„Es stehen bereits in allen Abteilungen Umzugskartons“, sagt Susanne Moser, die als Ko-Intendantin mit Philip Bröking die Komische Oper leitet. Es ist ihre erste Saison, und gleich steht ein großer Umzug bevor. Das Haus an der Behrenstraße wird für 437 Millionen Euro saniert und teilweise mit Neubauten erweitert, derweil zieht das Opernensemble ins Schiller-Theater nach Charlottenburg. Das geschieht über die Theaterferien hinweg.

„Am 10. Juni findet unsere letzte Vorstellung in der Behrenstraße statt, danach wird Abschied gefeiert. In den folgenden zwei Wochen ziehen die Mitarbeitenden nach und nach um“, sagt Philip Bröking. „Dann kommen die Möbelwagen. Eingebaute Technik, wie zum Beispiel die Beleuchtung, muss erst einmal abmontiert werden. Das wird sich länger hinziehen.“

Rund 430 Mitarbeiter betrifft der Umzug aus der Komischen Oper. Dazu zählen rund 110 Orchestermusiker, 60 Chorsolisten und etwa 30 Solisten und Solistinnen inklusive Opernstudio. Die Bühnentechnik, die Maske und die Kostümabteilung haben rund 100 Mitarbeitende. Der Rest sind Büroarbeitsplätze.

Ein Mitarbeiter räumt in der Komischen Oper eine Bibliothek im Keller aus. Insgesamt handelt es sich um 600 laufende Meter Akten und Bücher.
Ein Mitarbeiter räumt in der Komischen Oper eine Bibliothek im Keller aus. Insgesamt handelt es sich um 600 laufende Meter Akten und Bücher. © FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

„Wir gehen davon aus, dass wir unser Haus spätestens im September an die Stadt als Bauherren übergeben“, sagt Susanne Moser. „Aber wir werden als spätere Nutzer auch in der Bauphase eng mit dem Haus verbunden bleiben. Wir müssen im laufenden Prozess unsere Bedürfnisse rechtzeitig anmelden und mit allen am Bau beteiligten im Gespräch bleiben.“ „Wir behalten auch ein Büro im Haus“, sagt Philip Bröking, „damit wir vor Ort schauen und Gespräche führen können.“

Im Schiller-Theater steht dem Ensemble weniger Platz zur Verfügung

Die beiden Opernchefs wirken bestens vorbereitet und erstaunlich gelassen. „Wir wissen schon sehr lange, dass die Komische Oper saniert werden muss und haben bereits vor mehr als fünf Jahren die ersten Gespräche mit all unseren Abteilungsleitungen zum bevorstehenden Umzug geführt“, sagt die Intendantin. „Bei uns im Haus ist allen klar, dass wir im Schiller-Theater nicht mehr so viel Platz haben werden. Wie bei jedem Umzug überlegt man, was entsorge ich, was lagere ich ein, was nehme ich mit?“

Als öffentliche Institution könne man auf die Kapazitäten von zwei Archiven zurückgreifen, weshalb die Komische Oper schon vor einiger Zeit mit dem Archiv der Akademie der Künste und mit dem Landesarchiv Kontakt aufgenommen und Vereinbarungen geschlossen habe. Schon seit einigen Jahren bringe man immer wieder Material dorthin, heißt es. Es handelt sich um die gesammelten Probenpläne von Winter 1947 bis heute, Programmhefte, Korrespondenzen, aber auch Figurinen und einzelne Bühnenbild-Modelle.

„Der Proberaum für das Orchester ist im Schiller-Theater viel besser als der, den wir momentan haben“, sagt der Intendant. 225 Notenpulte werden umziehen, neun Klaviere und 17 Flügel. Auch 85 Leitern werden eingepackt. Darüber hinaus geht es um 600 laufende Meter Akten und Bücher und um 300 laufende Meter Schuhe – wenn man sie nebeneinander stellt. „Wir haben einen unglaublichen Schuhfundus“, sagt Susanne Moser. „Und die Felsenstein-Büste nehmen wir auch mit“, fügt Philip Bröking mit Blick auf den Gründer der Komischen Oper hinzu, der bislang einen Platz im Foyer hat.

