Das Werk von Käthe Kollwitz hat für Berlin eine überwältigende Bedeutung. Man kann das nun wieder im nach ihr benannten Museum nachvollziehen, das im Theaterbau des Schlosses Charlottenburg ein neues Quartier gefunden hat. Zu den größten von ihr geschaffenen Ikonen zählt, nicht zuletzt durch Harald Haackes vierfache Vergrößerung in der Neuen Wache Unter den Linden, die Pietà-Plastik „Mutter mit totem Sohn“, entstanden 1937/38 und gewidmet dem im Ersten Weltkrieg gefallenen Sohn der Künstlerin.

In der Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen in Mitte findet sich eine spannende, zeitgenössische Antwort darauf – eine Neubelebung, wenn man so will. Der aus Hongkong stammende und in Berlin lebende Künstler Isaac Chong Wai nutzte schon in der Vorgängerausstellung „Spheres of Interest“ Kollwitz’ Holzschnitt „Die Mütter“ als Inspiration für eine Performance in der Klosterruine unweit des Alexanderplatzes, bei der sich Menschen eng umschlungen Nähe und Schutz spendeten. Nun hat er die „Mutter mit totem Sohn“ nachempfunden – mithilfe seines eigenen, auf eine Glasfläche gehauchten Atems, der dann mit einer speziellen Gravurtechnik auf mehreren Tafeln verewigt wurde. Auch eine Fotografie hält das Ergebnis fest, in der die „Mutter mit totem Sohn“ schemenhaft, aber doch deutlich erkennbar wiederkehrt.

Kunstausstellungen, die um die Welt gehen

Der Atem als flüchtiges Medium, als Sinnbild des vergänglichen Lebens: Das passt gut zu dem auf Performance fokussierten Werk dieses Künstlers. Es fügt sich aber auch schlüssig in das Ausstellungskonzept, das auch vom Reisen, vom Unterwegssein handelt. Das Institut für Auslandsbeziehungen, gegründet 1917 als erste deutsche Mittlerorganisation für Auswärtige Kulturpolitik, verfügt seit den 1970er-Jahren über eine wachsende Sammlung aus den Bereichen Kunst und Design, die in sogenannten Tourneeausstellungen um die Welt geht.

Adrien Missika kombiniert die mechanischen Musikinstrumente von Joe Jones mit Endre Tóts „Very special drawings“ – und hat dazu ein Silbenwürfelspiel aus gefundenen Steinen ersonnen.
Adrien Missika kombiniert die mechanischen Musikinstrumente von Joe Jones mit Endre Tóts „Very special drawings“ – und hat dazu ein Silbenwürfelspiel aus gefundenen Steinen ersonnen. © FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer

Schon für die Schau „Spheres of Interest“ hatten die Kuratorinnen Inka Gressel und Susanne Weiß Künstlerinnen und Künstler darum gebeten, die Sammlungsbestände zu sichten und mit ihnen in kreative Interaktion zu treten. Die Ausstellung „Chains of Interest“ setzt diese Idee fort, akzentuiert aber diesmal stärker die neu entwickelten Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler.

Ein Sprachgewirr als spitzer Kommentar

So bezieht sich die in Israel geborene Ofri Lapid auf die Arbeiten des US-Konzeptkünstlers und Theoretikers Joseph Kosuth, der mit seiner lexikalischen Arbeit „Kunst als Idee als Idee“ in der Wanderausstellung „Kunstraum Deutschland“ vertreten ist. Sie ließ die von ihm geschaffenen und ins Bild gesetzten Definitionen in die Sprache der jeweiligen Ausstellungsstandorte übertragen – und von dort in die nächste. Dabei entstanden natürlich kuriose Sinnverluste und -zuwächse, die den Ausgangstext spannend verfremdeten und die man nun in der Galerie akustisch nachempfinden kann – ein Sprachgewirr von großem kulturellem Reichtum, das zugleich die Idee der nationalen Repräsentation durch Kunst in Zweifel zieht.

Weitere Arbeiten von Gitte Villesen, Adrien Missika, Lizza May David und Wilhelm Klotzek belegen die Fruchtbarkeit der Idee des künstlerischen Dialogs. Die sehenswerte Ausstellung kann noch bis zum 22. Januar 2023 besichtigt werden.

ifa-Galerie Berlin, Linienstr. 139/140, Mitte. Geöffnet Di.-So. 14-18 Uhr, Do. 14-20 Uhr.