch.

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Bis zuletzt tüftelten sie daran, wie man den Charakter zeichnen sollte, wie man klarstellen konnte, dass Stauffenberg kein Nazi war. Und aus reinem Gewissen handelte. Und nicht aus Rache daran, dass er in Afrika ein Auge und eine Hand verloren hat. Deshalb wurde, als der Film schon im Kasten war, noch eine Exposition nachgedreht, die Stauffenberg in Afrika zeigt, wo er bereits seinen Widerwillen gegen Hitler offenbart – und zugleich angedeutet wird, dass er wegen genau solch kritischen Äußerungen nach Afrika verlegt wurde.

Der Film beginnt mit dem Fahneneid auf Hitler – um das Gewissensdilemma zu zeigen, in dem sich die Widerstandsoffiziere befanden: weil sie ihm unbedingten Gehorsam bis in den Tod geschworen hatten. Und er endet mit der Inschrift des Ehrenmals an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand: „Ihr trugt die Schande nicht, Ihr wehrtet Euch, Ihr gabt das große ewig wache Zeichen der Umkehr, opfernd Euer heißes Leben für Freiheit, Recht und Ehre.“

Die Deutschen durften nur Nebenrollen übernehmen – und die Nazis geben.

Merkwürdig für den deutschen Zuschauer ist indes auch heute noch, dass die Widerständler alle von internationalen Stars verkörpert werden, den Herren Cruise, Branagh, Nighy und Stamp. Die vielen deutschen Schauspieler wie Thomas Kretschmann , Wotan Wilke Möhring und Matthias Schweighöfer müssen sich dagegen mit Nebenrollen begnügen und mal wieder die Nazis geben.

Zwei Ausnahmen gibt es indes: Stauffenbergs Enkel, der Schweizer Schauspieler Philipp von Schulthess, spielt Tresckows Adjutanten bei einem früheren Anschlagsversuch. Und Christian Berkel (dessen jüdische Mutter nur knapp aus einem Konzentrationslager entkam) ist als Oberst Albrecht von Mertz zu sehen: der einzige deutsche Star in der Widerstandsgruppe. Berkel fand es damals bemerkenswert, „dass die Amerikaner sich ausgerechnet einen Stoff wie Stauffenberg aussuchen.“ Er wird auch am 7. Februar im Zoo Palast über die Dreharbeiten sprechen.