Es gibt einen eigenen Kühltransporter für das Kunstblut

„Dazu kommt ein Kühltransport für Blut“, sagt Susanne Moser. Sie meint Kunstblut für die Bühne. „Bei uns auf der Bühne wird ja gelegentlich gestorben“, erklärt Philip Bröking lächelnd: „Wenn Barrie Kosky mit Kunstblut arbeitet, gibt es in den Endproben ein Angebot von der Requisite oder Maske. Man kann grundsätzlich davon ausgehen, dass Barrie die angebotene Menge nicht ausreicht. Wenn schon, denn schon!“ Kosky war der vorherige Intendant, und er bleibt der Komischen Oper als Regisseur erhalten. Barrie habe kein festes Büro mehr, heißt es, aber er ziehe mit um.

„Wir können hier in der Behrenstraße etwa sieben Bühnenbilder im Magazin lagern, im Schiller-Theater können wir höchstens zwei zu dem gerade gespielten Stück auf der Seitenbühne lagern. Wir müssen deshalb auch externe Flächen dazu mieten, um Kostüme Requisiten und Bühnenbilder zu lagern“, sagt Susanne Moser. „Es wird Mitte Juni auch noch ein Fundusverkauf und eine Art Flohmarkt stattfinden.“ Auch das gehört zum Abschied vom Stammhaus.

Der Umzug hat auch künstlerische Konsequenzen. „Wir haben unser Repertoire durchgeschaut und überlegt, was wir im Schiller-Theater zeigen wollen und können. Danach wurden die Stücke von der technischen Abteilung begutachtet, welche leicht, schwierig oder fast unmöglich übertragbar sind“, sagt Susanne Moser. „Beide Häuser haben zwar Drehbühnen, aber die Unter- und Seitenbühnen-Situation ist sehr unterschiedlich. Produktionen wie ,Rusalka’ oder ,Xerxes’ nehmen wir nicht mit und sie werden ein letztes Mal in dieser Spielzeit gezeigt.“ Von 25 Stücken wird etwa die Hälfte mitziehen.

Die Neuproduktion von „La Cage aux Folles“ ist bereits adaptiert

Die Komische Oper hat zwei Seitenbühnen, das Schiller-Theater nur eine. „Da muss adaptiert werden“, sagt Philip Bröking. „Die kommende Premiere ,La Cage aux Folles’ haben wir bereits so konzipiert, dass sie unkompliziert übertragbar ist. Bei einer solchen Produktion, in der alle paar Minuten ein Szenenwechsel stattfindet, bietet es sich an, die Umbauten von beiden Seiten zu inszenieren. Das Publikum wird bei der Premiere am 28. Januar erleben, dass alle Dekorationsteile von rechts kommen, weil es im Schiller-Theater keine linke Seitenbühne gibt.“

„Als neuer Gastgeber im Schiller-Theater bieten wir neben interessanten Neuproduktionen zunächst auch einige Perlen unseres Repertoires an wie ,Anatevka’, ,Zauberflöte’ oder ,Jewgeni Onegin’. Wir werden alles tun, um unser Publikum für den neuen Standort zu gewinnen“, sagt Philip Bröking. „In der nächsten Saison haben wir acht Premieren, drei davon finden außerhalb statt.“ Das gehört zum neuen Konzept. „Satelliten“ nennt sie Susanne Moser, „aber das Schiller-Theater wird unsere neue Heimat sein.“ Das erste „Satelliten“-Projekt, das bereits am 16. September Premiere hat, wird im März vorgestellt. Die Pressekonferenz für die erste Schiller-Theater-Saison folgt im April.

Das Schiller-Theater soll für fünf bis sechs Jahre Ersatzspielstätte sein

Der letzte Abend in der Komischen Oper soll ein besonderer sein. „Wir verlassen das Haus, aber wollen die guten Theatergeister mitnehmen“, sagt die Intendantin. „Deswegen machen wir nicht nur eine letzte Vorstellung und schließen die Türen ab, sondern werden noch einmal feiern. Es wird die Möglichkeit geben, auf der Bühne zu übernachten. Aber wir haben keine 4000 Schlafplätze, es gibt jetzt schon eine unglaubliche Nachfrage.“

Bleibt die Frage nach der Rückkehr? „Wir rechnen mit fünf bis sechs Jahren Bauzeit“, sagt Susanne Moser. „… was ein ambitioniertes Ziel ist“, fügt Philip Bröking hinzu. Ein konkretes Datum für die Wiedereröffnung kann keiner nennen.