Die Gala an der Komischen Oper Berlin feiert den 75. Geburtstag des Hauses – am 23. Dezember 1947 hob sich nach notdürftiger Beseitigung von Weltkriegsschäden der Vorhang erstmals im Zeichen des heutigen Namens des Hauses und unter der Federführung des legendären Regisseurs Walter Felsenstein, der von den russischen Besatzern als Intendant eingesetzt worden war. Der Coup einer kulturaffinen sowjetischen Militär-Elite. Auch 75 Jahre später blickt ein gespanntes Publikum mit vielen Ehrengästen – Klaus Wowereit und insgesamt fünf Berliner Senatoren sind darunter, Frank-Walter Steinmeier hält ein Grußwort – auf diesen Vorhang und erwartet eine glanzvolle Operngala. Ja, es gibt schon etwas in der Richtung zu sehen. Aber insgesamt kann man von der Veranstaltung, gemessen am Stellenwert für das Haus, doch etwas irritiert sein.

Im Zentrum des Abends steht ein fast 40 Minuten langer Dokumentarfilm über die Geschichte der Komischen Oper. Gedreht hat ihn der „Tatort“-Regisseur Axel Ranisch, der außerdem im kommenden Frühjahr an der Behrenstraße das „Saul“-Oratorium von Händel inszenieren wird.

Bei einer erwarteten Gala ist das ein Schwerpunkt, der unerwartet kommt – gerade wenn man das Profil der Komischen Oper in den letzten sagen wir 10 Jahren bedenkt. Chefregisseur Barrie Kosky verlegte sich in dieser Ära, radikal anknüpfend an die großen Zeiten des Ahnherrn Walter Felsenstein, auf die Feier des Augenblicks: Im Zeichen seiner glanzvollen und funkelnden Operetten-Revivals wusste man vor Pailletten auf der Bühne kaum, wo man hinschauen soll. Es ging aus der Tradition des emotional erzählenden Musiktheaters heraus stark in Richtung der intelligenten Revue – im Sinne eben nicht des geschichtsbewussten Zurückschauens, sondern im Sinne des „Man lebt nur einmal“ – sehr viel Show.

Es geht weniger um Vergnügen, mehr um historische Aufklärung

Doch das Kosky-Nachfolge-Duo in der Intendanz der Komischen Oper in Gestalt von Susanne Moser und Philip Bröking hat anders entschieden: Bei dieser Veranstaltung soll es nicht in erster Linie um Sinnlichkeit und Vergnügen, sondern um Aufklärung über künstlerische Geschichte gehen – um den Horizont für eine ungewisse Zukunft zu schaffen, die vom Umbau des Hauses und vom Publikumswandel geprägt sein wird.

Schauspieler Max Hopp gab eine Kostprobe als Milchmann Tevje in Barrie Koskys „Anatevka“-Inszenierung.
Schauspieler Max Hopp gab eine Kostprobe als Milchmann Tevje in Barrie Koskys „Anatevka“-Inszenierung. © Barbara Braun

Da droht die epochale Bedeutung der Komischen Oper für das Musiktheater der Gegenwart durchaus mal vergessen zu werden. Also macht man an diesem Abend die Gala zum Museum. In journalistischer Manier hat Filmemacher Ranisch Interviews mit lebenden und gestorbenen Komische-Oper-Entscheidern zusammengeschnitten.

Es ist viel Erhellendes dabei: Felsensteins Nachkriegsrevolution des Opernregie-Theaters mittels psychologischer Einfühlung – und das ständige Drängen der Sängerinnen und Sänger zur geistigen Durchdringung ihrer Rollen. Entscheidend in Felsensteins Konzept: Man muss auf der Opernbühne ein Gedanken auch denken, bevor und während man ihn singt. So wird etwa die für das Profil der Komischen Oper in der DDR so entscheidende Sängerin Anny Schlemm gezeigt, wie sie mit dem charismatischen Felsenstein ziemlich mutig um angemessene Intuition auf der Bühne ringt.

Dokumentaraufnahmen aus Proben der Regisseurin Christine Mielitz

Überhaupt, die Frauen: Von der langjährigen, offenbar auch an diesem Abend an Hebeln im Hintergrund beschäftigten Chefinspizientin Sabine Franz darf man im Film etwas über die Begeisterung der Mitarbeitenden für den bedingungslosen Theatergeist des Hauses lernen. In Dokumentaraufnahmen aus Proben der Regisseurin Christine Mielitz aus den frühen 1980er Jahren ist herauszulesen, dass in der DDR auch Frauen relativ früh künstlerisch den Hut aufhaben konnten – zumindest wenn sie, wie Mielitz, maximales Engagement und überwältigendes Charisma aufboten. Apropos Charisma: Auch die prägende Gestalt Harry Kupfers, erst vor wenigen Jahren gestorben, erhält im Film ihre Würdigung.

Der Kinderchor der Komischen Oper erinnerte an „Das schlaue Füchslein“, das der legendäre Theatergründer Walter Felsenstein auf die Bühne brachte.
Der Kinderchor der Komischen Oper erinnerte an „Das schlaue Füchslein“, das der legendäre Theatergründer Walter Felsenstein auf die Bühne brachte. © Barbara Braun

Dass mittlerweile eigentlich alle der Protagonisten der ersten und zweiten Stunde tot sind – daraus hätte die neue Leitung des Hauses für ihre Gala eventuell andere Schlüsse ziehen müssen. Ziemlich spaßbefreit wird im Film die kulturpolitische Vorgeschichte der jetzigen Situation durchdekliniert. O-Töne der Ex-Intendanten Homoki und Kosky sowie der Kulturpolitiker Flierl und Wowereit sollen die Heldengeschichte der Komischen Oper erzählen helfen. Leider kommt dabei unfreiwillig auch heraus: Die Komische Oper ist aus der kritischen Phase um das Jahr 2000 herum nur unbeschadet hervorgegangen, weil kein Westpolitiker es sich leisten konnte, ein Osthaus zu schließen – und umgekehrt. Und danach kamen ja zum Glück mehr Touristen. Nun ja.

Schauspieler Max Hopp gibt eine Kostprobe als Tevje aus „Anatevka“

Man ist fast froh, dass neben dem Film auch noch ein bisschen Musiktheater passiert: Der zuletzt am Haus als Regisseur in Erscheinung getretene Schauspieler Max Hopp gibt eine Kostprobe seines einst umjubelten „Anatevka“-Tevje, Dagmar Manzel präsentiert sich gut berlinisch in einem Auszug aus der Operette „Perlen der Cleopatra“. Die anderen künstlerischen Darbietungen nehmen Bezug auf legendäre Inszenierungen des Hauses, vor allem von Walter Felsenstein selbst – „Schlaues Füchslein“, „Ritter Blaubart“, „Fledermaus“.

Diesen Teil hätte man stärker durchdenken und entschiedener gestalten – und die filmische Doku in den RBB verbannen sollen. Der Geist dieses Hauses ist nicht durch eine volkshochschulähnliche Lehrstunde, sondern mittlerweile nur noch durch künstlerische Präsentation zu gegenwärtigen. Die Komische Oper ist zur Feier des Augenblicks fähig – sie sollte sich dazu bekennen. Dann gratuliert man ihr umso lieber.